• vom 22.10.2017, 15:00 Uhr

Zeitgenossen

Update: 22.10.2017, 15:09 Uhr

Interview

"Minenfelder ohne Landkarte"




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Von Simone Brunner

  • Der Schriftsteller Sergej Lebedew über das Jahr 1917, die "sowjetische" Sprache und radioaktive Mythen.

"Ich weiß nicht, warum sich so viele Schriftsteller vor der Verantwortung wegducken." - © Simone Brunner

"Ich weiß nicht, warum sich so viele Schriftsteller vor der Verantwortung wegducken." © Simone Brunner



"Wiener Zeitung": Herr Lebedew, vor genau 100 Jahren übernahmen die Bolschewiken in Russland die Macht und die sowjetische Ära begann. In Ihren Büchern setzen Sie sich vor allem mit den dunklen Seiten dieser Epoche auseinander. Warum?

Sergej Lebedew: Das hat viel mit meiner eigenen Familiengeschichte zu tun. Ich muss immer an unser Familienfoto aus der Zeit des Ersten Weltkrieges denken. Da steht eine russische Großfamilie, aus ganz unterschiedlichen Schichten, wie aufgefädelt vor einem Zaun. 30 Jahre später, nach dem Zweiten Weltkrieg, wird nur eine einzige Person von ihnen am Leben sein: meine Großmutter. Als ich mir dessen bewusst geworden bin, hat sich herausgestellt, dass ich der letzte Nachkomme dieser Familie bin. Hinter mir steht diese Masse von Toten. Wenn ich nicht über sie spreche, werden sie einfach verschwinden.

Information

Sergej Lebedew,geboren 1981 in Moskau, ist ein russischer Journalist und Schriftsteller. In seinen autobiografisch geprägten Romanen setzt er sich mit der russischen und sowjetischen Geschichte auseinander. Im Herbst 2015 erschien sein Roman "Die Menschen im August" auf Deutsch (im Verlag S. Fischer). Derzeit arbeitet Lebedew an einem Roman über seine deutsch-russische Familiengeschichte.

Welche Rolle spielte das Jahr 1917 für Ihre Familie?

Mein Urgroßvater war schon vor der Revolution ein hochrangiger Offizier in der Zarenarmee. Auf dieser erwähnten Familienfotografie trägt er bereits die Uniform der Roten Armee. Laut Familienlegende war er aber immer schon ein glühender Anhänger der Bolschewiken. Fast so, als hätte er vor 1917 gar nicht existiert! Und so ist es mit allem in der Sowjetunion: Wir sind in dem Geiste erzogen worden, dass jegliche Bezüge zu einer anderen Zeit, einer anderen Geschichte oder einem anderen Land ausgeschlossen sind.

Derzeit arbeiten Sie ja gerade Ihre russisch-deutsche Familiengeschichte auf, die lange verschwiegen wurde.

Das war überhaupt das größte Familiengeheimnis. In Moskau gibt es einen deutschen Friedhof. Dort wurden alle Andersgläubigen bestattet, Protestanten, Katholiken, aber im Volksmund heißt er nun mal "deutscher Friedhof". Als Kind war es für mich immer ein Rätsel, warum wir gerade auf diesem Friedhof ein Familiengrab haben und mein Urgroßvater dort begraben liegt, wenn rundherum doch nur Deutsche sind. Meine Großmutter hat immer die Ahnungslose gespielt und es so hingestellt, als wäre das einfach zufällig so gekommen.

Und was war da dran?

Das war natürlich eine Lüge. Neben dem Grab für meinen Urgroßvater stand ein Gedenkstein an meine deutschen Vorfahren. Es hat sich herausgestellt, dass einer meiner Vorfahren ein Deutscher war, der im 19. Jahrhundert nach Russland gekommen ist, um die Homöopathie zu verbreiten. Damit ist er gescheitert, aber er hatte acht Töchter, die wiederum an allen Ecken Russlands weiterverheiratet wurden. 1914 kam es zwischen den deutschen und russischen Zweigen der Familie zum Bruch, der Kontakt ist abgebrochen. Gut möglich, dass die Cousins und Großcousins im Zweiten Weltkrieg schon gegeneinander gekämpft haben, ohne es zu wissen. Mein Vater wurde 1941 geboren, und wusste bis zum Zerfall der Sowjetunion nicht, dass er deutsche Wurzeln hat. Dieser deutsche Teil wurde einfach systematisch, Jahr für Jahr, aus unserer Familiengeschichte herausgeschnitten.

In Ihrem neuen Buch wollen Sie diese Geschichte beschreiben. Überhaupt sind viele Ihrer Bücher von diesen verdrängten Familiengeschichten geprägt. Steht die Erinnerungsarbeit im Zen-trum Ihres Schreibens?

Das ist sicher einer der Gründe für mein Schreiben. Die russische Vergangenheit ist für mich aber auch eine faszinierende Detektivgeschichte: Nichts ist so, wie es scheint. In der Sowjetunion ist nichts geschehen, ohne dass drum herum nicht gleich ein Mythos gezimmert worden wäre. Als Kind hat mich der ägyptische Saal im Puschkin-Museum angezogen, mit all den seltsamen und unverständlichen Hieroglyphen. Die sowjetische Vergangenheit ist für mich wie die Summe dieser Hieroglyphen. Man muss sie erst entziffern. Dazu muss man aber ein anderes Mittel finden als die sowjetische Sprache.

Was meinen Sie mit "sowjetischer" Sprache?

Es ist gerade diese bürokratische Sprache der Sowjetliteratur, die die Dinge nur noch mehr verrätselt hat. Die so tut, als würden wir noch immer in einem hermeneutischen, abgeschlossenen Kosmos leben. Ich möchte mich mit meiner Sprache dagegen wehren. Aber das ist schwierig. Denn sobald du den Raum der sowjetischen Mythen betrittst, verändern sie dich. Es ist schwer, diese Mythen zu bekämpfen, zu zerstreuen oder zu dekonstruieren, ohne ihnen auch selbst ausgesetzt zu sein. Sie sind bis heute lebendig und geben Strahlung ab. Sie sind radioaktiv. Ich versuche, das aufzubrechen und eine Sprache zu finden, mit der man über diese Phänomenologie der sowjetischen Vergangenheit sprechen kann.

In diesem Jahr wird von offizieller Seite kaum an das Jubiläumsjahr 1917 gedacht. Warum?

Für den Kreml gibt es nichts zu feiern, denn Revolutionen sind etwas Böses und Bedrohliches. Ganz nach dem Motto: Vor 100 Jahren haben unsere Vorfahren den Verstand verloren. Sie haben die Stabilität gegen ein mörderisches Gemetzel - mit internationaler Hilfe, wohlgemerkt - getauscht. Damit sich das nicht wiederholt, ist es besser, erst gar nicht daran zu erinnern. Das ist natürlich ein völlig ahistorischer Zugang zu diesem Thema. Dem Kreml wäre es wohl am liebsten, wenn das Jubiläumsjahr 2017 so schnell wie möglich vorüberginge.


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Dokument erstellt am 2017-10-19 17:35:08
Letzte ─nderung am 2017-10-22 15:09:38



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