• vom 15.10.2017, 15:00 Uhr

Zeitgenossen


Interview

"Heimat ist ein gefährlicher Begriff"




  • Artikel
  • Kommentare (10)
  • Lesenswert (10)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Saskia Blatakes

  • Matthias Beitl, der Direktor des Wiener Volkskundemuseums, spricht über Ausstellungen, die nicht von allen Besuchern verstanden werden, erklärt den Unterschied zwischen Heimat- und Volkskundemuseum - und verrät, warum er keine Trachten mehr trägt.

"Wir machen viele Experimente mit dem Publikum. Manches wird verstanden, manches nicht. Daraus lernen wir." (Matthias Beitl). - © Stanislav Jenis

"Wir machen viele Experimente mit dem Publikum. Manches wird verstanden, manches nicht. Daraus lernen wir." (Matthias Beitl). © Stanislav Jenis



Patina: Das Museum in den 1930er Jahren.

Patina: Das Museum in den 1930er Jahren.© Volkskundemuseum Patina: Das Museum in den 1930er Jahren.© Volkskundemuseum

"Wiener Zeitung": In Wahlkampfzeiten hat der Heimatbegriff Hochkonjunktur. Da packen Politiker ihre Lederhosen aus und sprechen wieder Dialekt. Aber was genau ist das eigentlich: Heimat?

Matthias Beitl: Ich war überrascht, als beim Präsidentschaftswahlkampf im letzten Jahr der Begriff Heimat sehr stark betont wurde. Das ist bei diesem Wahlkampf eher nicht der Fall gewesen. Jetzt wird vor allem über Migration geredet, die auch zum Themenkomplex Heimat gehört. Zu ihrer Frage: In der Kulturwissenschaft ist Heimat ein sehr offener und diskursiver Begriff, der sich in all seinen Varianten und Interpretationen nur schwer definieren lässt.

Information

Matthias Beitl wurde 1967 in Wien geboren. Er studierte Europäische Ethnologie an der Universität Wien und den Exportlehrgang an der Wirtschaftsuniversität Wien. Ab 1996 arbeitete er beim Ethnographischen Museum Schloss Kittsee und ab 2003 im Österreichischen Museum für Volkskunde. Nebenbei war er mit seiner Firma Fourcon mit Kulturprojekten tätig. Von 2007 bis 2013 war er im Vorstand des Internationalen Komitees der Museen und Sammlungen der Ethnographie (International Committee for Museums and Collections of Ethnography, ICME). Seit 2014 ist er Direktor des Volkskunde-Museums und Vizepräsident des Museumsbund Österreich. Vor kurzem wurde er an der Universität Wien mit einer Arbeit über die Geschichte des Volkskundemuseums promoviert. Die aktuelle Ausstellung "heimat: machen", zu sehen vom 18. Oktober 2017 bis 11. März 2018, befasst sich mit der Instrumentalisierung des Volkskundemuseums zu Zeiten des Austrofaschismus und Nationalsozialismus. Gezeigt wird dabei u.a., wie Volkskunde, Museum und Politik in der Produktion von "Heimat" zusammen spielen.
Saskia Blatakes,geboren 1981 in München, studierte Politikwissenschaft und arbeitet als freie Journalistin in Wien.

Für viele Menschen scheint Heimat aber etwas sehr Konkretes zu sein, das vor allem mit Abgrenzung zu tun hat.

Matthias Beitl: "In Wirklichkeit sind Kultur und Identität dynamische Prozesse."

Matthias Beitl: "In Wirklichkeit sind Kultur und Identität dynamische Prozesse."© Stanislav Jenis Matthias Beitl: "In Wirklichkeit sind Kultur und Identität dynamische Prozesse."© Stanislav Jenis

Heimat ist ein bürgerlicher Sehnsuchtsort und eine Metapher für den Unterschied zwischen dem Eigenen und dem Fremden. In diesem Sinne ist Heimat schon ein gefährlicher Begriff. Denn gleich danach kommt der Patriotismus und Begriffe wie Leitkultur, die auch in den Debatten der letzten Wochen wieder aufgetaucht sind. Viele denken, Heimat sei etwas Statisches. Aber in Wirklichkeit sind Kultur und Identität dynamische Prozesse. Da gibt es immer Gewinner und Verlierer. Das Problem ist, dass die Politik genau diese Ängste aufgreift und instrumentalisiert. Beim Begriff Heimat ist man also schnell im eigenen Kleingarten, um den man dann eine Thujenhecke baut. Das sehe ich als großes gesellschaftliches Problem.

Diese Zertifizierungsmarken der einstigen "Trachtenberatungsstelle" im Volkskundemuseum werden in der neuen Ausstellung "heimat: machen" gezeigt.

