• vom 02.01.2016, 16:00 Uhr

Zeitgenossen

Update: 02.01.2016, 16:21 Uhr

Interview

"Vom poetischen Wahn des dionysischen Geistes"









Karl Heinz Bohrer wurde 1932 geboren, studierte Germanistik, Theaterwissenschaft, Geschichte und Philosophie in Köln und Göttingen und nahm eine Tätigkeit als Lektor für deutsche Sprache am Deutschen Zentrum in Stockholm auf. Von 1968 bis 1974 war Bohrer Literaturkritiker und verantwortlicher Redakteur des Literaturteils der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung", danach arbeitete er als Korrespondent dieser Zeitung in London. 1978 habilitierte er sich an der Universität Bielefeld mit einer Studie über die "Ästhetik des Schreckens. Die pessimistische Romantik und Ernst Jüngers Frühwerk". 1982 übernahm Bohrer den Lehrstuhl für Neuere deutsche Literaturgeschichte und Ästhetik an der Universität Bielefeld. Von 1984 bis 2011 fungierte er als Herausgeber der Kulturzeitschrift "Merkur", in der er sich als streitbarer Publizist erwies, der die vorherrschende intellektuelle Provinzialität in Deutschland anprangerte. Seit 2003 lehrt Bohrer als Visiting Professor an der Stanford University; er lebt in London.

Karl Heinz Bohrer wurde 1932 geboren, studierte Germanistik, Theaterwissenschaft, Geschichte und Philosophie in Köln und Göttingen und nahm eine Tätigkeit als Lektor für deutsche Sprache am Deutschen Zentrum in Stockholm auf. Von 1968 bis 1974 war Bohrer Literaturkritiker und verantwortlicher Redakteur des Literaturteils der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung", danach arbeitete er als Korrespondent dieser Zeitung in London. 1978 habilitierte er sich an der Universität Bielefeld mit einer Studie über die "Ästhetik des Schreckens. Die pessimistische Romantik und Ernst Jüngers Frühwerk". 1982 übernahm Bohrer den Lehrstuhl für Neuere deutsche Literaturgeschichte und Ästhetik an der Universität Bielefeld. Von 1984 bis 2011 fungierte er als Herausgeber der Kulturzeitschrift "Merkur", in der er sich als streitbarer Publizist erwies, der die vorherrschende intellektuelle Provinzialität in Deutschland anprangerte. Seit 2003 lehrt Bohrer als Visiting Professor an der Stanford University; er lebt in London.© Jürgen Bauer Karl Heinz Bohrer wurde 1932 geboren, studierte Germanistik, Theaterwissenschaft, Geschichte und Philosophie in Köln und Göttingen und nahm eine Tätigkeit als Lektor für deutsche Sprache am Deutschen Zentrum in Stockholm auf. Von 1968 bis 1974 war Bohrer Literaturkritiker und verantwortlicher Redakteur des Literaturteils der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung", danach arbeitete er als Korrespondent dieser Zeitung in London. 1978 habilitierte er sich an der Universität Bielefeld mit einer Studie über die "Ästhetik des Schreckens. Die pessimistische Romantik und Ernst Jüngers Frühwerk". 1982 übernahm Bohrer den Lehrstuhl für Neuere deutsche Literaturgeschichte und Ästhetik an der Universität Bielefeld. Von 1984 bis 2011 fungierte er als Herausgeber der Kulturzeitschrift "Merkur", in der er sich als streitbarer Publizist erwies, der die vorherrschende intellektuelle Provinzialität in Deutschland anprangerte. Seit 2003 lehrt Bohrer als Visiting Professor an der Stanford University; er lebt in London.© Jürgen Bauer

Dionysos erscheint in vielerlei Gestalt - hier etwa als Galionsfigur eines Schiffes.

Dionysos erscheint in vielerlei Gestalt - hier etwa als Galionsfigur eines Schiffes.© Robert Bressani Dionysos erscheint in vielerlei Gestalt - hier etwa als Galionsfigur eines Schiffes.© Robert Bressani

Neben Euripides ist Hölderlin ein Apologet des Dionysischen. Können Sie sein Verständnis des Dionysischen beschreiben?

Im Falle Hölderlins ist es so, dass er nicht einfach erzählerisch in bestimmten epischen oder hymnischen Zusammenhängen von Dionysos spricht, sondern dass er die dionysische Metaphorik unmittelbar benutzt, um Dichtung als ein Ereignis zu beschreiben. Das geschieht in der dritten Strophe der berühmten Elegie "Brot und Wein", in der Hölderlin die nächtliche Situation beschreibt, in der der Dichter, vom poetischen Wahn des dionysischen Geistes ergriffen, das Dichtwerk produziert. Und dieser Wahn wird von Hölderlin glorifiziert - im Gegensatz zu den zahlreichen Kommentatoren des banalen Lebens, die diesen Wahnsinn des Dichters als den eines Verrückten beschreiben. Das ist die zentrale Stelle der Hymne "Brot und Wein". Diese emphatische Erfahrung ist singulär, sie kann nicht im Rahmen einer literarischen Strömung, einer Dichtergruppe erfolgen.

Sie akzentuieren Hölderlin als einen Dichter, der im Gegensatz zur romantischen Literatur seiner Zeit Dionysos als dämonischen Gott bezeichnet. Wie sieht dieser Gegensatz aus?

