• vom 06.12.2015, 14:00 Uhr

Zeitgenossen


Musik

"Es gehört Mut dazu, sich zu präsentieren"




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Von Hermann Schlösser

  • Kammersänger Peter Schreier erzählt von seinen Anfängen im Dresdener Kreuzchor und erklärt, wie man eine lange Sängerlaufbahn sinnvoll plant - und welche Ziele er in seinen Meisterklassen verfolgt.

Peter Schreier im Gespräch mit "extra"-Redakteur Hermann Schlösser. - © Josef Polleross

Peter Schreier im Gespräch mit "extra"-Redakteur Hermann Schlösser. © Josef Polleross

"Wiener Zeitung": Herr Schreier, Ihr Sängerleben begann 1945 als Knabensolist im Dresdener Kreuzchor. Was haben Sie für Erinnerungen an dieses Jahr?


© Josef Polleross © Josef Polleross

Peter Schreier: Das war ja eigentlich eine schlimme Zeit nach dem Krieg. Wir Jungen hatten noch gar keine Schule, die Lehrer waren entweder im Krieg gefallen oder als Nazis belastet. Alles fing sehr langsam von vorne an. Aber wir im Kreuzchor wurden durch diese Schwierigkeiten auch zusammengeschweißt. Wir haben in einer engen Gemeinschaft gelebt, jeder war auf den anderen angewiesen. Und dieser Gemeinschaftswille hat natürlich auch Auswirkungen auf die musikalische Wiedergabe gehabt.


Wie hat der Chor überhaupt arbeiten können?

Es dauerte eine Zeit, bis der Kreuzchor wieder hergestellt war. Manche waren kurz vor Kriegsende mit 17 Jahren noch eingezogen worden, und andere sind bei dem großen Bombenangriff auf Dresden ums Leben gekommen. Die Normalität ging da noch lange nicht los. Es war alles improvisiert, wir mussten die Noten selber schreiben, weil das alte Notenmaterial beim Luftangriff verbrannt ist. Aber dadurch ist ein Zusammenhalt entstanden, wie ich ihn nie mehr im Leben gefunden habe. In schlechten Zeiten ist der Zusammenhalt immer am besten.

"Ich bin ein vom Sänger kommender Dirigent", erklärt Peter Schreier. 

"Ich bin ein vom Sänger kommender Dirigent", erklärt Peter Schreier. © dpa/Hermann Wöstmann "Ich bin ein vom Sänger kommender Dirigent", erklärt Peter Schreier. © dpa/Hermann Wöstmann

Aber gab es in diesen schlechten Zeiten auch ein Bedürfnis nach Musik?

Ja! Das war überall zu spüren. Und weil das alte Notenmaterial eben verloren war, war Rudolf Mauersberger, der damalige Leiter des Kreuzchores, fast gezwungen, neue Musik für uns zu schreiben. Er war ein sehr guter Komponist, und so haben wir vieles singen können, was aus der Zeit und der Not heraus entstanden ist. Das waren zum Teil auch "Schmankerln", wie man heute sagen würde, die dem Chor sehr gut lagen, und die Mauersberger genau auf die Möglichkeiten und Fähigkeiten des Chors hingeschrieben hat. Manches hat er speziell für meine Stimme geschrieben. Auch deswegen erinnere ich mich eigentlich gern an diese Zeit zurück; da sind meine Anfänge und meine Wurzeln.

Der Kreuzchor gehört zur evangelischen Kreuzkirche . . .

. . . ja, genau wie der Thomanerchor in Leipzig zur Thomaskirche gehört . . .

Sind diese traditionsreichen Einrichtungen in der DDR jemals in Frage gestellt worden?

Nein, da wurde niemals daran gerüttelt. Interessant ist ja, dass die russische Administration 1945 angeordnet hat, dass der Kreuzchor sofort wieder ins Leben gerufen werden soll.

Wie ist das zu erklären?

Peter Schreier wurde 1935 in der sächsischen Stadt Gauernitz geboren. Seine Sängerlaufbahn begann im Kindesalter: Ab 1945 sang er im Dresdener Kreuzchor, auch als solistischer Knabenalt. Der Kreuzkantor Rudolf Mauersberger komponierte für ihn eine Reihe von Solopartien.Nach seinem Stimmbruch wurde Schreier Tenor. Die Evangelistenpartien der Oratorien Johann Sebastian Bachs machten ihn weltweit bekannt. Er sang zudem etliche Rollen in Opern (u.a. Die Entführung aus dem Serail, Die Zauberflöte, Fidelio, Das Rheingold, Der Freischütz).
Schreier zählte zu den führenden Musikern der DDR und erwarb sich international Reputation, die ihn an die großen Opernbühnen und zu den bedeutenden Festspielen der Welt führte. Neben dem Opernfach pflegte er den Lied- und den Oratoriengesang.
2005 beendete er seine internationale Sängerkarriere. Seitdem ist Schreier als Dirigent tätig gewesen und leitet nach wie vor internationale Meisterklassen für Gesang. Im Herbst 2015 hielt er einen Meisterkurs im "Haus Hofmannsthal" in Wien ab. Bei dieser Gelegenheit wurde dieses Gespräch geführt.

