

Historisch betrachtet, gibt es einen grundsätzlichen Zusammenhang zwischen Gesellschaftsformen und Haushaltsstrukturen, aber man kann keine zwingende Kausalkette herstellen. Man kann nicht sagen, je weniger modern Länder sind, desto weniger "demokratisch" sind ihre Familienformen. Da müsste man fragen: Welche Demokratie ist gemeint? In Süd- und Osteuropa herrschen andere ideelle Vorstellungen, die Blutsverwandtschaft hat einen hohen Stellenwert. Ein Rückgang der Großfamilienhaushalte hängt eher mit neuen Erwerbsformen und der Steigerung der Individualität zusammen: Es gibt heute immer mehr Single-Haushalte und mehr Patchwork-Familien - die wir übrigens von den Haushalten des 18. und 19. Jahrhunderts auch kennen, aber sie hatten damals andere Gründe: Die Menschen hatten eine relativ kurze Lebenserwartung. Bis vor rund 120 Jahren dauerte wegen des Todes eines Ehepartners eine Partnerschaft in Europa durchschnittlich nur zehn bis 15 Jahre, danach kam es in der Regel zur Wiederverheiratung des verwitweten Partners. In den Märchensammlungen der Brüder Grimm taucht zum Beispiel oft das schwierige Verhältnis der "bösen" Stiefmutter zur Stieftochter auf. Heute werden die Familienverhältnisse hingegen frei gewählt, mit allen Vor- und Nachteilen, die sie manchmal für die Kinder bringen.
Sind die "lieben Großeltern" eine Rolle, die die Gesellschaft älteren Menschen aufzwingt, oder ist das in einem drinnen? Es sind ja auch nicht alle Pensionisten Großeltern.
Auf die Frage, ob etwas "in einem - biologisch - drinnen" ist, werden Sie von einem Sozial- und Kulturhistoriker immer die definitive Antwort "nein" bekommen. Vor 300 Jahren hätte man sich gewundert über die heutige, innige Großeltern-Enkelkind-Beziehung und auch über die enge, emotionale Partnerbeziehung. Das ist nicht in uns drinnen. Das sind historisch gewachsene, kulturelle Normen, die von den Menschen selbst gestaltet werden. Und man kann diese Normen annehmen oder ablehnen bzw. weiterentwickeln.
Die demographische Kurve geht immer noch nach oben. Im Gegensatz zu den 70er Jahren sind Pensionisten jetzt fast genauso lange in Pension, wie sie gearbeitet haben, durch das Umlagesystem auf Kosten der nachfolgenden Generationen. Gleichzeitig erleiden viele zu Pensionsantritt einen "Schock". Sollten Ältere stärker gesellschaftspolitisch in die Pflicht genommen werden, bzw. sollte es nicht viel mehr Altersteilzeitmodelle geben?
Viele ältere Menschen leisten Freiwilligenarbeit wie zum Beispiel Ute Bock in der Flüchtlingsbetreuung - und Ute Bocks gibts viele! Die älteren Menschen sind starke Leistungsträger, innerhalb der Familie, aber auch in vielen anderen Bereichen, teilweise als Ehrenamtliche oder auch noch als finanziell Erwerbstätige. Das Bild vom nur im Lehnstuhl sitzenden Opa existierte vielleicht früher. Die, die sehr aktiv sind, sind heute die Mehrheit. Die 70- oder 75-Jährigen, die nichts tun außer Fernsehen, sind definitiv in der Minderheit.
Heike Hausensteiner war Politik-Redakteurin der "Wiener Zeitung" (1996-2005), danach u.a. Autorin der Eurobarometer-Berichte für Österreich, Chefredakteurin des Monatsmagazins "european - was uns verbindet" und schreibt jetzt für österreichische und deutsche Medien.