• vom 15.10.2015, 16:12 Uhr

Zeitgenossen

Update: 26.01.2016, 15:53 Uhr

Gönnerhafte Kritik, gängige Klischees




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Das "extra" vom 10. Oktober 2015 veröffentlichte ein Interview mit Klaus Kastberger, dem Leiter des Grazer Literaturhauses, Professor für Neuere deutsche Literatur in Graz und Juror beim Bachmann-Preis. In diesem Gespräch meinte Kastberger unter anderem, dass Daniel Kehlmann in seinen Romanen aus Wikipedia "abschreiben" würde.

Nun hat Kastberger diese Vorwürfe zurückgezogen. Siehe Brief an Kehlmann.

Die einstige Bemerkung des Literaturkritikers hatte den Widerspruch des Autors herausgefordert, was wiederum eine Gegenrede provozierte. Wir veröffentlichen diese Stellungnahmen hier, da Kehlmann und Kastberger ihre Kontroverse ausdrücklich nicht als Privatsache verstehen, sondern als eine öffentliche Diskussion.

Daniel Kehlmann: Ein gewisser Klaus Kastberger vom Grazer Literaturhaus erklärt im Interview mit der Wiener Zeitung, daß ich "nichts anderes" machen würde "als Wikipedia abzuschreiben und daraus Romane zu basteln." Weiters führt er aus: "Man hat ja nachgewiesen, wie sehr sich die Einträge zu Gauß und Humboldt auf Wikipedia und manche Passagen der 'Vermessung der Welt' ähneln", um mir schließlich gönnerhaft einzuräumen, daß "auch Daniel Kehlmann einen Wikipedia-Artikel nehmen, ‚Kehlmann' drauf schreiben und sagen darf, es ist Literatur".

Falls das Humor sein soll, so werden wohl nicht viele darüber lachen. Falls es aber ernst gemeint ist, so muß ich feststellen, daß Herr Kastberger offenbar den bewährten Trick aller geschickten Intriganten und Rufmörder verwendet, eine frei erfundene Lüge als allgemein verbreitetes Wissen auszugeben. Denn natürlich habe ich noch nie aus Wikipedia abgeschrieben, und mir sind auch keine germanistische Arbeit und kein Zeitungsartikel bekannt, wo "man" derlei nachgewiesen oder auch nur behauptet hätte. Ich fordere Herrn Kastberger auf, entweder die Artikel, auf die er sich bezieht, vorzulegen oder aber eine einzige aus Wikipedia abgeschriebene Stelle meines Romans zu nennen.

Klaus Kastberger: Sehr geehrter Herr Kehlmann, da Sie vieles lesen, was über Sie geschrieben wird, wissen Sie ohne Zweifel, dass es an der "Vermessung der Welt" eine Art von Kritik gibt, die Ihnen als Autor des Buches vorwirft, sich in der Modellierung der Figuren Gauß und Humboldt gerade auf die gängigsten Klischees und allerbekanntesten Fakten über diese beiden Personen gestützt zu haben. Auf Geschichten und Anekdoten also, die spielerisch leicht beispielsweise auch aus jedem Wikipedia-Artikel gezogen werden können.

Sollten Sie dafür Belege brauchen, schauen Sie sich am besten die peer-reviewte Zeitschrift "Humboldt im Netz" (XIII, 25, 2012) an, in der Eberhard Knobloch, Ottmar Ette und Frank Holl anlässlich der Verfilmung des Romans diese Einwände noch einmal zusammengefasst und zusätzlich spezifiziert haben.
Wie Sie meiner kleinen Wortmeldung entnehmen können, teile ich selbst den Vorwurf, den diese Art von Kritik ihrem Roman macht, durchaus nicht, denn der Schriftsteller ist in seinem Tun eben nicht auf die historische Wahrheit verpflichtet. Auch Kenntnisse über den aktuellen wissenschaftlichen Forschungsstand seine Figuren betreffend muss er nicht besitzen, bzw. braucht er diese, wenn er sie besitzt, nicht notwendigerweise im literarischen Werk umzusetzen. Der moderne Autor (und die Referenzfigur dafür ist freilich Duchamp) geht mit seinen Quellen so um, wie das mit den seinen schon der alte Goethe getan hat. Er modifiziert sie im Werk und weist ihre Verwendung im besten Fall auch nach außen hin aus. Nur jemand, der sich – ganz gegen die Begründungszusammenhänge der Moderne – in seinem literarischen Schaffen und dabei quasi nur aus einer sehr kurzen Phase der Literaturgeschichte kommend als Original-Genie versteht, vermöchte den Hinweis auf die Quellen, die er verwendet, als Rufmord zu sehen, so wie Sie es mir gegenüber tun.

Einen philologischen Beweis, dass Sie aus Wikipedia oder von wo auch immer wortwörtlich abgeschrieben haben, bin ich Ihnen im Übrigen nicht schuldig, denn das war nicht die Behauptung. So grüßt Sie aus Graz, ein in der Sache doch ganz recht gewisser Klaus Kastberger

Daniel Kehlmann: Klaus Kastberger hat in einem Interview über mich gesagt, daß ich "nichts anderes [mache] als aus Wikipedia abzuschreiben". Er hat behauptet, "man" habe nachgewiesen "wie sehr sich die Einträge zu Gauß und Humboldt auf Wikipedia und manche Passagen der ‚Vermessung der Welt’ ähneln". Ich habe von dieser Behauptung erfahren und ihn öffentlich aufgefordert, eine einzige Quelle für diesen angeblichen Nachweis vorzulegen, und ich habe ihn gebeten, eine einzige bei Wikipedia abgeschriebene Stelle meines Buches zu nennen.

Nun hat Herr Kastberger eine Antwort geschickt. Er nennt darin eine Ausgabe der Zeitschrift "Humboldt im Netz", die er allerdings nicht gelesen haben dürfte, sonst wüßte er, daß darin die genau entgegengesetzte Kritik geäußert wird, nämlich die, daß meine Romanfigur Humboldt zu weit von der historischen Vorlage abwiche. Und überhaupt soll nun plötzlich alles eine Metapher gewesen sein: "bei Wikipedia abschreiben", bedeutet mit einemmal bloß, daß mein Roman in Herrn Kastbergers Augen von mangelnder gestalterischer Originalität sei.

Mich interessiert Herrn Kastbergers Meinung zur literarischen Qualität meiner Arbeit nicht im geringsten. Was mich interessiert, ist nur sein erlogener Abschreibvorwurf. Ich stelle fest: Herr Kastberger kann keinen Artikel nennen, der seine Behauptung untermauert, und er kann keine entsprechende Stelle meines Buches anführen. Daß er versucht, die Sachlage durch Gerede über Originalgenies, die Moderne und den "alten Goethe" zu verwirren, ist das erwartbare Rückzugsgefecht eines Intriganten, dem man sein Spiel verdorben hat.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2015-10-15 16:14:22
Letzte nderung am 2016-01-26 15:53:13



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