• vom 02.12.2017, 14:00 Uhr

Zeitgenossen

Update: 02.12.2017, 14:41 Uhr

Interview

"Sammeln hat einen kindlichen Ursprung"




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Von Dagmar Weidinger

  • Die Autorin und Zeichnerin Andrea Maria Dusl erzählt von ihrer Sammelleidenschaft.

"Sammeln hat auch etwas mit erreichbarer Seltenheit zu tun." Andrea Maria Dusl - © Markus Ladstätter

"Sammeln hat auch etwas mit erreichbarer Seltenheit zu tun." Andrea Maria Dusl © Markus Ladstätter

"Wiener Zeitung": Frau Dusl, wie hat Ihre große Sammelleidenschaft begonnen?

Information

Andrea Maria Dusl wurde 1961 in Wien geboren und ist Autorin, Zeichnerin und Filmregisseurin. Außerdem arbeitet sie als Lektorin an der Universität für Angewandte Kunst in Wien. Sie studierte Bühnenbild und Medizin in Wien. 2014 dissertierte sie bei Ernst Strouhal an der Angewandten im Fach Philosophie. Seit 1985 schreibt und zeichnet sie für österreichische Medien, seit 1996 erscheinen ihre wöchentliche Kolumnen "Comandantina Dusilova" und "Fragen Sie Frau Andrea" in der Wiener Stadtzeitung "Falter". Dusl lebt nach mehreren Übersiedlungen wieder in ihrem Geburtshaus im 2. Wiener Gemeindebezirk, wo sich auch ihre Bibliothek - der "Handapparat" - sowie der blau-schwarze Legoturm befinden. 2017 erschien ihr jüngstes Buch, "Wien wirklich", im Metroverlag.

Dagmar Weidinger, geboren 1980, Kunsthistorikerin, schreibt als freie Journalistin für diverse österreichische Zeitungen und Magazine.

Andrea Maria Dusl: Meine erste Begegnung mit dem Begriff "Sammeln" machte ich in der Volksschule. Die Nonnen in der Leopoldsgasse (Volksschule der Schulschwestern in 1020 Wien, Anm.) sammelten bei uns Geld. Um 100 Schilling konnte man ein, wie es im damaligen Sprachgebrauch noch hieß, "Negerkind" taufen lassen. Schreiben Sie das bitte unbedingt unter Anführungszeichen! Das war sehr viel Geld in den 60er Jahren. Die mitgelieferte Erzählung war diese: Afrikanische Kinder müssen vor der Hölle gerettet werden. Wenn man sie schnell tauft, überleben sie besser und werden richtig gute Christen.

Das Kind vom Fleischhauer brachte damals 500 Schilling mit und ließ damit fünf Kinder taufen. Das war sensationell viel! Nach ein paar Wochen bekam man ein Bild des Täuflings. Es handelte sich um irgendwelche abfotografierten Kinder in Missionsstationen, die vermutlich ohnehin bereits alle im Schoß der Kirche gelandet waren.

Und Sie hatten nur diese eine Sammelwut in der Kindheit?

Nein, das war eine von vier Sammelleidenschaften. Man sammelte damals vor allem Bensdorp-Schokoschleifen - 100 Schleifen konnten gegen eine frische Tafel Schokolade eingelöst werden. Eine geniale Marketing-Idee der holländischen Firma Bensdorp. Außerdem sammelte man Fußballbilder, eine nicht weniger kluge Geschäftsidee der Familie Panini, und Wagenpässe! In einen Wagenpass trugen die Straßenbahnfahrer die Zeiten ein, zu denen sie an den Endhaltestellen eintrafen. Zu diesem sehr seltsamen Schriftstück brach eine schulenübergreifende Sammelwut in ganz Wien aus, die nach einem Jahr wieder völlig verschwand.

Andrea Maria Dusl im Gespräch mit "WZ"-Mitarbeiterin Dagmar Weidinger.

Andrea Maria Dusl im Gespräch mit "WZ"-Mitarbeiterin Dagmar Weidinger.© Markus Ladstätter Andrea Maria Dusl im Gespräch mit "WZ"-Mitarbeiterin Dagmar Weidinger.© Markus Ladstätter

Besonders begehrt waren Wagenpässe von Sonderfahrten oder Linien, die nur am Wochenende verkehrten, wie die Linie 31/5 - das war eine Mischung aus beiden Linien. Die Wagenpass-Sammelei berührte zwei Themen: Erstens die Erkenntnis, wie unglaublich schwierig es ist, sammeltechnisch komplett zu sein. Zweitens die Tatsache, dass jeder Sammler tauschen muss und sehr viele falsche Sachen im Portfolio mitschleppt. Damals hieß das natürlich nicht Portfolio, sondern man hatte einfach ein Packerl lapprige Wagenpässe mit Gummiringerl drumherum.

Der Austausch mit anderen Sammlern verläuft sicher nicht immer so reibungslos - man ist ja letztlich Konkurrent. Wird da viel getrickst?

Nicht unbedingt. Wirklich böse sind die Antiquare; sie leben von der Krankheit der Sammelnden. Es gibt für jede Sammelleidenschaft Händler; sie unterscheiden sich nur in Legalitätsfragen von Dealern. Man muss diesen Leuten entkommen. Sammler untereinander verhalten sich ganz anders, sie würden sich nicht gegenseitig das Weiße aus den Augen holen. Aber sie würden einen Trottel natürlich sofort bescheißen.




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Dokument erstellt am 2017-12-01 15:59:12
Letzte ─nderung am 2017-12-02 14:41:23



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