• vom 13.01.2018, 16:00 Uhr

Zeitgenossen


Interview

"Konservieren hat mit Beziehungspflege
zu tun"




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Von Jeannette Villachica

  • Der Sozial- und Wirtschaftshistoriker Uwe Spiekermann über die Geschichte der Haltbarmachung von Lebensmitteln - und wie Einweckapparate, Konserven und Tiefkühlkost unser Leben verändert haben.

Unser heutiges Leben ist ohne Lebensmittelkonservierung nicht denkbar. - © SalomT Fresco Barbeito/Getty Images

Unser heutiges Leben ist ohne Lebensmittelkonservierung nicht denkbar. © SalomT Fresco Barbeito/Getty Images

"Wiener Zeitung": Herr Spiekermann, wie sähe unser Leben ohne Lebensmittelkonservierung aus?

Uwe Spiekermann: Unser heutiges Leben ist ohne Lebensmittelkonservierung nicht denkbar. Sie ist die Grundlage für jede arbeitsteilig agierende Gesellschaft. Ohne Konservierung müssten 80 bis 85 Prozent der Bevölkerung im Lebensmittel-, vor allem im
Agrarsektor tätig sein.

Das Leben eines Großteils der Menschheit in Großstädten wäre also unmöglich.

Ja, die Großstädte der vorindustriellen Zeit waren Ausnahmen, die vom gesamten Ertrag ihres landwirtschaftlichen Umfelds lebten. Sie entstanden auch nur, weil sie an Handelswege, insbesondere an Seehandelswege angeschlossen waren. Nahrung ist ja ein sehr flüchtiges Gut. Sobald eine Frucht vom Baum gepflückt oder ein Tier geschlachtet ist, beginnen Verwesung, Zersetzung, Verderb. Die Konservierung bietet genau diesen Prozessen Einhalt und steht somit in gewisser Weise für die Selbstbehauptung des Menschen in einer grundsätzlich feindlichen Natur oder in modernen Gesellschaften für die technische Beherrschung dieser Natur. Letztlich geht es immer darum, das Wachstum von Pilzen, Bakterien und möglichen Schädlingen zu verringern und mehr Zeit zum Verzehr zu gewinnen.

Spezialist für Konsum- und Ernährungsgeschichte: Uwe Spiekermann.

Spezialist für Konsum- und Ernährungsgeschichte: Uwe Spiekermann.© privat Spezialist für Konsum- und Ernährungsgeschichte: Uwe Spiekermann.© privat

Information

Uwe Spiekermann, geboren 1963, lehrt als Privatdozent am Institut für Wirtschafts- und Sozialgeschichte der Georg-August-Universität Göttingen. Nach dem Studium der Neueren Geschichte, Politikwissenschaft und Publizistik in Münster war er an Universitäten in Deutschland, England, Österreich und den USA tätig. Von April 2008 bis Ende September 2015 war er stellvertretender Direktor des "German Historical Institute" in Washington. Neben Konsum- und Unternehmensgeschichte ist die Geschichte der Ernährung im 19. und 20. Jahrhundert einer seiner Forschungsschwerpunkte.
Sein Buch "Künstliche Kost. Ernährung in Deutschland, 1840 bis heute" erscheint im Frühjahr im Göttinger Verlag Vandenhoeck & Ruprecht.


Wann begann der Mensch mit der Haltbarmachung von Lebensmitteln?

Da er insbesondere in klimatisch ungünstigen Gebieten stets darauf angewiesen war, ist Konservierung Teil der gesamten Menschheitsgeschichte. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts kannte man grundsätzlich alle heutigen Konservierungstechniken, von einigen hochentwickelten abgesehen: das Einkellern, Silieren und Einmieten, also das Lagern in Kellern, Silos, in präparierten Erdmulden oder auf dem Feld; auch heute werden zum Beispiel Rüben über Monate auf dem Feld gelagert, bevor sie verfüttert oder verarbeitet werden. Darüber hinaus wurde und wird gekühlt und erhitzt, eingekocht und gedörrt. Üblich waren auch schon früh der Einsatz von Zucker oder Salz als natürliche Konservierungsmittel, also das Kandieren oder Pökeln, und das Einlegen in Öl oder Essig. Sie finden diese Verfahren allesamt in bürgerlichen Kochbüchern der Mitte des 19. Jahrhunderts. Und es gab Verfahren, die heute ungebräuchlich sind, wie die Büchsenkonservierung mit Haushaltsverschlussmaschinen, von denen zwischen 1919 und 1930 jährlich 30.000 Stück abgesetzt wurden. 1930 wurden im Deutschen Reich 27 Millionen Büchsen mit wiederverschließbaren Deckeln verkauft.

Konserven waren jedoch lange Luxusgüter, die sich nur die städtische Oberschicht leisten konnte.




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-01-12 16:05:08
Letzte ─nderung am 2018-01-12 16:29:23



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