• vom 30.09.2017, 14:00 Uhr

Zeitgenossen


Interview

Die Verantwortung des Schiffskochs




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Von Mathias Ziegler

  • Der Kabarettist Günther Paal alias Gunkl erklärt, wie er mit seinem Asperger-Syndrom umgeht, warum er kein Best-Of-Programm spielen möchte - und warnt davor, die Intelligenz des Publikums zu unterschätzen.

Günther Paal im Gespräch mit WZ-Redakteur Mathias Ziegler. - © Moritz Ziegler

Günther Paal im Gespräch mit WZ-Redakteur Mathias Ziegler. © Moritz Ziegler



"Auf einem Schiff wäre ich sicher nicht der Kapitän oder der Steuermann . . ."

"Auf einem Schiff wäre ich sicher nicht der Kapitän oder der Steuermann . . ."© Moritz Ziegler "Auf einem Schiff wäre ich sicher nicht der Kapitän oder der Steuermann . . ."© Moritz Ziegler

"Wiener Zeitung": In Ihrem neuen Programm "Zwischen Ist und Soll - Menschsein halt" kommen wieder die gewohnten Gunkl’schen Schachtelsätze vor. Erwarten Sie eigentlich vom Publikum aktives Zuhören oder können Sie auch damit leben, wenn jemand nur im Saal sitzt und sich einfach berieseln lässt?

Günther Paal: Ich bemühe mich schon immer, dass man das, was ich sage, verstehen und mir über weite Strecken folgen kann, wenn man zuhört. Dass nicht jeder immer über die ganze Länge alles in dem Ausmaß versteht, dass er eine Zusammenfassung schreiben könnte, nehme ich in Kauf. Wenn einer nur zuhört, ohne dass er sich das alles in den Logik-Trakt seines Gemüts schlichtet und dort nur Schach spielt, ist es auch gut.

Information

Günther Paal wurde 1962 in Wien geboren. Er war Mitglied der Band "Wiener Wunder", die 1986 mit "Loretta" einen Top-Ten-Hit in den österreichischen Charts hatte und 1994 den Soundtrack zum Kinoerfolg "Muttertag - Die härtere Komödie" lieferte.

Neben zwölf Soloprogrammen unter dem Künstlernamen Gunkl ab 1994 spielte Paal unter anderem Saxophon und E-Bass in Alfred Dorfers Auftrittsband, trat auch in "Dorfers Donnerstalk" im ORF als "Experte für eh alles" auf und moderierte die Kultursendung "kunst-stücke". Zuletzt war er auch Gast bei den "Science Busters". Auf seiner Homepage www.gunkl.at gibt er zudem jeweils einen "Tip des Tages".

Das Interview wurde im Café Stein nahe der Uni Wien geführt. Diese hat er nie besucht, in jenem einst gekellnert.

Solange er mit seiner Karte Ihre Gage finanziert . . .

Ein Best-of wäre "Leichenfledderei" an den alten Programmen, findet Gunkl.

Ein Best-of wäre "Leichenfledderei" an den alten Programmen, findet Gunkl.© Moritz Ziegler Ein Best-of wäre "Leichenfledderei" an den alten Programmen, findet Gunkl.© Moritz Ziegler

Man darf nicht in diese Falle tappen, dass man alles nur übers Geld rechnet. Ich bin nicht verantwortlich für die 20 Euro, die jemand bezahlt hat, sondern für die zwei Stunden von seinem Leben, die er vor mir sitzt. 20 Euro kann er woanders auch ausgeben. Es ist nicht so, dass ich mir denke: Hauptsache, er bezahlt, der Rest ist mir wurscht. Denn mit diesem Impetus hätte man auf der Langstrecke nicht sehr lange Publikum. Ein zweites Mal zahlt so einer nicht, wenn er den Eindruck bekommt: Der will nur mein Geld, und dann lässt er mich dumm sterben. Er wird das Programm auch nicht weiterempfehlen.

Mit Gerhard Walter (l.) tritt Gunkl gemeinsam in "Herz und Hirn" auf.

Mit Gerhard Walter (l.) tritt Gunkl gemeinsam in "Herz und Hirn" auf.© E&A Mit Gerhard Walter (l.) tritt Gunkl gemeinsam in "Herz und Hirn" auf.© E&A

Wer ist Ihr Testpublikum?

