• vom 05.11.2017, 15:00 Uhr

Zeitgenossen


Interview

"Ich bin Katholik mit einem
heidnischen Hang"




  • Artikel
  • Lesenswert (6)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Ingeborg Waldinger

  • Der französische Schriftsteller Pierre Michon bekennt seine sprachliche Doppelprägung, erläutert seine Sicht auf Vaterschaft, Kunst und Religion, erzählt von seinem Filmdebüt - und von seinem Twitter-Double.

- © Leonardo Cendamo/ Imago

© Leonardo Cendamo/ Imago



"Wiener Zeitung": Monsieur Michon, in einem Interview mit dem "Nouvel Observateur" haben Sie einmal gesagt: "Mit einem Journalisten zu reden, scheint mir das Gegenteil zu dem, weshalb man schreibt." Warum das Gegenteil?

Pierre Michon: Nicht unbedingt das Gegenteil. Sagen wir so: Im Gespräch mit einem Journalisten hat man immer den Eindruck, sich für etwas zu rechtfertigen, das theoretisch aus dem Buch selbst hervorgehen sollte, und es daher genügen müsste, es zu lesen.

Information

Pierre Michon wurde am 28. März 1945 im Weiler Les Cards im zentralfranzösischen Département Creuse als Sohn eines Lehrerehepaars geboren. Er war zwei Jahre, als der Vater die Familie verließ. Nach einem Literaturstudium in Clermont-Ferrand (die Diplomarbeit über Antonin Artaud schließt er nicht ab) und am Pariser Spracheninstitut INALCO tourt Michon mit einer Theatertruppe durch ganz Frankreich. 1984 erobert er die literarische Welt mit seinem Buch "Leben der kleinen Toten" (Prix France Culture). Ungewöhnliche Sichtweisen auf die Leben großer Maler eröffnen dann seine Bücher "Herr und Diener" oder "Das Leben des Joseph Roulin" (van Goghs Briefträger). Die Erzählung "Die Elf" wurde mit dem Grand Prix du Roman der Académie francaise ausgezeichnet. Auch legendäre Schriftsteller kommen in seinem Werk zu Ehren, etwa "Rimbaud der Sohn" oder, in "Körper des Königs", Beckett, Flaubert und Faulkner. Großes Echo fand schließlich sein Roman "Die Grande Beune" (alle dt. Titel bei Suhrkamp). Im Jahr 2010 erhält Pierre Michon den Petrarca-Preis. Er lebt heute in Nantes und gilt als einer der bedeutendsten Gegenwartsautoren  Frankreichs.

Bücher sind Häuser mit vielen Räumen. Der Besucher entdeckt da mitunter Dinge, über die er den Hausherrn gern befragen würde.

Bittesehr (lächelt).

Sie wurden 1945 im Département Creuze im Limousin geboren. Aufgezogen von Ihrer Mutter und - vermutlich - verhätschelt von Ihrer Großmutter?

Ja, das trifft absolut zu.

Sie sind in zwei unterschiedlichen Universen aufgewachsen. Das der Mutter war geprägt von den Idealen der klassischen Nationalkultur; Ihre Mutter war Lehrerin. Und auf der anderen Seite die Welt Ihrer Großeltern, die Bauern waren. Zu jener Zeit also eine recht archaische Welt, in der man "Marchois" (einen Dialekt) sprach.

Pierre Michon

Pierre Michon© Waldinger Pierre Michon© Waldinger

Marchois? Nicht zwingend. Das ist nur einer von 50 Dialekten, die man in dieser Region spricht, dem sogenannten "Croissant Marchois". Das ist eine sehr alte Übergangszone zwischen dem Französischen und dem Okzitanischen, die von den Linguisten übrigens sehr genau untersucht wurde.

Der Linguist Philippe Gardy, ein Spezialist des Okzitanischen, reiht Sie in seiner Studie "Der Schatten des Okzitanischen" unter jene französischen Autoren, deren Werk sich - nach seinem Befund - niemals ganz loslösen konnte vom Schatten dieser anderen Sprache.

Ja. In einem Interview habe ich vor einiger Zeit gesagt, dass ich zu mir selbst oft im "Patois" spreche, im Dialekt. Und bestimmte Sätze in meinen Büchern, im Allgemeinen die gefühlsbetonten, sind im Grunde Übersetzungen aus dem Patois. Allerdings verwende ich kein einziges Patois-Wort in Texten, die vom Land erzählen.

