• vom 16.03.2012, 13:00 Uhr

Zeitgenossen

Update: 16.03.2012, 16:09 Uhr
  • Artikel
  • Lesenswert (4)
  • Drucken
  • Leserbrief
  • Empfehlen/Teilen



"Kein Revival der Großfamilie"

Erhard Chvojka



Erhard Chvojka.

Erhard Chvojka.Foto: Hausensteiner Erhard Chvojka.Foto: Hausensteiner

Opa und Enkel, 1890 idyllisch gemalt von Georgios Iakovidis (Ausschnitt).

Opa und Enkel, 1890 idyllisch gemalt von Georgios Iakovidis (Ausschnitt).© Wikipedia Commons Opa und Enkel, 1890 idyllisch gemalt von Georgios Iakovidis (Ausschnitt).© Wikipedia Commons

Historisch betrachtet, gibt es einen grundsätzlichen Zusammenhang zwischen Gesellschaftsformen und Haushaltsstrukturen, aber man kann keine zwingende Kausalkette herstellen. Man kann nicht sagen, je weniger modern Länder sind, desto weniger "demokratisch" sind ihre Familienformen. Da müsste man fragen: Welche Demokratie ist gemeint? In Süd- und Osteuropa herrschen andere ideelle Vorstellungen, die Blutsverwandtschaft hat einen hohen Stellenwert. Ein Rückgang der Großfamilienhaushalte hängt eher mit neuen Erwerbsformen und der Steigerung der Individualität zusammen: Es gibt heute immer mehr Single-Haushalte und mehr Patchwork-Familien - die wir übrigens von den Haushalten des 18. und 19. Jahrhunderts auch kennen, aber sie hatten damals andere Gründe: Die Menschen hatten eine relativ kurze Lebenserwartung. Bis vor rund 120 Jahren dauerte wegen des Todes eines Ehepartners eine Partnerschaft in Europa durchschnittlich nur zehn bis 15 Jahre, danach kam es in der Regel zur Wiederverheiratung des verwitweten Partners. In den Märchensammlungen der Brüder Grimm taucht zum Beispiel oft das schwierige Verhältnis der "bösen" Stiefmutter zur Stieftochter auf. Heute werden die Familienverhältnisse hingegen frei gewählt, mit allen Vor- und Nachteilen, die sie manchmal für die Kinder bringen.

Sind die "lieben Großeltern" eine Rolle, die die Gesellschaft älteren Menschen aufzwingt, oder ist das in einem drinnen? Es sind ja auch nicht alle Pensionisten Großeltern.

Auf die Frage, ob etwas "in einem - biologisch - drinnen" ist, werden Sie von einem Sozial- und Kulturhistoriker immer die definitive Antwort "nein" bekommen. Vor 300 Jahren hätte man sich gewundert über die heutige, innige Großeltern-Enkelkind-Beziehung und auch über die enge, emotionale Partnerbeziehung. Das ist nicht in uns drinnen. Das sind historisch gewachsene, kulturelle Normen, die von den Menschen selbst gestaltet werden. Und man kann diese Normen annehmen oder ablehnen bzw. weiterentwickeln.

Die demographische Kurve geht immer noch nach oben. Im Gegensatz zu den 70er Jahren sind Pensionisten jetzt fast genauso lange in Pension, wie sie gearbeitet haben, durch das Umlagesystem auf Kosten der nachfolgenden Generationen. Gleichzeitig erleiden viele zu Pensionsantritt einen "Schock". Sollten Ältere stärker gesellschaftspolitisch in die Pflicht genommen werden, bzw. sollte es nicht viel mehr Altersteilzeitmodelle geben?

Viele ältere Menschen leisten Freiwilligenarbeit wie zum Beispiel Ute Bock in der Flüchtlingsbetreuung - und Ute Bocks gibt’s viele! Die älteren Menschen sind starke Leistungsträger, innerhalb der Familie, aber auch in vielen anderen Bereichen, teilweise als Ehrenamtliche oder auch noch als finanziell Erwerbstätige. Das Bild vom nur im Lehnstuhl sitzenden Opa existierte vielleicht früher. Die, die sehr aktiv sind, sind heute die Mehrheit. Die 70- oder 75-Jährigen, die nichts tun außer Fernsehen, sind definitiv in der Minderheit.

Heike Hausensteiner war Politik-Redakteurin der "Wiener Zeitung" (1996-2005), danach u.a. Autorin der Eurobarometer-Berichte für Österreich, Chefredakteurin des Monatsmagazins "european - was uns verbindet" und schreibt jetzt für österreichische und deutsche Medien.





Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)


Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2013
Dokument erstellt am 2012-03-15 18:32:15
Letzte Änderung am 2012-03-16 16:09:25


Werbung



Beliebte Inhalte



Ranajit Guha, der am 23. Mai 90 Jahr alt wird, mit seiner Ehefrau Mechthild, 2008. - Foto: Nonica Datta
  • Der indische Historiker Ranajit Guha gilt als Begründer der "Subaltern Studies". Als Kritiker der kolonialistisch-eurozentristischen...
  • weiter

Minna Wagner, Porträt von Clementine Stockar-Escher, 1853. - Abb.: Wikip.
  • Dreißig Jahre lang war Richard Wagner mit Minna Planer verheiratet. An ihrer Seite hat er fast alle seine Werke komponiert oder zumindest konzipiert...
  • weiter

"Für mich war Musik schon früh etwas Lebensnotwendiges. Als ich später einmal keine Möglichkeit hatte, Musik zu machen, bin ich depressiv geworden." Walter Arlen - Foto: Bernadette Conrad
  • Der in Wien geborene Komponist Walter Arlen erzählt von den schlimmen Tagen im März 1938, dem Glück, das er in Amerika fand...
  • weiter

Das "Highlinen" in gebirgigen Höhen ist die Königsdisziplin des "Slacklinens": Hier Christian Waldner unterwegs zur Innsbrucker "Frau Hitt", 2012. - Foto: Slackliner.at
  • Der Tiroler Christian Waldner ist einer der Stars der österreichischen "Slackline"-Szene. Nach wagemutigen Touren im Hochgebirge überquert er nun am...
  • weiter

  • Erinnerung an den vor zehn Jahren verstorbenen Politikwissenschafter Johannes Agnoli, einen so ironiefähigen wie streitbaren Denker und wichtigen...
  • weiter

Das "Highlinen" in gebirgigen Höhen ist die Königsdisziplin des "Slacklinens": Hier Christian Waldner unterwegs zur Innsbrucker "Frau Hitt", 2012. - Foto: Slackliner.at
  • Der Tiroler Christian Waldner ist einer der Stars der österreichischen "Slackline"-Szene. Nach wagemutigen Touren im Hochgebirge überquert er nun am...
  • weiter




Frankreich: Amandine Bourgeois - "L'enfer et moi"

Der Teil einer Installation des pakistanischen Künstlers von Imran Qureshi im Metropolitan Museum in New York. Die letzten Stufen werden noch eingekleidet, und dann kanns los gehen:

18. 5. 2013: Ein lesbisches Paar in Myanmar: Der "Internationale Tag gegen Homophobie" geriet weltweit zu einem bunten und eindringlichen Protest gegen Diskriminierung. Noch herrscht auf der Croisette vor dem Palais des Festivals in Cannes die Ruhe vor dem Sturm.

Werbung