• vom 07.10.2017, 18:00 Uhr

Zeitgenossen


Interview

"Postmoderne ist die zeitgemäße Aufklärung"




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Von Nikolaus Halmer

  • Vor 30 Jahren gründete Peter Engelmann den in Wien ansässigen Passagen Verlag, der sich vor allem auf gegenwärtige französische Philosophie spezialisiert hat.

"So wurde ich ein Verleger, ohne ein Verleger werden zu wollen . . ." Peter Engelmann. - © Peter Jungwirth

"So wurde ich ein Verleger, ohne ein Verleger werden zu wollen . . ." Peter Engelmann. © Peter Jungwirth



"Wiener Zeitung": Dreißig Jahre Passagen Verlag - das ist ein Anlass, diese Erfolgsgeschichte zu rekonstruieren. Wie ist es zur Verlagsgründung gekommen?

Peter Engelmann: Die Person, die den Anstoß für die Verlagsgründung gegeben hat, war Michel Foucault. Davor liegt meine Biografie in der DDR, einem totalitären Staat, mit dem ich in Konflikt geraten bin. Meine Auseinandersetzung mit der DDR führte zu vielen Konfrontationen und schließlich zu einem einjährigen Gefängnisaufenthalt und endete mit dem Freikauf aus dem Gefängnis durch die Bundesrepublik Deutschland. In der BRD wiederum war ich schockiert, dass die kritischen Protagonisten der westdeutschen Gesellschaft ungebrochen einen dogmatischen Marxismus verfolgten, obwohl sie die Zustände in den realsozialistischen Ländern - besonders in der DDR - hätten kennen müssen. An dieser Stelle kommen Frankreich und Michel Foucault und meine späteren Autoren ins Spiel. Ich habe mich in der BRD nicht mehr wohl gefühlt und bin nach Frankreich gegangen, wo ich in Paris die Intellektuellen kennengelernt habe, die den kritischen Gesellschaftsdiskurs erneuert und in den letzten vierzig Jahren weltweit bestimmt haben.

Information

Peter Engelmann wurde 1947 in Ost-Berlin geboren. Als Sohn von Eltern, die selbstständige Steuerberater waren, begegneten ihm die DDR-Bürokraten mit großem Misstrauen, was sich bei seinem Philosophiestu- dium deutlich bemerkbar machte. So erhielt er keine Genehmigung, Bücher von "bürgerlichen Philosophen" zu lesen. Eine Aktion jugendlichen Leichtsinns (gemeinsam mit einem Freund fuhr er mit dem Motorrad in ein militärisch gesperrtes Gebiet in Rumänien) führte dazu, dass er in Rumänien festgenommen wurde und von den DDR-Behörden als vermeintlicher Republiksflüchtling angeklagt und zu rund einem Jahr Haft verurteilt wurde. 1973 kam er durch einen Häftlingsfreikauf in die Bundesrepublik Deutschland. Er studierte Philosophie und Soziologie in Paris und Bremen und promovierte 1979 mit einer Arbeit über Hegel. 1985 gründete Engelmann die Wiener Edition Passagen und 1987 den Wiener Passagen Verlag. Er ist Autor philosophischer Texte und lehrte Philosophie an Universitäten in Deutschland, Österreich und den USA.

Publikationen:
- Philosophie und Totalitarismus. Zur Kritik dialektischer Diskursivität. Eine Hegellektüre. Passagen Verlag, Wien 1991
- Dekonstruktion. Jacques Derridas semiotische Wende der Philosophie. Passagen Verlag, Wien 2013.

Nikolaus Halmer, geb. 1958, Studium der Philosophie, Romanistik, Theaterwissenschaft, ist Mitarbeiter der Wissenschaftsredaktion des ORF; Schwerpunkte: Philosophie, Kulturwissenschaften.

Welche Intellektuellen waren das?

Das waren neben Foucault Jacques Derrida, Jean-François Lyotard, Jean Baudrillard, Jean-Luc Nancy und Sarah Kofman, deren Bücher den Grundstock des Verlages bilden. Später kamen Autoren wie Slavoj Žižek, Jacques Rancière, Alain Badiou oder Hélène Cixous hinzu, die wir bis heute dem deutschsprachigen Publikum nahezubringen versuchen. Mit Foucault bestand ein besonderes Verhältnis, weil er sich für gesellschaftliche Randzonen wie Gefängnis oder Psychiatrie interessierte und wir uns auch wegen meines Aufenthalts im Gefängnis sehr nahe gekommen sind. Wir haben oft darüber gesprochen, dass die Ideen seiner Kollegen wie Derrida, Lyotard oder Nancy nicht in der BRD aufgegriffen, in den Verlagen nicht übersetzt und in den Medien nicht behandelt wurden. Wir haben dann ein Projekt entwickelt, diese Texte in einem eigenen Verlag zu publizieren. Dies erfolgte neben meiner Lehrtätigkeit am Institut für Philosophie der Universität Wien. Denn mein Lebensplan bestand immer darin, Hochschullehrer für Philosophie zu werden. Das konnte ich in der DDR nicht realisieren. Ich wurde also ein Verleger, der eigentlich kein Verleger werden wollte.

