

Wie ist die Situation in den deutschsprachigen Ländern?
In Deutschland ist die Bewegung relativ neu und hat noch nicht diesen Stellenwert. Es gibt einzelne Gruppierungen, wie etwa "Dicke e.V.", das Internetforum "Deutschlands dicke Seiten" oder die "Gesellschaft gegen Gewichtsdiskriminierung". In Österreich gibt es die feministische Initiative "ARGE Dicke Weiber". Dass diese Bewegung hierzulande noch so in den Anfängen steckt, liegt sicher auch am nach wie vor herrschenden mitteleuropäischen Konsens: Dick gilt als gefährlich, weil es angeblich krank macht, und die Allgemeinheit Geld kostet.
Ab einem bestimmten Body-Mass-Index ist das sicher auch zutreffend. Sie beschreiben in Ihrem Buch etwas sehr Interessantes, nämlich das richtige Dicksein. Was verstehen Sie darunter?
Das Schwerste daran ist, dass jeder Mensch, der mit dieser Veranlagung zu tun hat, das für sich selbst klären muss. Das bedeutet auch, dass ich nicht einfach anhand eines bestimmten Body-Mass-Index sagen kann: Ich müsste nun das Gewicht x haben. Zunächst muss man den relativ beschwerlichen Weg gehen und Fragen für sich selbst beantworten, wie: Warum will ich schlank sein? Was bedeutet das für mich?
Klingt auch nicht einfacher als eine mühevolle Diät.
Nein, einfach ist es nicht. Denn Sie müssen lernen, ehrlich zu sich selbst zu sein und die eigenen Kriterien in Frage zu stellen. Denkbar ist dabei jedenfalls die Erkenntnis: Ich möchte nicht unbedingt 160 Kilo wiegen, andererseits ist aber auch Kleidergröße 34 nicht zwingend. Gewicht und Essverhalten sollten in einem sinnvollen Verhältnis zueinander stehen, so dass ich mich nicht ständig quälen und über das Essen nachdenken muss. Wenn ich also mittags ein Brötchen esse, möchte ich nicht einen halben Tag darüber nachdenken, wie ich das wieder abtrainiere.
Haben Sie selbst lange so gelebt?
Ich habe lange Diäten gemacht, die erste mit elf Jahren. Es gab auch Zeiten, in denen ich viel Gewicht verloren habe und dann wieder zugenommen habe. Vor allem gab es die sogenannten Kon-trollphasen, in denen meine Gedanken nur noch um Kalorien kreisten und ich weit entfernt von jeglichem natürlichen Essverhalten war.
In dem Lied "Verschwinde" der Sängerin Annett Louisan gibt es die Zeile: "Hab mich zwölf Mal am Tag gewogen." Solche zwanghaften Verhaltensweisen haben Sie jetzt nicht mehr nötig?
Ich habe keine Waage, schon seit vielen Jahren nicht mehr. Meine Obsession war auch weniger das Wiegen als das Tasten. Ich habe also gefühlt, ob die Ringe an den Fingern schon rutschen und ob zum Beispiel der Bauch flacher geworden ist und die Beckenknochen zu spüren sind.
Was hat sich für Sie dadurch geändert, dass Sie ehrlicher zu sich selbst geworden sind?
Ich weiß tatsächlich nicht, wie viel ich wiege. Ich kenne aber meine Kleidergröße - und das richtige Dicksein ist für mich genau so, wie es jetzt ist. Diese zwanghaften Gedanken rund um das Thema Essen sind weitgehend verschwunden. Es hat sich also sogar sehr viel geändert.
Welche Kleidergröße haben Sie denn?
44.
Und Sie fühlen sich damit wohl?
(lacht) Ja! Aber Sie klingen sehr zweifelnd.
(lacht) Zugegeben, ja. Aber ich bin auch überrascht: Denn wenige Menschen - vor allem Frauen - sind mit ihrem Gewicht zufrieden, insbesondere nicht mit Konfektionsgröße 44. Wo liegt für Sie die Grenze zwischen dick und zu dick?
Ich hatte auch schon Größe 48; 44 ist also wirklich ein Erfolg für mich. Mit zwei Kleidergrößen mehr fühlte ich mich nicht mehr wohl und hatte ein sehr schlechtes Körpergefühl. Es fühlte sich nicht mehr stimmig an und ich war für meine eigenen Begriffe zu dick. Mit 44 befinde ich mich in meinem persönlichen Gleichgewicht, weil ich regelmäßig und entspannt esse, zwischen den Mahlzeiten selten ans Essen denke und vor allem nichts unkon-trolliert in mich hineinstopfen muss. Diese Grenzen verlaufen aber sehr individuell, bei Frauen wie auch bei Männern.
Was empfehlen Sie Menschen, die mit Ihrem Gewicht kämpfen?
Als Ratgeberin sehe ich mich eigentlich nicht. Mein Anliegen ist, dass die Menschen über sich und die Bedeutung, die sie ihrem Gewicht geben, überhaupt nachdenken. Wenn man dick veranlagt ist und darunter leidet, hilft es, wenn man sich das zunächst einzugestehen erlaubt: Ja, ich bin dick. Das ist in diesem Moment die Realität meines Körpers. Wenn man nur schlank ist, weil man sich ständig kontrolliert, könnte man sich auch folgendes Gedankenspiel erlauben: Angenommen, ich wäre ein bisschen dicker - was wäre dann? Welche Gefühle kommen da hoch? Das ist oftmals ganz erstaunlich.
Welche sind das zum Beispiel?
Ängste davor, abgelehnt zu werden. Oder Erinnerungen an Mütter und Väter, die einen als Kind wegen des Gewichts abgewertet haben. Früher gab es zum Beispiel sehr viele Mütter, die es als persönliches Versagen empfunden haben, wenn ihr Kind auch nur ein bisschen mollig war. Denn die anderen könnten es ja als mangelnde Fürsorge auslegen.
Das wird den Eltern auch heute als Versagen, als Scheitern angelastet.
Der Begriff "Scheitern" gefällt mir in diesem Zusammenhang nicht, ich halte ihn sogar für einen gefährlichen Motor in einer populären Ideologie. Mit dieser Angst vor dem Dickwerden verdient die Fitness- und Diätindustrie irrsinnig viel Geld. Laut einer Studie der Bundeszentrale für politische Bildung gibt ein Mensch pro Kilo, das er loswerden will, 320 Euro aus.