• vom 11.11.2017, 15:00 Uhr

Zeitgenossen


Interview

"Zuerst stoßen sie immer auf ein Schweigen"




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Von Dagmar Weidinger

  • Der Psychotherapeut Wolfgang Krüger erklärt, warum er Menschen erst begreift, wenn er ihre Großeltern kennt - und weist auf die eminente Bedeutung von Familienforschung hin.

Hat seine eigene Familiengeschichte intensiv erforscht: Wolfgang Krüger. - © Weidinger

Hat seine eigene Familiengeschichte intensiv erforscht: Wolfgang Krüger. © Weidinger



"Wiener Zeitung": Herr Krüger, warum boomt die Familienforschung seit einigen Jahren so stark?

Wolfgang Krüger: Ich denke, dass das drei Gründe hat. Erstens leben wir in einer Zeit großer Unsicherheiten - die Eurokrise, die Klimakatastrophe, die Flüchtlingsströme. Viele fragen sich da: Wohin schlittert Europa? Je unsicherer die Zukunft ist, desto eher müssen wir die Gewissheiten aus der Vergangenheit ziehen.

Information

Wolfgang Krüger wurde 1948 in Berlin geboren. Nach einer Ausbildung zum Industriekaufmann und und einem Studium der Betriebswirtschaft und mehreren Jahren Berufserfahrung in der Wirtschaft, entschied sich Krüger Psychologie zu studieren. Er absolvierte Ausbildungen in Verhaltenstherapie und Individualpsychologie. Seit 1983 arbeitet er in eigener Praxis in Berlin.
Neben seiner Tätigkeit als Therapeut ist Krüger gefragter Vortragender zu vielen psychologischen Themen und Autor zahlreicher populärwissenschaftlicher Bücher. Zu seinen Schwerpunkten zählen Partnerschaftsthemen, Liebe, Freundschaft und die Familienforschung, die er in seinem Buch "Die Geheimnisse der Großeltern" (2015) genau beleuchtet. Zuletzt sind die Bücher "Überleben in der Patchworkfamilie" und "So gelingt die Liebe - auch wenn der Partner nicht perfekt ist" erschienen. Krüger lebt mit seiner Partnerin Bärbel Rothhaar in Berlin, wo sich die beiden auch für gesellschaftspolitische Themen engagieren. Für Krüger ist es eine Lektion aus der "Geschichte der Großeltern", sich heute aktiv für die ankommenden Flüchtlinge zu engagieren.

Dagmar Weidinger
, geboren 1980, Kunsthistorikerin, schreibt als freie Journalistin für österreichische Zeitungen und Magazine.

Der zweite Aspekt ist, dass die gesamte Vergangenheitsforschung bis zum Ende des letzten Jahrhunderts eher abgelehnt wurde. Bis zur 68er-Studentenbewegung wollte man diese Rückschau überhaupt nicht haben. Das gehörte mit zu einer kollektiven Verdrängung. In den 70er/80er Jahren galt eine gewisse Form der Familienforschung sogar als reaktionär unter den Linken, weil diese immer an die Ahnenforschung der Nazis erinnerte. Wir wissen, dass eine unbefangene Familienforschung immer erst drei Genera- tionen nach den Erlebnissen möglich ist, die verdrängt wurden. Erst die heutige Generation ist also in der Lage, diese Rückschau zu machen, da sie selber nicht an Kriegshandlungen teilgenommen hat. Der dritte Aspekt ist, dass wir hier in Europa zwar momentan in einer geschichtlich einmaligen Friedenszeit leben, dass unsere Großeltern aber in einer irrsinnigen Zeit aufwuchsen - Erster Weltkrieg, Wirtschaftskrise, Zweiter Weltkrieg, und jedes Mal passierten unendlich viele Dinge.

Ganze Familienverhältnisse wurden durcheinander gewirbelt, durch Flucht, Vertreibung, andere traumatische Ereignisse - Dinge, über die nicht geredet wurde. Das heißt, wir tragen alle eine unendliche Hypothek in unseren Familien. Es gibt keine Familie, die nicht auf irgendeine Weise von solchen Ereignissen massiv betroffen ist. Das muss man einfach aufarbeiten.

Inwiefern spielt die Familienforschung in Ihre Arbeit als Therapeut hinein?

