• vom 07.11.2008, 15:30 Uhr

Zeitgenossen

Update: 07.11.2008, 15:31 Uhr

"Das möchten wir wissen, also schreib das gefälligst auf!"

Erasmus Schöfer




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Von Mechthild Podzeit-Lütjen

  • Der deutsche Schriftsteller Erasmus Schöfer berichtet über seine Arbeit an einer Romantetralogie und denkt über die Errungenschaften und Niederlagen der linken Bewegungen der sechziger, siebziger und frühen achtziger Jahre nach.

Erasmus Schöfer und die

Schriftstellerin Mechthild Podzeit-Lütjen auf dem Literaturfestival "Sprachsalz" 2008 in Hall in Tirol.

Foto: Florian Schneider

Erasmus Schöfer und die

Schriftstellerin Mechthild Podzeit-Lütjen auf dem Literaturfestival "Sprachsalz" 2008 in Hall in Tirol.

Foto: Florian Schneider



Wiener Zeitung: Erasmus Schöfer, nachdem Sie jetzt Ihren Romanzyklus "Kinder des Sisyfos" vollendet haben, fand die erste Lesung in Tirol in Hall anlässlich der Literaturtage "Sprachsalz" 2008 statt. Freuen Sie sich, dass man jetzt auch in Österreich von Ihrer Literatur Notiz nimmt?

Erasmus Schöfer: Ja, das ist schon ein kleiner Quantensprung über die Grenze, denn bisher ist hier in Österreich von meinen Büchern nichts publik geworden. Zwar gibt es eine österreichische Verlagsauslieferung, und als der erste Band erschien, wurde eine größere Rezension in Wien veröffentlicht ( Anmerkung: in der "Furche" ), aber sonst hat es keine Resonanz gegeben Das ist mit einem so umfangreichen Werk wie dieser Tetralogie überhaupt schwierig, auch in Deutschland.

11. April 2008: Blumen auf dem Grab Rudi Dutschkes erinnern an den politischen Kopf der Studentenbewegung von 1968. Foto: epa

11. April 2008: Blumen auf dem Grab Rudi Dutschkes erinnern an den politischen Kopf der Studentenbewegung von 1968. Foto: epa 11. April 2008: Blumen auf dem Grab Rudi Dutschkes erinnern an den politischen Kopf der Studentenbewegung von 1968. Foto: epa

Wozu man sagen muss: jedes der vier Bücher ist ein Roman, der in sich geschlossen ist und auch allein gelesen werden kann. Aber die fiktionalen Figuren der Bücher werden durch alle vier Bände weiterentwickelt. Wir erleben sie in München 1968 während der Unruhen nach den Schüssen auf Rudi Dutschke und während des Vietnamkrieges und der Notstandsgesetze, die damals in Deutschland zur Abstimmung standen - da beginnt die Handlung und schildert genau dieses Frühjahr 1968 in dem Band "Ein Frühling irrer Hoffnung". Die beiden Hauptpersonen Viktor Bliss und Manfred Anklam werden eingeführt als Freunde, die sich in Berlin beim Vietnamkongress zufällig kennengelernt haben. Und dann sind sie zusammen bei der Belagerung des Springer-Druckhauses zu Ostern 1968, wobei Anklam durch einen Steinwurf verletzt wird - ohne zu wissen, von wem. Das führt bei ihnen zu einer Art Blutsbrüderschaft, zu einer durch viele Erlebnisse haltbaren Freundschaft, denn nach 20 Jahren sind sie 1989 immer noch zusammen unter den inzwischen völlig veränderten Umständen.

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Ob und wie es danach noch irgendwie weiter geht, das wissen zur Zeit weder die Musen noch der Autor.

Heißt das, Sie hätten eine Weiterführung Ihres Zeitromans nach der deutschen Vereinigung doch in Erwägung gezogen?

Nein, überhaupt nicht. Ich habe gedacht, ich bin jetzt fertig mit meiner Sisyphusarbeit und kann alle Viere von mir strecken. Doch jetzt kommen Kritiker und sagen, hör mal, was ist denn nun mit deinen Hauptfiguren, mit dem Bliss und dem Anklam, im Jahre 2005? Wie reagieren die denn jetzt? Sind sie völlig abgedriftet wie Joschka Fischer oder sind sie vielleicht bei der Clownsarmee? Das möchten wir doch gerne wissen, also schreib das gefälligst auf!

Diese Bücher beruhen aber überwiegend auf meinen eigenen Erfahrungen. Ich war immer ein politisch engagierter Schriftsteller und habe mich in die demokratischen Bewegungen hinein begeben, um zu sehen, wie die Menschen sich wehrten oder welche Initiativen sie im Interesse der demokratischen Entwicklung der Gesellschaft ergriffen. Zum Beispiel gegen das Atomkraftwerk in Wyhl am Kaiserstuhl, als es so eine erste, ganz breite Bürgerbewegung gegeben hat, die überhaupt nicht etwa nur links anzusiedeln gewesen wäre. Da gab es zwar Linke, aber auch Christsoziale und Grüne. Ein ganz breites Spektrum von Menschen hatte sich da zusammengefunden, deshalb bin ich hingefahren, habe recherchiert und auch selber an dieser Bürgerbewegung teil genommen.

Das erwähne ich jetzt nur als Beispiel dafür, dass die Grundlage dieser Romane eben die persönliche Erfahrung ist, die ich natürlich beim Schreiben angereichert und ergänzt habe durch das, was ich in meinem Archiv gesammelt habe und was ich in anderen Büchern nachlesen konnte.

Will sagen: in den vergangenen zwanzig Jahren meiner Arbeit an der Tetralogie habe ich eher zurückgezogen gelebt, sodass ich nicht wie vorher die Erfahrungen der gesellschaftlichen Wirklichkeit aufnehmen konnte, die mich zu einer Weiterführung der erzählten Geschichte über das Jahr 1990 hinaus befähigen würden. Ich denke, das ist eine Aufgabe für jüngere Kollegen.

Zu Ihrem fünfundsiebzigsten Geburtstag erschien die Festschrift "Unsichtbar lächelnd träumt er Befreiung". Worum geht es darin?

Dabei handelt es sich um eine Sammlung von Texten, die sich mit den "Sisyfos"-Romanen auseinandersetzen. Die Autoren sind zum Teil Literaturwissenschafter und Rezensenten, aber auch, wie zum Beispiel Günter Wallraff, Freunde, deren Wege sich mit meinen gekreuzt haben und die von ihren Erlebnissen mit mir berichten. Wenn man die ersten drei Romane nicht kennt, dann kann man diesen Sammelband lesen und erfährt so recht gut, wovon jene handeln. Leser brauchen zum Verständnis des jetzt erschienenen vierten Bandes, "Winterdämmerung", diese Hilfestellung sicher nicht. Aber für Rezensenten, die das ganze Werk beurteilen möchten, kann diese Geburtstags-Festschrift eine nützliche Grundlage für ihre Auseinandersetzung mit meinem Werk sein.

Die Bände sind unabhängig voneinander zu lesen. Man muss also nicht den ersten kennen, um den dritten zu lesen, sie sind abgeschlossen in sich, obwohl die Figuren weiter geführt werden.

Ja, ich habe bei jedem der Romane unauffällig zurückgespiegelt, was in den früheren schon zu lesen war. Die Vorgeschichte der handelnden Personen kommt auf diese oder jene Weise zur Sprache.

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Dokument erstellt am 2008-11-07 15:30:49
Letzte nderung am 2008-11-07 15:31:00



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