Peter Schreier wurde 1935 in der sächsischen Stadt Gauernitz geboren. Seine Sängerlaufbahn begann im Kindesalter: Ab 1945 sang er im Dresdener Kreuzchor, auch als solistischer Knabenalt. Der Kreuzkantor Rudolf Mauersberger komponierte für ihn eine Reihe von Solopartien.Nach seinem Stimmbruch wurde Schreier Tenor. Die Evangelistenpartien der Oratorien Johann Sebastian Bachs machten ihn weltweit bekannt. Er sang zudem etliche Rollen in Opern (u.a. Die Entführung aus dem Serail, Die Zauberflöte, Fidelio, Das Rheingold, Der Freischütz).
Schreier zählte zu den führenden Musikern der DDR und erwarb sich international Reputation, die ihn an die großen Opernbühnen und zu den bedeutenden Festspielen der Welt führte. Neben dem Opernfach pflegte er den Lied- und den Oratoriengesang.
2005 beendete er seine internationale Sängerkarriere. Seitdem ist Schreier als Dirigent tätig gewesen und leitet nach wie vor internationale Meisterklassen für Gesang. Im Herbst 2015 hielt er einen Meisterkurs im "Haus Hofmannsthal" in Wien ab. Bei dieser Gelegenheit wurde dieses Gespräch geführt.
© Josef Polleross Peter Schreier wurde 1935 in der sächsischen Stadt Gauernitz geboren. Seine Sängerlaufbahn begann im Kindesalter: Ab 1945 sang er im Dresdener Kreuzchor, auch als solistischer Knabenalt. Der Kreuzkantor Rudolf Mauersberger komponierte für ihn eine Reihe von Solopartien.Nach seinem Stimmbruch wurde Schreier Tenor. Die Evangelistenpartien der Oratorien Johann Sebastian Bachs machten ihn weltweit bekannt. Er sang zudem etliche Rollen in Opern (u.a. Die Entführung aus dem Serail, Die Zauberflöte, Fidelio, Das Rheingold, Der Freischütz).
Schreier zählte zu den führenden Musikern der DDR und erwarb sich international Reputation, die ihn an die großen Opernbühnen und zu den bedeutenden Festspielen der Welt führte. Neben dem Opernfach pflegte er den Lied- und den Oratoriengesang.
2005 beendete er seine internationale Sängerkarriere. Seitdem ist Schreier als Dirigent tätig gewesen und leitet nach wie vor internationale Meisterklassen für Gesang. Im Herbst 2015 hielt er einen Meisterkurs im "Haus Hofmannsthal" in Wien ab. Bei dieser Gelegenheit wurde dieses Gespräch geführt.
© Josef Polleross

Die Russen sind außerordentlich kunst- und musikliebende Menschen. Es gab unter den sowjetischen Offizieren hochgebildete und hochmusikalische Leute. Das darf man nicht vergessen. Und aus diesem Grund kamen von der russischen Besatzung keine politischen Einschränkungen. Erst später, als die deutschen Kommunisten in der DDR die Macht übernahmen, wurde versucht, die Kirche zu unterdrücken. Aber den Kreuzchor und den Thomanerchor hat man trotzdem nie angetastet.

Wurde die kirchliche Chormusik als schützenswertes kulturelles Erbe betrachtet?

Ja, genau. Ein Freund von mir hat ein Buch über den Kreuzchor geschrieben, in dem er zeigt, dass die Nationalsozialisten in die Arbeit des Kreuzchors sehr viel stärker eingegriffen haben als die sowjetische Besatzung oder die Institutionen der DDR. Das muss man wirklich anerkennen. Und für mich ging das ja in meiner späteren Laufbahn so weiter: Die DDR hat mich in meiner Arbeit nie behindert. Natürlich war da der Hintergedanke dabei, dass ein Sänger wie ich eine gute Reklame für die DDR war, das ist klar.

In der DDR hat es eine hohe Musikkultur gegeben: sehr gute Orchester und Dirigenten, interessante Opernregisseure, ausgezeichnete Sänger. Heißt dass, das die klassische Musik ein gut integriertes Element in der DDR-Gesellschaft gewesen ist?

Ja, sicher. Aber wir waren irgendwie auch eine Insel der Glückseligen in diesem Staat.

Hatten Sie selbst auch eine Beziehung zur zeitgenössischen Musik der DDR, also zu Komponisten wie Hanns Eisler, Paul Dessau und anderen?

Diese Musik wurde natürlich in einem Maße gefördert, wie das vielleicht im Westen nicht denkbar gewesen wäre. Das war eine Zwangsförderung, aber ich habe das als angenehm empfunden. Vor allem zu Dessau hatte ich auch persönlich eine gute Beziehung, wir haben uns sehr gut verstanden, ich habe mehrere Schallplatten mit Dessau-Liedern gemacht, aber auch die Werke anderer Komponisten habe ich gesungen. Das war für uns ein gewisses Muss; man hat eben versucht, in der modernen Musik mitzutun, damit sie vorwärts kommt.

Und wie standen Sie zur westeuropäischen Avantgarde?

Werke von Boulez, Nono, Dallapiccola usw. in der DDR aufzuführen, war schwierig. Aber das lag vor allem am Mangel an Devisen, da gab es nicht viele Möglichkeiten, westliche Devisen für die Tantiemen dieser Komponisten aufzubringen. Aber trotzdem war manches möglich, ich habe Dallapiccola gesungen, und Nono habe ich sogar persönlich kennengelernt. Ich war eine Zeit lang im Rundfunkchor im Leipzig, und dieser Chor hat auch zeitgenössische Musik in einer Perfektion aufgeführt, wie man sie nicht besser kriegen konnte.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2015-12-04 14:08:10
Letzte nderung am 2015-12-04 17:13:13



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