Diese Zertifizierungsmarken der einstigen "Trachtenberatungsstelle" im Volkskundemuseum werden in der neuen Ausstellung "heimat: machen" gezeigt.© Christa Knott/Volkskundemuseum Diese Zertifizierungsmarken der einstigen "Trachtenberatungsstelle" im Volkskundemuseum werden in der neuen Ausstellung "heimat: machen" gezeigt.© Christa Knott/Volkskundemuseum

Wäre eine moderne, positive Version des Heimatbegriffs denkbar oder ist er per se passé?

Es ist ja oft von Werten und Wertekursen die Rede. Das ist einerseits verständlich, weil man erklären will, worum es bei uns in der Gesellschaft geht. Auf der anderen Seite ist das auch eine Form von Indoktrinierung, die Zuwanderer in eine bestimmte Rolle zwingt. Es wäre wichtig, den Menschen in Österreich wieder bewusst zu machen, in welchem Wohlstand sie eigentlich leben, wie frei sie sind und welche So- zialleistungen sie haben. Das geht in vielen Diskursen verloren. Was bleibt, ist die Meinung, dass Identität etwas mit Gewand, Ortsbildern oder einem bedrohten Sicherheitsgefühl zu tun hat. Dem muss man entgegen wirken.

Wie?

Zum Beispiel mit dem Bild der Co-Working-Spaces, das man auf Österreich übertragen könnte: alle sind Individualisten, treffen sich aber und arbeiten zusammen. Im Rahmen der Vienna Design Week hat etwa die Künstlerin Ebru Krubak bei uns eine kleine Ausstellung über ihr Projekt am Meidlinger Markt gemacht. Dort hat sie Asylwerberinnen und Asylwerbern die Frage gestellt: "Was kannst du gut?" Ich fand es faszinierend, wie man mit so einer simplen Frage auf Menschen zugehen kann. Und das aus einer Situation heraus, in der man es sich leisten kann, so ein Angebot zu machen.

Es gibt einen Spruch des bayerischen Kabarettisten Gerhard Polt: "Wo Heimat aufgehört hat, Heimat zu sein, da entsteht das Heimatmuseum." Ärgert es Sie, wenn das Volkskundemuseum für ein Heimatmuseum gehalten wird?

Das Fach europäische Ethnologie und auch dieses Museum haben schon lange das Feld des Heimatmuseums verlassen. Uns geht es um eine analytische Herangehensweise an Kultur und gesellschaftliche Prozesse.

Also ein Heimatmuseum auf der Meta-Ebene?

Kein Heimatmuseum. (Lacht.) Wenn wir Heimatmuseum sagen, kippt man sehr schnell in den eindimensionalen Heimat-Begriff. Ich würde eher von Alltagskultur sprechen. Also all das, was uns umgibt, was wir schaffen, was uns beschäftigt und wie wir interagieren. Das ist natürlich ein ex-trem weites Feld. Das Volkskundemuseum hat seit 1895 Sammlungen aufgebaut, die aus der Habsburger Monarchie stammen und eigentlich eine europaweite Sammlung sind. Sie gibt einen Überblick über das kulturelle Leben in ganz Europa.

Welche Rolle spielte dabei die Politik?

Das Volkskundemuseum unterlag immer stark den politischen Strömungen. Am Beginn stand die Idee der Völkerverständigung vor dem Hintergrund des aufkommenden Nationalismus. In den 1930er Jahren wurde dann das vermeintlich "Echte" und "Eigene" betont. Zur Zeit des Zweiten Weltkriegs ging es um die Blut-und-Boden-Geschichte. Danach hat sich das Museum auf die Erforschung österreichischer Kultur konzentriert. Der Aufbau-Generation ging es dabei sehr um einen volksbildnerischen Aspekt. Später war vor allem die universitäre Loslösung von rechtskonservativen Stimmungen wichtig. In den Neunziger Jahren kam die Europäische Union dazu und damit wurden die Sammlungen im europäischen Kontext interessant und wichtig.

"Heimat machen" heißt die kommende Ausstellung des Volkskundemuseums. Was meinen Sie damit?

Es geht um den Prozess der Heimatkonstruktion in den 1930er bis 1950er Jahren. Wir zeigen, wie das Museum plötzlich zu einem wichtigen Player wird, wenn es darum geht, Heimat zum Ins-trument zu machen. Man muss sich vorstellen: In dieser Zeit gab es hier eine Trachtenberatungsstelle, die die Echtheit der Trachten mit Siegel belegt hat. Interessant ist, dass es Elemente davon auch heute noch gibt. Zum Beispiel in anderen Bundesländern, in denen es eine Landestracht gibt und entsprechende Modeschauen. Da wird es oft zu einer Frage der Haltung, ob du diese Gewänder trägst oder nicht.

weiterlesen auf Seite 2 von 3




10 Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)



Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-10-13 14:12:15
Letzte nderung am 2017-10-13 14:20:12



Werbung



Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. Das Janusgesicht der Melancholie
  2. "Zuerst stoßen sie immer auf ein Schweigen"
  3. Kampfkunst als Psychotherapie
  4. "Ich bin Katholik mit einem
    heidnischen Hang"


Werbung


Werbung