Ein Punkt, der für mich bei Hölderlin wichtig ist, betrifft seine Charakterisierung des Dionysos als dämonischen Gott. Dionysos wird bei ihm immer als Bacchus angesprochen, wie das auch in der gesamten literarischen Tradition des 18. Jahrhunderts der Fall war. Bacchus erhielt da den Charakter des Weichlings; er erschien als dickbäuchiger, betrunkener, weibischer Mann - gleichsam ein nicht-dionysischer Dionysos -, der mit dem eigentlichen Dionysos, nach dem ich in dem Buch frage, nichts zu tun hat. Dieses Zerrbild des Dionysos, das auch in der bildenden Kunst des 17. und 18. Jahrhunderts verbreitet ist, wurde bereits von den englischen Romantikern, speziell von Shelley, kritisiert. Die Darstellung des erschreckend auftretenden Dionysos, der plötzlich erscheint, das ist das Verdienst von Hölderlin.

Sie meinten einmal, dass für Sie moralische oder philosophische Überlegungen, die die avancierte Literatur betreffen, von geringem Interesse seien; zentral für Sie seien nur ästhetische Überlegungen. Wie weit ist diese Aussage für Sie heute noch gültig?

Das ist eine generelle und umfassende Aussage; sie steht wie ein A priori für mein Herangehen an Literatur überhaupt und erklärt sich vielleicht aus biografischen Gründen. Ich habe als Literaturkritiker begonnen und war nach meiner Promotion von der Literaturwissenschaft sehr enttäuscht. Der Grund war, dass sie an verschiedenen Themen der Literatur interessiert war, nicht aber an der Literatur selbst. Worüber man sprach - ob das Schiller oder Goethe war - es lief darauf hinaus, Ideenreferate vorzulegen, die sich auf den Sinngehalt der Dichtungen bezogen. Mir wurde jedoch bald klar - schon lange bevor die Dekonstruktion einsetzte -, dass Gedichte nicht aus Ideen bestehen, sondern aus Wörtern. Die Einsicht fand ich bei Mallarmé, der sie auf die Lyrik bezog, und sie schlug bei mir wie ein Blitz ein. Diese Einsicht habe ich auch für die literarische Prosa übernommen. Man kann sie nur adäquat erfassen, wenn man sich auf ihre Kohärenz, ihre spezifische Lautlichkeit und ihre geistige Metaphorik einlässt und sie nicht als eine Abbildung der Wirklichkeit versteht. Bereits am Ende des 18. Jahrhunderts wurde die Einsicht formuliert, dass die erhaben-pathetische Dichtung - für mich ein Synonym für große, relevante Dichtung - sich nicht auf mimetische Beschreibungen der Wirklichkeit reduzieren lässt.

Wie lauteten die Konsequenzen dieser Einsicht?

Wenn man diese These akzeptiert, dann muss man einen Schritt weiter gehen und fragen, was sind die Elemente einer Prosa, die die Referenz auf die Wirklichkeit überschreitet? Die Antwort besteht darin, dass durch bestimmte Wörter, durch bestimmte Szenen, die nicht direkt aus der Wirklichkeit kommen, sondern erdacht werden oder der Fantasie entspringen, Vorstellungsräume eröffnet werden, die bedeutende Denker des Ästhetischen wie Charles Baudelaire als "das Unendliche" ("L’Infini") bezeichnet haben. Das bedeutet aber nicht, dass ich jede realistische Literatur verurteile, die meist eine mimetische Darstellung der Wirklichkeit vornimmt. Es gibt realistische Schriftsteller, die imaginativ begabt sind; ich meine damit Balzac oder Flaubert, wo die Spannung und die Anziehungskraft dadurch entsteht, dass das reale Geschehen nicht direkt beschrieben wird, sondern zum Anlass genommen wird, uns auf eine Art von Rutschbahn der imaginativen Assoziation zu katapultieren, die der Phantasie freien Lauf lässt.

Als "Stratege im Literaturkampf" sprachen Sie von der Betulichkeitsprosa der deutschen Literatur im 20. Jahrhundert, die sich nicht mit Avantgardisten wie James Joyce oder Ezra Pound vergleichen lasse. Wie kommen Sie zu diesem harschen Verdikt?

Es gibt in Deutschland eine Permanenz der Theodizee, das heißt eine radikale Unfähigkeit, das Böse - nicht im moralischen Sinn - sondern im ästhetischen Sinn überhaupt zum Thema zu machen. Und das hatte zur Folge, dass in der deutschen Literatur Goethes Roman "Wilhelm Meister" leider zu einer Art von einer humanistischen Erziehungsaktion geworden ist, an der sich eine Reihe von Literaten des 19. Jahrhunderts orientiert hat. Da ist nicht einmal ein Ansatz jener psychologisch raffinierten, ambivalenten, skandalösen Auslotung des menschlichen Bewusstseins zu erkennen, die sich in Frankreich oder in England findet. Ich habe es einmal so formuliert, dass das Vorherrschen der Annahme, dass Gott diese Erde als gute Welt erschaffen hat, die von vielen Intellektuellen anderer Provenienz in Frage gestellt wurde, in Deutschland vorherrschend ist. Während Hegel Mephistopheles als ästhetisch unbrauchbare Figur bezeichnet hat, nobilitierte Milton Luzifer, indem er ihn mit literarischem Glanz ausstattete; und das kann auf eine ganze Reihe romantischer Erzählungen in England und in Frankreich übertragen werden, aber nicht auf Deutschland. Da herrschen langweilige Dokumentationsromane vor, die etwa Dresden betreffen. Das ist typisch für die Langeweile und die gutherzige Bemühtheit von Autoren, die vornehmlich in Deutschland anzutreffen sind.



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Dokument erstellt am 2015-12-30 17:56:17
Letzte ─nderung am 2016-01-02 16:21:19



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