• vom 16.09.2017, 12:00 Uhr

Zeitgenossen

Update: 16.09.2017, 16:05 Uhr

Zukunftsforscher

"Ich bin Hiob, nicht die Botschaft"




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Von Bruno Jaschke

  • Warum es Entscheidungsträgern so schwer fällt, den Bedürfnissen der Menschen gerecht zu werden.

"Was jeder Lehrer in der Schule können muss - den Stoff so aufzubereiten, dass es die ihm Anvertrauten verstehen -, das fehlt in der Politik vollkommen." (Peter Zellmann) - © Philipp Hutter

"Was jeder Lehrer in der Schule können muss - den Stoff so aufzubereiten, dass es die ihm Anvertrauten verstehen -, das fehlt in der Politik vollkommen." (Peter Zellmann) © Philipp Hutter



"Wiener Zeitung": Bedingungsloses Grundeinkommen, Gesamtschule, Wert-Schätzung der Dienstleistungen: In Ihrem neuen Buch, "Die Zukunft, die wir wollen", adressieren Sie viele Forderungen und Vorschläge an die Politik. Um sie zu verwirklichen, müssten Politiker aber über den nächsten Wahltermin hinaus denken und handeln. Glauben Sie, dass sie dazu fähig und willens sind?

Peter Zellmann: Ich bin bei diesem Buch der Hiob, nicht die Botschaft: Was hier festgehalten ist, ist die wissenschaftlich erhobene Mehrheitsmeinung. Auf dieser Basis ergeben sich die Forderungen. Und ich hatte, als das Buch erschien, sehr wohl die Hoffnung, dass sich die Parteispitzen mit diesen aus der Bevölkerung kommenden Programmen auseinandersetzen. Aber es stellt sich heraus, dass auch jüngere, innovationsbereite Politikerinnen und Politiker ihrem Apparat und damit "dem Programm" ausgeliefert sind.

Information

Nur 14 Prozent unserer Lebenszeit verbringen wir in Beruf und Ausbildung. Die vermeintliche Überalterung unserer Gesellschaft ist eigentlich ein großer sozialer Fortschritt. Ein bedingungsloses Grundeinkommen für alle kurbelt die Wirtschaft an. Unser Bildungssystem braucht die Gemeinsame Schule für 10- bis 14-Jährige.
Das sind einige von mehreren vermeintlich kontroversen Erkenntnissen und Thesen, die Peter Zellmann nach jahrelangen wissenschaftlichen Erhebungen der mehrheitlichen Bevölkerungsmeinung zu Themen wie Wertwandel, Arbeitswelt, EU, Zuwanderung und Bildung in seinem neuen Buch "Die Zukunft, die wir wollen" (Manz Verlag) zur Diskussion stellt. Schon in seinen Büchern "Die Zukunftsgesellschaft" (mit Horst Opaschowski), "Die Zukunftsfallen" oder "Die Zukunft der Arbeit" hat sich der 69-jährige Sozialwissenschaftler, Erziehungswissenschaftler und Freizeitforscher mit den Zukunftsperspektiven unserer Gesellschaft befasst. Peter Zellmann ist Leiter des Instituts für Freizeit- und Tourismusforschung in Wien.

Bruno Jaschke, geboren 1958, lebt als freier Journalist und Autor in Wien und ist ständiger Mitarbeiter der "extra"-"literatur & music"-Seiten.

Sie beißen also auf Granit.

Ja - dabei konzediere ich beiden Führern der Traditionsparteien schon den grundsätzlichen Willen, Grundlegendes zu verändern. Unsere Parteien aber scheinen eher einem relativen Minderheitenprogramm ideologisch verpflichtet zu sein und können den Schritt zur offenen, das Links-Rechts-Schema überwindenden Mitte letztlich doch nicht tun.

Was verstehen Sie unter "relativem Minderheitenprogramm"?

Peter Zellmann im Gespräch mit "WZ"-Mitarbeiter Bruno Jaschke.

Peter Zellmann im Gespräch mit "WZ"-Mitarbeiter Bruno Jaschke.© Philipp Hutter Peter Zellmann im Gespräch mit "WZ"-Mitarbeiter Bruno Jaschke.© Philipp Hutter

Zum Beispiel, dass sich die Grünen Fragen der Geschlechter oder der Umwelt zu sehr widmen. Das heißt nun nicht, dass diese Dinge nicht wichtig wären. Aber sich ausschließlich diesem Devianzprogramm zu verschreiben, halte ich für einen Fehler. Aber den machen die Traditionsparteien genauso. Das Reizwort für die Konservativen ist die "Gesamtschule", die verwechselt wird mit dem sozialistischen Einheitsmodell der 70er Jahre, in Wahrheit aber ein vollkommen neues Schulsystem darstellt, das mit dem traditionellen Links/Rechts-Schema nichts zu tun hat. Und die Sozialdemokratie verschreibt sich letztlich noch immer einem Klassenkampf der Abgehängten. Auf ihren eigenen Erfolg, Menschen mittleren Wohlstand gesichert zu haben, baut sie nicht dynamisch auf. Man hat die Bevölkerung im Lebensstandard eine Etage nach oben geführt, und ist im Denken in der Etage drunter hängengeblieben.

