
Wer bei Strudel an eine Mehlspeise denkt und Beugen mit Nuss- oder Mohnfüllung in Verbindung bringt, ist diesmal eindeutig auf dem Holzweg.
Die erste Frage der Nuss Nro. 310 führte nämlich geradewegs in die "Herberge des Todes" - so nannten Schiffsleute demütig den heikelsten Abschnitt der Donau im Grenzgebiet zwischen Ober- und Niederösterreich, wie Dr. Erich Schlöss, Maria Enzersdorf, erwähnt: "Arg gefürchtet war der Strudengau, jenes 25km lange "Waldtal" der Donau zwischen Dornach und Ybbs."
Erwin Kladiva, Wien 14, erklärt, dass "gefährliche Felsenriffe im Strom Strudeln erzeugten, die ein von heftigem Tosen und Brausen begleitetes Naturereignis bildeten."
Die in Oberösterreich entlang des nördlichen Ufers gelegenen Orte nennt Maria Thiel, Breitenfurt: "Saxen, Bad Kreuzen, Grein, St. Nikola an der Donau, Waldhausen im Strudengau". Zu Niederösterreich gehören "Hofamt Priel, Persenbeug, Ardagger, Neustadtl an der Donau, St. Martin-Karlsbach".
Zahlreiche Sagen ranken sich um die wilde Landschaft - aus "Der schwarze Mönch auf Werfenstein" erzählt Ing. Mag. Hermann Schuster, Baden: "Früher gab es mitten in der Donau die Raubritterburg Werfenstein. Die Herren von Werfenstein hatten ehedem eine lange Kette quer über die Donau gespannt, um den Schiffern die Talfahrt zu verwehren . . ."
Ein dramatisches Bild zeichnet Joseph von Eichendorff (1788-1857) im Roman "Ahnung und Gegenwart" - Dr. Karl Beck, Purkersdorf, zitiert: "Kein Mensch ist hier zu sehen, kein Vogel singt, nur der Wald von den Bergen und der furchtbare Kreis, der alles Leben in seinen unergründlichen Schlund hinabzieht, rauschen hier seit Jahrhunderten gleichförmig fort. Der Mund des Wirbels öffnet sich von Zeit zu Zeit dunkelblickend, wie das Auge des Todes."

Stifters Manuskripte
Auch Adalbert Stifter (1805-1868) schilderte eine Fahrt durch den Strudengau. Brigitte Schlesinger, Wien 12, fand die Stelle im Roman "Witiko", der im 12. Jh. spielt: "Die Männer, denen die Leitung des Schiffes anvertraut worden war, späheten sorgsam, arbeiteten emsig, und lenkten das Schif in ein schnelles tiefes Wasser zwischen dem Inselthurme und der weißen Fläche, welche schäumendes tosendes Wasser über Geklippe war. Das Schif ging geschwinde in dem tiefen Wasser hinunter . . ."
Stifter machte mit dem Greiner Strudel übrigens auch persönliche Bekanntschaft. Karl Meywald, Wien 20: Der Pädagoge wollte 1849 nach Wien reisen, wohin er als Schulrat und Inspektor der Gymnasien versetzt werden sollte. Doch der Dampfer "Huniad" havarierte. Stifter soll dabei angeblich "einen Koffer mit wertvollen Manuskripten" verloren haben.
Wolfgang Österreicher, Wien 14, erwähnt, dass "der Strudengau . . . schon früh, zum Beispiel in der "Vita Sancti Severini" (5./6. Jahrhundert, Anm.) beschrieben wird."
HR Dr. Walther Schubert, Wien 13, zu einer weiteren schriftlichen Nennung: "926 ertrank der Freisinger Bischof Dracolfus in den . . . Fluten".
Herbert Beer, Wolfpassing, berichtet außerdem: "Auf dieser Strecke musste sich Bischof Wolfgang auf einer seiner Visitationsreisen (ab 976) nach Zwisila (Wieselburg) kundigen Lotsen anvertrauen."
In den "Annales ducum Boiariae" des bayerischen Geschichtsschreibers Aventin (1477-1534) wird laut Dr. Alfred Komaz, Wien 19, "über eine Schiffsreise . . . Heinrichs III. (deutscher König ab 1028, bereits ab 1027 bayerischer Herzog, Anm.) über diese gefährliche Strecke im Jahre 1045 berichtet, wo bereits von der österreichischen Stadt Grein ("oppidum Austriae, Greinon vocant") und den Stromschnellen ("Strudelon") die Rede ist. Trotz dieser Gefahren . . . bildete die Donau angesichts der tristen Straßenverhältnisse im Mittelalter und in der frühen Neuzeit einen Hauptverkehrsweg, den unter anderem schon die Kreuzfahrer . . . benutzten."

Wolfskugel & Rosskopf
Einen Blick in die wirbelnden Fluten riskiert Prof. Helmut Bouzek, Wien 13: "Die im Strudel bei Niedrigwasser . . . herausragenden Felsriffe bzw. die sogenannten Steinkugeln hatten geheimnisvolle Namen. Die Maschkugel diente als Maßanzeiger . . . Wenn der Tiefgang . . . zu groß war, . . . musste "geschiftet" werden; darunter verstand man das Entladen eines Schiffes bis zu einem verträglichen Maß." Auch die Namen Wolfskugel, Rosskopffelsen, Dreispitz und Bumaghachlet lassen nichts Gutes ahnen. Letzterer Begriff sei "lautmalerisch zu deuten, weil es "bum" machte, wenn ein Schiff darauf fuhr."
Übrigens: Wie Dieter Brittrich, Wien 2, herausfand, ist der Brauch überliefert, "über Bord Gegangene nicht zu retten, sondern als Opfer zu betrachten."
Die Fahrt flussabwärts war gefährlich, ging aber relativ rasch. Weit zäher war die Reise in die Gegenrichtung. Klaus-Peter Josef, Tulln: "Pferdegespanne zogen die "Schiffe" - damals mit geringem Tiefgang, wie Plätten, "Trauner" oder "Ulmer Schachteln" - stromaufwärts auf dem sogenannten Treppelweg . . . Mit zunehmenden Lasten und Mengen wurden die Schifferl größer" - das Bedürfnis nach ruhigeren, tieferen Gewässern wuchs.


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