• vom 02.10.2017, 10:39 Uhr

Zeitgenossen

Update: 02.10.2017, 11:07 Uhr

Gemeindebau

Jazz für Doderer von der 2er Stiege




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Von Franz Zauner

  • Eine halbe Million Wiener wohnt in Gemeindebauten. Darunter auch der weltbekannte Jazzer Franz Koglmann.





Man stelle sich vor: Wien, gehüllt in feinen Nieselnebel. Graue Gemeindebauten, Pfützen auf Asphalt. Wer an so einem Tag unterwegs ist, huscht mehr als er geht. Und doch huscht der Interviewer beschwingt, er lächelt sogar. Seine Ohren sind mit kleinen Kopfhörern verstöpselt. Musikalischer Witz breitet sich behaglich darin aus. Die Nummer heißt: "Ist das ansteckend?" Und ja, es ist ansteckend. Es ist nämlich rhythmischer Jazz, jene Weltmusik, in der sich Afrika mit Europa und Amerika mischt und die in diesem grauen Moment inmitten der blassen städtischen Wohnbauten Lust macht auf eine Bar, einen Drink und eine Zigarette.

Geliebte Wiener
Rundungen

Die CD heißt "Venus in Transit", und sie ist einer von vielen Geniestreichen Franz Koglmanns, an dessen Tür auf der 2er Stiege der Interviewer gleich läuten wird. Dem Interviewer ist ein wenig bange, denn von Noten und Partituren, Polyrhythmen oder Schleiftönen versteht er wenig, und auf ihn wartet ein weltbekannter Exponent des modernen Jazz, der noch dazu auf eine mehrseitige Diskografie verweisen kann, auf Bücher, in denen er vorkommt, auf Internet-Seiten, die von ihm erzählen, und auf Preise, mit denen er überhäuft wurde. Man müsste Franz Koglmann gar nicht erst besuchen, um über ihn zu schreiben. Doch der Mann, der uns erwartet, wird sich als angenehmer Gastgeber erweisen. Es wird gelacht werden an seinem großen Tisch im Wohnzimmer, an dem er gemeinsam mit seiner Lebensgefährtin Ingrid Karl sitzt. Wir werden 70 Jahre Musikerleben vor- und zurückspulen, und die Zeiten werden durcheinander laufen, einer Jazz-Improvisation ähnlich, und Rundungen bekommen.

Information

Das Porträt von Franz Koglmann ist ein Ausschnitt aus dem Buch "Im Gemeindebau. 23 Geschichten aus Wien" (Promedia Verlag, Wien 2017, 240 Seiten, 19,90 Euro), das Franz Zauner, Online-Chef der "Wiener Zeitung", gemeinsam mit dem Wiener Journalisten Uwe Mauch geschrieben hat. Das Autorenduo hat Mieter besucht und interessante, außergewöhnliche und ergreifende Geschichten in Erfahrung gebracht. Die Auswahl der Porträtierten vermittelt einen Eindruck, welch kreatives Potenzial dem Gemeindebau innewohnt. Ergänzt wird das Buch durch eine 32-seitige Fotostrecke des Wiener Fotografen Mario Lang. Das Buch wird am 18. Oktober in der Fachbuchhandlung des ÖGB-Verlags, Rathausstraße 21, 1010 Wien, präsentiert (18.30 Uhr)

Franz Koglmann mag Rundungen. Er fühlt sie in der Wiener Mentalität, er sieht sie in den Fenstern des großen Wohnzimmers, in denen wie auf einem Gemälde die Silhouetten der Wienerwaldberge in der Abenddämmerung sanfte Kurven zeigen. Er hört Rundungen in der Wiener Musik, bei Franz Schubert sowieso und selbst bei Alban Berg. Auch bei Bruckner und bei Brahms "klingt vieles so schön rund. Und diese Rundungen sind in ganz Wien und jedem Wiener drinnen." Und natürlich auch in seiner Musik.