Das ist interessant, zumal man Sie gerade für Ihre sehr klassische, eher an Racine orientierte Sprache und geschliffene Stilistik preist. Das Hineinwirken dieser "zweiten" Sprache findet hingegen kaum Beachtung. Nach dem Linguisten Gardy offenbart dieser Sprachschatten gleichsam das andere Ich des Autors. Finden Sie das übertrieben?

Pierre Michon als neuer "extra"-Leser.

Pierre Michon als neuer "extra"-Leser.© Waldinger Pierre Michon als neuer "extra"-Leser.© Waldinger

Nein. Ganz und gar nicht. Wenn ich arbeite - denn das tue ich nicht immer -, gebe ich mir Regieanweisungen auf Patois, sage zu mir im Dialekt "Tu dies, tu das".

Das Limousin hat ja eine hochliterarische okzitanische Vergangenheit - die Trobadors: Bernat de Ventadorn, Gaucelm Faidit, um nur zwei zu nennen. Haben Sie jemals daran gedacht, einen Trobador in Ihrem Werk auferstehen zu lassen?

Ja. Aber ich habe einfach übertrieben mit den mittelalterlichen Texten, zum Beispiel in den "Mythologies d’hiver" (Das Buch erzählt von Wundern in Irland und von mehr oder weniger verbürgten Heiligen der Hochebenen des französischen Zentralmassivs, Anm.). Freilich, unter den Trobadors gab es Kerle, Schurken vom Schlag eines François Villon, die schon recht interessant sind. Aber man müsste vermeiden, allzu gedankenschwer über sie zu schreiben. Einfacher ist es, mit einem Landpfarrer zu reden.

Pierre Michon im Gespräch mit "extra"-Redakteurin Ingeborg Waldinger.

Pierre Michon im Gespräch mit "extra"-Redakteurin Ingeborg Waldinger.© Colette Olive Pierre Michon im Gespräch mit "extra"-Redakteurin Ingeborg Waldinger.© Colette Olive

Sie spielen damit auf Ihr Buch "Leben der kleinen Toten" an. Auch darin ist Ihre kulturelle Doppelprägung präsent. Zum Beispiel in der Erzählung "Das Leben des André Dufourneau", einem Waisenkind, das am Hof Ihrer Großeltern untergekommen war und später in Afrika sein Glück machte. Bei einem Besuch in der Heimat spricht er Französisch, wenn er von seinem exotischen Abenteuer erzählt, aber Patois, wenn es darum geht, seine Kindheit wieder aufleben zu lassen.

In diesem Buch ist die Sprache von großer Bedeutung. Die Dramatik dieser Leben vollzieht sich zu dem Zeitpunkt, wo die Menschen von ihrem lokalen Idiom in die universelle nationale Sprache umschalten. Zeitlich sind diese Texte Ende des 19., Anfang des 20. Jahrhunderts angesiedelt. Zu einem Moment, als die elenden Landbewohner sich ihres minderen sozialen Status bewusst wurden.

Die Creuse und vor allem das Périgord sind in Ihrem Werk, etwa in "Die Grande Beune", zugleich Zonen eines universellen, sehr heidnisch-sinnlichen Ursprungs.

Ja. Die Archaik ist allerdings im Périgord weitaus ausgeprägter mit seinen prähistorischen Höhlen von Lascaux. Die Creuse hingegen ist nicht besonders sinnlich. Im Gegenteil: das ist eine Gegend von extremer Melancholie, geprägt von Wäldern und Granit. Eine verschlossene Welt, an die man sich allerdings sehr gut gewöhnt.

Kehren Sie noch manchmal in Ihre Heimatregion zurück?

Ja, jeden Sommer. Ich habe dort wenige Nachbarn, alles ist sehr ruhig. Aber eben ganz und gar nicht heiter, lebensfroh.

Jüngst hat sich Präsident Emmanuel Macron in die Creuse begeben, um einen für Frankreich neuen Typus von Berufsschule zu besuchen. Dabei hat er angeblich das Gespräch mit Arbeitern eines Autozulieferbetriebes verweigert, deren Jobs durch die Neuübernahme des Unternehmens dezimiert werden. Schmerzt es Sie, wenn Sie miterleben, wie mit diesen "kleinen Leben" verfahren wird?


weiterlesen auf Seite 2 von 3




Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)


Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-11-02 14:50:13
Letzte Änderung am 2017-11-03 16:40:09



Werbung



Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. Das Janusgesicht der Melancholie
  2. "Zuerst stoßen sie immer auf ein Schweigen"
  3. Kampfkunst als Psychotherapie
  4. "Ich bin Katholik mit einem
    heidnischen Hang"


Werbung


Werbung