Einem Rinnsal, das einst von den Hängen des Gallitzinbergs bis zu einem Donauarm floss, war die Gemeine auf der Spur - in der Hand einen etwa 180 Jahre alten Plan des heutigen Bezirks Wien-Neubau, der in der Dezember-Ausgabe des Geschichtsfeuilletons abgedruckt war. Das Bett des Gewässers war auf dieser Karte schon nicht mehr zu sehen.
Einen Überblick über den Wasserlauf im heutigen Stadtgebiet gibt zunächst Gerhard Toifl, Wien 17 ("in Ottakring, Grätzel Rankgasse, aufgewachsen und jetzt im Grenzgebiet zwischen Ottakring und Hernals" lebend): "Seinen Ursprung hat der Ottakringer Bach, zweitlängster der Wiener Stadtbäche, am Ende des Liebhartstals im Ottakringer Gemeindewald. Bis zu seiner historischen Mündung in einen Nebenarm der Donau, gelegen beim heutigen Concordiaplatz, legte er einst sieben Kilometer zurück. Heute erreicht der Bach die Innere Stadt freilich nicht mehr. Am Beginn der Neustiftgasse zweigt er als Bachkanal nach Südosten ab und ergießt sich nahe der Secession, unter der Kreuzung Getreidemarkt und Friedrichstraße in den linken Sammelkanal des Wienflusses."
Großer Kinoauftritt 1949

Geschichtsfreund Toifl mit Blick auf die Nachkriegsjahre: "Dort wo der Ottakringer Bach einmündet, wurde 1949 Filmgeschichte geschrieben: Im unterirdischen Vereinigungsbauwerk gipfelt "Der Dritte Mann" im berühmten Showdown. Der Penicillinschieber Harry Lime, gespielt von Orson Welles (1915-1985, Anm.), wird hier nach wilder Verfolgungsjagd erschossen."
Ad fontes begibt sich Dr. Manfred Kremser, Wien 18: "Unweit vom "Europahaus des Kindes" (Vogeltenngasse 2, in der Nähe des Schlosses Wilhelminenberg, Anm.) können Tüftler . . . zur Schneeschmelze oder bei heftigen Regengüssen ein kleines Rinnsal, das von Steinmauern eingefasst ist, blubbern hören." Spurensucher Dr. Kremser zeichnet den früheren Weg des Baches durch den jetzigen 16. Bezirk nach: "Ursprünglich floss er den Liebhartstalgraben entlang und weiter Richtung Erdbrustgasse."

Wie Solvejg Puz, Wien 22, einwirft, floss der Bach, der weiterhin etwa der heutigen Ottakringer Straße folgt, "durch die ehemalige Ortschaft", die zeitweise "Ottogrün" hieß.
Geschichtsfreund Dr. Kremser setzt fort: "Die Doppelkurve bei der 10er-Marie (1740 gegründetes Heurigenlokal, Anm.) zeigt noch den ursprünglichen Verlauf."
Die Bachgasse, weiter stadteinwärts, ist nach ihm benannt. Zeitreisender Dr. Kremser weiter: "Bei der heutigen Haberlgasse erreichte der Ottakringer Bach Neulerchenfeld. Eine Brücke, ursprünglich ein einfacher Holzsteg, war 1744 von Maria Theresia errichtet worden. Nicht uneigennützig, denn der Wallfahrtsweg der kaiserlichen Gefolgschaft von Schönbrunn zum Kalvarienberg verlief hier."
Insel der Krustentiere
Herbert Beer, Wolfpassing: "Bei dieser Brücke teilte sich der Bach und umspülte eine Insel, die heute von der Thaliastraße, der Bertoligasse und der Fröbelgasse begrenzt wird. Dieses Eiland hieß einst "Krebsengarten", wohl wegen der vielen Krustentiere dort."
Weiter strömte das Wasser laut Tüftler Beer "mitten durch Gärten zwischen der heutigen Thaliastraße und der Grundsteingasse, die damals Untere Gasse oder Gärtnergasse hieß. Hier lagen die einzigen Parzellen von Neulerchenfeld, wo Obst und Gemüse angebaut werden konnte. Viele Wirtshäuser nutzten die gegenüberliegenden Grünflächen als Schanigärten und pflanzten dort Kastanien und "Akazibam" als Schattenspender."
Doch der offene Bach war keineswegs nur ein Idyll. Die Probleme, die solche Wässerchen bis in die Biedermeierzeit mitbrachten, spricht Neotüftler Ing. Kurt Mertz (willkommen im Kreis der Spurensucher!) an: "Wien verfügte zur Abwasserentsorgung über einige Bäche, doch war deren Gefälle so gering, dass sich bei niedrigem Wasserstand der Unrat an den Ufern sammelte, bei Hochwasser jedoch die Brunnen und Keller der angrenzenden Gebäude überschwemmt und dadurch verseucht wurden. Ottakringerbach, Alserbach, Wienfluss und Donaukanal wurden seit alters her intensiv als Unrat- und Schwemmkanäle benützt, wobei die drei Erstgenannten schon im ausgehenden 18. Jahrhundert stinkende, biologisch tote, offene Kloaken waren."
Prof. Dr. Monika Rath, Wien 7: "Pest- und vor allem Choleraepidemien waren die Folge, . . . bis in die Biedermeierzeit hinein: Die letzte große Choleraepidemie war 1830/31 in Wien!"
Formte den Bezirk
"Trotz der vielen negativen Dinge, die dieser Bach im Laufe der Geschichte mit sich brachte", möchte Zeitreisende Prof. Dr. Rath anmerken, "dass der Ottakringer Bach wichtig für die Bezirksbildung war. Denn, eingebettet zwischen dem Höhenrücken der Mariahilfer Straße und der Senke dieses Baches, lagen einst jene Orte, . . . aus denen der heutige Bezirk Neubau heranwuchs: St. Ulrich, Neubau, Spittelberg, Schottenfeld und Alt-Lerchenfeld."
Einen näheren Blick wirft Dkfm. Herbert Wöber, Wien 14, auf die Gegend um St. Ulrich: "Die Ulrichskirche stand hoch am rechten Bachufer und war nur über Treppen erreichbar. Der Bach bildete in der Gegend dieser Kirche eine Insel. Ursprünglich stand auf diesem bis zur Burggasse durchgehenden Areal (heute etwa zwischen Sankt Ulrichsplatz, Neustiftgasse 11 und Burggasse, Anm.) der Neudegger Hof."
Etikette von Golaszewskis Zündern, ca. 1840. Etikette von Golaszewskis Zündern, ca. 1840. O so viel vieh sophie! Wer bei Ernst Jandl (1925-2000) in...weiter