• vom 16.09.2017, 12:00 Uhr

Zeitgenossen

Update: 16.09.2017, 16:05 Uhr

Zukunftsforscher

"Ich bin Hiob, nicht die Botschaft"




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Wie müssten sich Politiker denn idealerweise präsentieren?

Über den einen oder anderen Punkt im Programm des politischen Mitbewerbers zu sagen, "da haben die Recht". Das würde bei den Menschen einen ungeheuren Vertrauenszuwachs erzeugen. Die Menschen verlangen Authentizität und Ehrlichkeit. Und dazu gehört, dass ich sagen kann: was ich vorgestern in einem Interview gesagt habe - seid mir nicht böse, das war ein Unsinn. Heute ist so etwas noch undenkbar! Aber glauben Sie mir, in zehn, zwanzig Jahren werden Menschen eben wegen solcher Offenheit gewählt werden. Es braucht gerade an den Parteispitzen in der Politik Menschen, die so denken und fühlen wie eine Familie im Alltag. Und nicht Apparatschiks, die ja nichts anderes sind als früher der Adel war: eine abgehobene Lebensweise, die mit dem Alltag der Menschen nicht mehr in Kontakt kommt. Dieses Kontaktdefizit können Twitter und Facebook nicht ersetzen.

Wir haben nun viel über Politik geredet. Die Wirtschaft spielt aber doch auch bei der Aufrechterhaltung alter Strukturen und der Ignoranz des gesellschaftlichen Wandels mit. Denken wir nur an den Faktor Alter: De facto ist am Arbeitsmarkt jeder Jobsuchende über 50 chancenlos.

Die Wirtschaft handelt schizoid. Viele geben mir Recht, wenn ich sage, wenn in dieser Gesellschaft Menschen Gott sei Dank länger leben, sollen sie auch länger arbeiten. Wenn ich aber sage, wir müssen die Volksschulzeit verlängern, weil das längere Leben nicht nur längere Arbeitskraft ergibt, sondern auch längere gemeinsame Ausbildung braucht, winken sie ab. Der Hauptirrtum der Wirtschaft ist der Slogan "Gehts der Wirtschaft gut, geht’s allen gut". In Wahrheit ist es genau umgekehrt: Geht’s den Menschen gut, geht’s der Wirtschaft gut. Da wurde das Umdenken nicht geschafft: die Wirtschaft ist ein Teil des Lebens, aber nicht das Leben schlechthin.

Geriert sich die Wirtschaft nicht wie ein religiöses Dogma?

Ja, aber vor allem geht die Wirtschaft seit 30 Jahren einem vollkommen falschen gesellschaftlichen Bild nach: Dass allein das Brutto-Inlands-Produkt-(BIP)-Wachstum das Maß aller Dinge ist. Ein schrumpfendes BIP-Wachstum und ein erhöhter Wohlstandsindex wären für die Menschen im Zweifelsfall wichtiger. Unser BIP muss nicht um jeden Preis wachsen. Das wächst ja auch dort, wo die Produktivität gesteigert wird und sich die Arbeitslosenzahlen erhöhen. Die BIP-Steigerung allein sagt gar nichts - in einer solchen Gesellschaft kann es vielen Menschen ganz schlecht gehen.

Solche Dinge zu durchschauen, ist unsere Aufgabe als Wählerinnen und Wähler. Und wir haben nur die Chance, alle fünf Jahre unser Kreuzerl zu machen. Das ist unsere einzige Waffe.

Und was macht man, wenn kein einziger Kandidat den eigenen Vorstellungen entspricht?

Dann zählt einfach das "geringste Übel". Wir haben die Verpflichtung, wählen zu gehen und schlimmstenfalls eben das geringste Übel zu wählen. Ich schaue mir ja auch die Spiele der Österreichischen Fussballnationalmannschaft an (lacht).

Nicht hingehen ist eine Todsünde in der Demokratie, Ungültig wählen wäre schade um die Zeit. Sich politisch zu bilden, einmal diese Zeitung, dann bewusst eine andere zu lesen, einmal diesen TV-Sender, dann einen anderen zu sehen, ist uns im 21. Jahrhundert als Meinungsbildung zumutbar.

Sie schreiben, Populismus per se

ist weder gut noch schlecht. Eine

Politik mit dem Volk geht ja

nicht ganz ohne Populismus. Wo

hat er seine Grenzen?

Zunächst ist Populismus ein politisch-methodischer Auftrag. Ich muss wissen, wie das Volk denkt und empfindet. Dass man der Mehrheit nicht immer recht geben darf, die Mehrheitsmeinung nicht zum ausschließlichen Programm machen darf, ist etwas anderes. Die Demokratie hat selbstverständlich die Aufgabe, Minderheiten zu schützen. Aber das Nichtbeachten der Mehrheitsmeinung muss gut und verständlich begründet werden.

Dabei müssen sich Politiker auf die wirklich wichtigen Themen konzentrieren und sich für diesen Prozess besonders viel Zeit nehmen. Innerhalb der jeweiligen Partei muss abgestimmt vorgegangen werden. Da müssen die Schlüsselbegriffe von allen gleich verwendet werden, um den Menschen in aller Ruhe zu erklären warum die Mehrheit in dieser Frage nicht Recht hat. So bringt man meiner Erfahrung nach 50 Prozent der Unentschlossenen auf seine Seite. Auch das ist dann Populismus. Im positiven Sinn.

Sie haben in einem früheren Interview mit der "Wiener Zeitung" gesagt, das Industriezeitalter war eine Entgleisung der Evolution. Immerhin war das aber die einzige Epoche, die, wenigstens im Westen, Wohlstand für eine relativ breite Bevölkerung generiert hat.

Das Industriezeitalter war die erste Epoche der Trennung von Beruf und Familie, von Arbeit und Wohnort. Während der Feudalherrschaft hat der Mensch zwar nur gemolocht für den Herrn - das aber wenigstens "ganzheitlich". Im beginnenden Industriezeitalter Ende des 19. Jahrhunderts hat man begonnen, den Menschen als Maschine aufzufassen. Dadurch wurde er aus seiner evolutionären Welt herausgerissen. Die Trennung Arbeitsplatz/ Wohnung hat den Menschen letztlich in zwei Lebensbereiche geteilt. Diese Trennung war also die "Entgleisung". Der daraus entstandene, scheinbare Wohlstand war möglich, weil Interessensvertretungen gegründet wurden und ein vernünftiges Programm gehabt haben. Das hat letztlich dazu geführt, dass viele Menschen mittlerweile zwar Lebensqualität, aber keine politische Vertretung mehr haben.


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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-09-14 17:00:11
Letzte ─nderung am 2017-09-16 16:05:43



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