Woran spießt es bei der Gesamtschule?

Der Hauptfehler ist, dass man äußere und innere Differenzierung verwechselt. Die äußere Differenzierung: Ich schicke mein Kind in DAS GYMNASIUM. Oder ich schicke es NUR in die Hauptschule oder in die neue Mittelschule. Was es aber braucht, ist eine innere Differenzierung. Das bedeutet, alle bis zu einer Altersstufe von 14 Jahren zu erfassen und innerhalb des Schultyps Gemeinsame Schule besser zu differenzieren, das heißt, die Begabten zu fördern, und die Schwachen mitzunehmen. Dann sollen manche weiterhin ins Gymnasium gehen, das übrigens niemand abschaffen will. Wie lange es dann dauern soll, hängt von der bis dahin erreichten Grundausbildung ab.

Zellmanns Kritik an Politikern: "Was früher der Adel war, sind heute Apparatschiks".

Zellmanns Kritik an Politikern: "Was früher der Adel war, sind heute Apparatschiks".© Philipp Hutter Zellmanns Kritik an Politikern: "Was früher der Adel war, sind heute Apparatschiks".© Philipp Hutter

Es geht also darum, im inneren Verhältnis durchaus und sogar besser zu differenzieren, aber diese zu früh von außen aufgezwungene Differenzierung - sprich: Entscheidung mit 10 Jahren - endlich aufzugeben. Weil wir auf diesem Weg der äußeren Differenzierung viele junge Menschen kraft der Bildungssituation der Eltern verlieren und den Begabten nicht wirklich helfen.

Sie stellen in dem Buch auch die Forderung nach einem bedingungslosen Grundeinkommen.

Und das können Sie einem Wertkonservativen, egal welcher Seite, einfach nicht beibringen. Die sehen das bedingungslose Grundeinkommen als Arbeitslosengeld für alle. Den Menschen wird nicht erklärt, dass diese Idee nichts anderes bedeutet, als die Produktivitätssteigerung der Wirtschaft auf alle zu verteilen. In einer hoch entwickelten liberalen Demokratie ist es möglich, durch die Grundproduktivität alle abzusichern. Es fallen alle Sozialleistungen weg - was eine ungeheure Ersparnis ist. Die Wirtschaft ist der größte Profiteur, denn bei ihr fällt ja der Sockelbetrag der ersten tausend Euro weg.

Dieses Modell haben konservative Politiker in Deutschland schon durchrechnen lassen, aber auch bei uns haben das Manager wie Werner Götz von DM, Stefan Pierer von KTM oder Hans Peter Haselsteiner befürwortet. Der Auftrag der Politik sollte sein: Schauen wir uns das einmal unaufgeregt an. Bilden wir eine Arbeitsgruppe der führenden Köpfe aus Ökonomie und Sozialwissenschaft mit dem Auftrag, das hieb- und stichfest durchzurechnen. Und wenn am Ende rauskommt, das rechnet sich unmöglich, brauchen wir nicht mehr darüber zu streiten. Aber wir sollten die Dinge unaufgeregt und ohne Ideologie-Verbrämung diskutieren.

Aber alles, was an die Öffentlichkeit geht, präsentiert sich ja aufgeregt.

Was jeder Lehrer in der Schule können muss - den Stoff so aufzubereiten, dass es die ihm Anvertrauten verstehen -, das fehlt in der Politik vollkommen. Die Politiker müssten in einer Grundausbildung einmal lernen, dass ihr Polit-Sprech überhaupt nicht geeignet ist, Menschen zu informieren - und die Verkürzung, die falsche Überschrift eine ungeheure Gefahr darstellt. Die Verkürzung auf etwas scheinbar Wesentliches, die dann in eine ganz falsche Richtung geht. Ein klassisches Beispiel: Mens sana in corpore sano - ein gesunder Geist in einem gesunden Körper. Das Menschenverachtendste, das es gibt. 100 Jahre lang hat die Sportpolitik weltweit ihr Selbstverständnis auf dieses Zitat aufgebaut. In Wahrheit ist das Originalzitat: Orandum est, ut sit mens sana in corpore sano. Also: Es ist darum zu beten, dass in einem gesunden Körper auch ein gesunder Geist ist.

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Dokument erstellt am 2017-09-14 17:00:11
Letzte ─nderung am 2017-09-16 16:05:43



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