Ich merke in den Therapien, dass ich die Menschen erst begreife, wenn ich die Großeltern kenne. Es bleiben ansonsten immer so viele Geheimnisse stehen, so viele Momente, in denen man überhaupt nicht nachvollziehen kann, warum jemand so handelt. Eigentlich müsste jeder Familienforschung betreiben, um das eigene Leben zu verstehen. Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Eine Patientin erzählte mir, in ihrer Familie hätte es immer den Spruch gegeben: "Man kann ja nichts tun." Also begann sie nachzuforschen und stellte fest, dass die Großeltern, die sie nicht kannte, vor dem Krieg vier Söhne hatten. Drei Söhne wurden vor Stalingrad erschossen, der vierte Sohn, der die Gastwirtschaft weiterführen sollte, kam bei einem Verkehrsunfall ums Leben. Und das innerhalb weniger Monate. Die Großeltern saßen dann nur noch auf der Bank vor der Gastwirtschaft und sagten: "Man kann ja nichts tun." Sie waren nahe daran, verrückt zu werden - vom Schicksal.

Wolfgang Krüger: "Man hat Angst vor dem, was auftaucht, man ahnt, dass es mühsam ist . . ."

Wolfgang Krüger: "Man hat Angst vor dem, was auftaucht, man ahnt, dass es mühsam ist . . ."© Weidinger Wolfgang Krüger: "Man hat Angst vor dem, was auftaucht, man ahnt, dass es mühsam ist . . ."© Weidinger

Als meine Klientin erkannte, in welcher Notsituation dieser Spruch entstanden war, hatte sie das Gefühl, als würde ein Korken wegknallen. Solche Familienüberzeugungen haben eine unglaubliche Wucht und fühlen sich für uns an wie die Zehn Gebote.

Halten Sie Familienaufstellungen für sinnvoll?

Familienaufstellungen basieren sehr viel auf Gefühl und Intuition. Das ist am Anfang auch sehr wichtig, denn jede Familienforschung beginnt wie die Ausgrabung von Troja. Ich weiß, da muss irgendetwas sein, obwohl ich zu Beginn überhaupt keinen Anhaltspunkt habe. Ich muss also meinem Gefühl vertrauen. Danach sollte man das Ganze aber mit sehr viel Wissen und wirklichen Kenntnissen unterfüttern. Bei Aufstellungen gibt es allerdings manchmal Leute, die sich an Hexenverbrennungen im Mittelalter erinnern. Hier geht wohl eher die Phantasie mit ihnen durch.

In Ihrem Buch "Die Geheimnisse der Großeltern" beschreiben Sie Ihren eigenen Weg in die Familienforschung - was war Ihre Motivation, ein Buch dazu zu verfassen?

Ich wollte in meinem Buch zeigen, wie wichtig diese Art des Suchens ist, aber auch wie schwierig! Ich habe vier Jahre gebraucht und ein Riesenprojekt daraus gemacht, in das ich alle lebenden Verwandten miteinbezog. Die meisten Dinge fand ich allerdings vor Ort heraus. Es war wie eine Art Kriminalgeschichte, die ich mit ziemlich viel Aufwand betrieb. Mir ging es wie den meisten Familienforschern: Zuerst stoßen sie immer auf ein Schweigen.

Wenn sie trotzdem weitergehen, merken sie, dass alle Familiengeschichten geschönt sind. Aus einem einfachen Postboten wird dann ein Postbeamter. Oder aus einem kleinen Haus wird ein halbes Gutsschloss. Dinge werden überhöht. Meine Mutter war zum Beispiel Putzfrau. Da das nicht in eine hoch angesehene Beamtenfamilie passte, wurde es verschwiegen. Ich wusste meine Kindheit lang nicht, woher meine Mutter eigentlich stammte, wer ihre Eltern waren. Es wurde eine rührselige Geschichte erfunden, dass sie eine Vollwaise gewesen sei und mein Vater sie in Kriegszeiten quasi gerettet hätte. Wir Kinder fanden das toll - das war so wie Hänsel und Gretel für Erwachsene. In Wirklichkeit war es meine Großmutter, die, als meine Mutter von meinem Vater schwanger wurde, verlangte: Ihr müsst jetzt heiraten. Das hatte nichts mit Liebe zu tun. Und ich glaube, meine Mutter dachte, als sie die Familie meines Vaters kennenlernte, auch: In diese Beamtenfamilie will ich hineinheiraten.


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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-11-09 16:17:11
Letzte nderung am 2017-11-09 17:06:32



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