Peter Engelmann im Gespräch mit Nikolaus Halmer.

Peter Engelmann im Gespräch mit Nikolaus Halmer.© Peter Jungwirth Peter Engelmann im Gespräch mit Nikolaus Halmer.© Peter Jungwirth

Welche philosophischen Leitlinien waren für Ihr Verlagsprogramm bestimmend?

Meine Herkunft aus der DDR und die Konfliktsituation danach hat mein Leben geprägt. Mein zentrales Anliegen ist es, Texte zu publizieren, die zu erklären versuchen, welche ideologische und philosophische Dispositionen zu totalitären Haltungen führen. Das tun wir im gesamten Programm, aber speziell in den "Passagen-Gesprächen", in denen ich mit eminenten Denkern wie Alain Badiou, Jacques Rancière, Hélène Cixous, aber auch Angelo Bolaffi über kritische Gesellschaftstheorie und aktuelle politische Themen spreche. Wir sind ein Verlag geworden, der versucht, die Institutionen der Demokratie zu verteidigen. Ich kämpfe mit meinen Mitteln gegen totalitäre Entwicklungen in der Politik und untersuche die philosophischen Grundlagen des Totalitarismus. Das ist mein Lebensthema geworden, das ich in meinen Büchern und im Verlag verfolge.

Das Verlagsprogramm weist zahlreiche Repräsentanten der sogenannten "postmodernen Philosophie" auf, die auch mit den Namen "Dekonstruktivismus" oder "Differenzphilosophie" bezeichnet werden. Was war Ihre Intention, sich diesen teilweise umstrittenen Philosophen zu widmen?

"Ich kämpfe mit meinen Mitteln gegen totlitäre Entwicklungen in der Politik" (Peter Engelmann).

"Ich kämpfe mit meinen Mitteln gegen totlitäre Entwicklungen in der Politik" (Peter Engelmann).© Peter Jungwirth "Ich kämpfe mit meinen Mitteln gegen totlitäre Entwicklungen in der Politik" (Peter Engelmann).© Peter Jungwirth

Ich habe die Postmoderne und die Dekonstruktivisten immer für die zeitgemäße Aufklärung gehalten; im Unterschied zu dem, was die Gegner des französischen Denkens immer behauptet haben. Ein wichtiges Beispiel dafür ist das Buch "Das postmoderne Wissen" des französischen Philosophen Jean-François Lyotard, das bis heute unser Longseller ist. Er ist ein ganz wichtiger Denker, der das Differenzdenken von Derrida ins Politische übertragen hat.

Wie sah diese Übertragung in das Feld des Politischen aus?

Lyotard entfaltete eine Ideologiekritik, in der es darum geht, die sogenannten "großen Erzählungen" - wie etwa den Marxismus - als ideologische Konstrukte darzustellen, die das Ziel haben, das Individuum zu unterjochen. An die Stelle der anachronistischen "großen Erzählungen" rückte Lyotard die "kleinen Erzählungen", die genauer an der Lebenswirklichkeit der Menschen stehen. Mit seinem Buch hat Lyotard die Grundlage für dieses Narrativ geliefert, das so lautet: Wir müssen uns als kritische Zeitgenossen nicht mehr einer Utopie, einem Allgemeinen unterordnen, sondern unser Handeln kann und muss von unseren Lebenswelten und konkreten Lebensbedingungen ausgehen.

Nimmt im Programm des Passagen Verlages einen zentralen Stellenwert ein: Der französische Philosoph Jacques Derrida (1930-2004).

Nimmt im Programm des Passagen Verlages einen zentralen Stellenwert ein: Der französische Philosoph Jacques Derrida (1930-2004).© Louis Monier/Getty Images Nimmt im Programm des Passagen Verlages einen zentralen Stellenwert ein: Der französische Philosoph Jacques Derrida (1930-2004).© Louis Monier/Getty Images

Einen zentralen Stellenwert im Passagen Verlag nimmt das Werk von Jacques Derrida ein. Kaum ein anderer Philosoph der Gegenwart hat so unterschiedliche Reaktionen ausgelöst wie er. Warum ist Derrida so bedeutend?


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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-10-05 16:45:14
Letzte nderung am 2017-10-06 17:02:18



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