Es ist eine kleine Tradition, dass Ulli Dewam, die seinerzeit in der Kulisse die Kassa gemacht hat und die gute Seele des Hauses war, die Erste ist, der ich ein neues Programm vorlese. Das ist dann aber reiner Fließtext ohne Spielszenen. Ohne Gestaltung, wenn man so will. Aber die Ulli ist soweit abstraktionsfähig, dass sie aus dem Vorgelesenen schließen kann, ob ihr das dann gefallen wird, wenn es ganz fertig ist. Zwischen Ulli und der Premiere gibt es sonst eigentlich niemanden. Nur einmal habe ich es auch noch einem Freund vorgelesen, weil es ihn interessiert hat.

Wieviel lassen Sie sich noch ausreden, wenn der Text einmal geschrieben ist?

Nix. Bei den ersten paar Programmen habe ich vor ein paar Freunden an einem Nachmittag eine Probeaufführung gemacht. Da habe ich zuerst das neue Programm gespielt und ihnen danach erklärt, warum das aber trotzdem alles so bleibt. Ich habe mir das ja genau so überlegt, und deshalb gehört es genau so.

In Ihrem Programm erzählen Sie auch von der "sauberen Weltsicht" eines Menschen mit Asperger-Syndrom (eine Variante des Autismus, Anm.) . . .

Ich habe ja dieses Asperger-Syndrom selbst, es ist aber in Ordnung. Es ist nichts, was mich in irgendeiner Form behindert. Oder besser gesagt: In gewissen Sozialtechniken behindert es mich schon - aber da ich eben dieses Syndrom habe, sind diese Sozialtechniken nichts, was mir abgeht, wenn ich sie nicht beherrsche. Das, was man nicht kann, will man ja eh nicht. Das hat beides denselben Grund - sowohl, dass ich es nicht kann, als auch, dass es mich nicht interessiert. Und damit, dass ich so bin, wie ich bin, kann ich gut leben.

Schon immer? Oder war es ein schwieriger Weg in der Persönlichkeitsentwicklung zu diesem Zustand, vor allem in Hinblick auf die Mitmenschen? Wie autobiografisch war etwa die Theorie in einem Ihrer ersten Programme, dass Gruppen immer einen Außenseiter brauchen, um gut zu funktionieren?

Es war nicht so trenzert, weil ich mir meinen Platz außerhalb der Gruppe erwerben konnte. Also nicht behaupten oder erstreiten, sondern einfach durch Praxis im Umgang erwerben. Damit war es in Ordnung, und ich war nicht das Arschloch der Gruppe. Das war für das Programm natürlich ein bisschen überhöht, aber im Grunde ist es ein bisschen autobiografisch. Auf einem Schiff wäre ich sicher nicht der Kapitän oder der Steuermann, aber auch nicht ein Matrose. Ich wäre der Schiffskoch. Im Sinne von: Der macht etwas, was alle brauchen, hat aber mit dem, was die anderen tun, sonst nichts zu tun. Und er hat sein eigenes Terrain. Dabei ist er auch ein bisschen isoliert.

Er hat aber auch eine gewisse Machtposition: Er kann die Suppe versalzen, größere oder kleinere Portionen ausgeben, ins Essen spucken . . .

Vielleicht ist das jetzt meine Aspergerei, dass ich das nicht als Machtposition, sondern als Verantwortung interpretiere. Und als Koch auf einem Schiff musst du gut sein, weil das einzige körperlich Befriedigende, das Hetero-Männer in einer gleichgeschlechtlichen Gruppe haben, das Essen ist. Und wenn das nicht gut ist, werden die ganz schnell pampert, und das bekommen alle mit, auch der Schiffskoch, obwohl er sonst nicht Mitglied der Gruppe ist. Das heißt, du musst deine Sache wirklich gut machen. Und schlechte Laune erzeugen ist keine Machtposition. Macht besteht nicht da-rin, etwas zu verhindern, sondern etwas zu ermöglichen. Wenn du zum Beispiel den Leuten ins Essen spuckst, und die essen das dann, ohne es zu wissen, ist ja keine Macht passiert. Und wenn sie es mitbekommen, kannst du dich auch hinstellen und sagen: "Jetzt fliegen gleich die Watschen." Auch das ist keine Macht. In dieser Position bist du jedenfalls ganz schnell sehr gefährdet.


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Dokument erstellt am 2017-09-29 14:48:13
Letzte ─nderung am 2017-09-29 14:50:00



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