Wir springen zurück in die 1950er Jahre, zu einem musikbegeisterten kleinen Franz. Er hatte seine Mutter im Ohr, sie war Chorsängerin. Und auch ein Großvater spielte in der Familie groß auf, der war ein böhmischer Musikant. Koglmann lernt, wie sich das für ein Wiener Musikkind gehört, brav Akkordeon. Bis Louis Armstrong in die Stadthalle kommt. Zweimal geht Koglmann hin, danach wird er Trompete lernen. Mit 14 kommt Koglmann aufs Konservatorium. Es gefiel ihm nicht nur seine neue Liebe, der Jazz, sondern auch die ganze alte Klassik. Jahrelang wusste er nicht, welcher Stil nun wirklich der seine werden sollte. Ganz festgelegt hat er sich bis heute nicht. Er changiert, lässt den Jazz die Literatur berühren oder holt sich Klassik in die Noten.

Zwischen Jazz
und Klassik

Nach einem Intermezzo bei der Gardemusik des Bundesheers, wo Koglmann seinen Präsenzdienst heruntermusizierte, wechselte er dann doch noch in die Jazzabteilung, die 1967 am Konservato-
rium gegründet wurde. "Ich wurde dann", sagt er, "so etwas wie ein Jazzmusiker." Aber nicht nur. Auf seinen Notenblättern begannen die Ströme zu verschmelzen zu einem dritten Strom zwischen Jazz und Klassik, dem Third
Stream
. Und dort hat er sein musikalisches Zuhause gefunden. "Im Grenzbereich von Jazz und europäischer Moderne angesiedelt, ist K. zweifellos eine der eigenständigsten und eigenwilligsten Erscheinungen des österreichischen und internationalen Musiklebens", heißt es etwa im österreichischen Musiklexikon.

Viele Konzerte, Kompositionen und Tourneen später steht plötzlich das Jahr 1995 auf dem Kalender. Franz Koglmann und seine Lebensgefährtin Ingrid Karl ziehen in den Gemeindebau, in eine geräumige Atelierwohnung mit Terrasse. Nicht jeder bekommt so eine Wohnung, doch die Gemeinde meinte es gut mit den Künstlern. Davor lebten Karl und Koglmann in einer winzigen Substandardwohnung. Zimmer, Küche, Klo am Gang, alles sehr klein und dunkel.

Kurze Rückblende in den Substandard: Sie machten aus der winzigen Stube eine vibrierende Jazz-Zelle, in der nicht nur gewohnt wurde. Ingrid Karl gründet dort ihre "Wiener Musik Galerie". Auch als Büro, Archiv und Probenraum muss die Wohnung dienen. Ein Bub aus reichem Haus fragte Frau Karl einmal: "Wo ist dein Büro?" Und sie drehte sich ein wenig und zeigte auf den Schreibtisch. "Und das Schlafzimmer?" Sie zeigte auf das Bett. "Und die Küche?" Sie zeigte auf den Herd. "Siehst du, alles da. Ich habe nur keine Wände."

Komponiert im Geisterreich des Computers: Franz Koglmann mit Lebensgefährtin Ingrid Karl.

Komponiert im Geisterreich des Computers: Franz Koglmann mit Lebensgefährtin Ingrid Karl.© Mario Lang Komponiert im Geisterreich des Computers: Franz Koglmann mit Lebensgefährtin Ingrid Karl.© Mario Lang

Kochen für die
Hautevolee des Jazz

In der wandlosen, mit Papier zugewachsenen Kleinwohnung erforderten alle Bewegungen eine ausgeklügelte Choreografie. Besonders dann, wenn die Hautevolee der internationalen Jazzszene zu Gast war. Oder die Literatur- und Kunstszene. Oft schwang Koglmann den Kochlöffel, komponierte klassisch Französisches. Er mag Frankreich. Er sagt sürreal, nicht surreal. Fast wäre er einmal in Paris geblieben. Oder in New York, da hat er auch gelebt. "Mittlerweile habe ich das abgehakt. Wien hat gewonnen. Wien ist internationaler geworden, multikulturell. Wien ist heute genauso interessant wie die anderen großen Städte. Es gibt auch hier eine ausgeprägte Jazz-Szene. Ich möchte nirgendwo anders mehr wohnen."


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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-10-02 10:45:10
Letzte nderung am 2017-10-02 11:07:03



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