Graue Vorzeit bleibt den meisten Zeitgenossen die Ära der Babenberger, aus der lediglich sagenhafte Einzelheiten herausleuchten, etwa der weiße Schleier der Markgräfin Agnes oder der blutrote Waffenrock des Kreuzfahrers Leopold V.
Ihren Höhepunkt erreichte die nachträgliche Verklärung der mittelalterlichen Herrscher-Dynastie im 19. Jahrhundert. Mit kritischem Blick näherten sich daher einige begeisterte Spurensucher den jüngsten Beiträgen in unserer Rubrik WEITERGELESEN auf Seite II bzw. III der Zeitreisen, wo derzeit Fortsetzungsgeschichte(n) über den Babenberger Heinrich Jasomirgott zu finden sind.
Der Text aus der Feder eines anonymen Biedermeier-Autors setzt beim Tod Leopolds IV., des Freigebigen, ein. Wer war dieser Herrscher, den der heute weitaus bekanntere Heinrich II. Jasomirgott 1141 ablöste? Ein Sonderrätsel regte zu differenzierender Lektüre an . . .
Erfolgreiche Kinder
Eigentlich muss man, wie MedR DDr. Othmar Hartl, Linz, bei Leopold III. (auch "der Heilige" genannt) beginnen. Aus dessen Ehe mit Agnes (die beiden sind die Akteure der berühmten Schleierlegende um die Gründung des Stifts Klosterneuburg) gingen einige bedeutende Sprösslinge hervor: "Markgraf Leopold IV. (1136-1141 in dieser Funktion, seit 1139 auch Herzog von Bayern), Heinrich II. (späterer Beiname Jasomirgott), Bischof Otto von Freising (bedeutendster Geschichtsschreiber des deutschen Mittelalters) sowie Konrad, Bischof von Passau und Erzbischof von Salzburg."
Streit um Nachfolge
Zu Leopold, dem drittältesten Sohn des Paares, erklärt Gerhard Toifl, Wien 17: Er löste "den Streit nach dem Tod seines Vaters 1136" aus. Denn "seine Eltern hatten nicht den ältesten Sohn Leopolds III. aus erster Ehe, Adalbert, als Nachfolger vorgesehen, obwohl dieser sich bereits bei vielen Zeitgenossen beliebt gemacht hatte, die nun für ihn eintraten." Auch "der nächstältere Bruder, Heinrich" kam nicht zum Zug, vielleicht weil er zum "Pfalzgrafen am Rhein" auserkoren war. "Man kann nur annehmen, dass Leopold IV. Talent zu seinem Beruf hatte, wenn man seinetwegen von der Regel der Ältestennachfolge abwich."
Tüftler Toifl schildert weiters, wie Leopold mithilfe seiner Familie zum Herzog von Bayern wurde: "Glück schien er auch zu haben, denn 1138 wurde sein Halbbruder Konrad III. . . . (römisch-deutscher, Anm.) König. Nach längeren Auseinandersetzungen Konrads mit den Welfen wurde 1138 dem Welfen Heinrich dem Stolzen das Herzogtum Bayern abgenommen und dem Babenberger Leopold verliehen . . . Nun waren die Babenberger zwar Herzöge geworden, allerdings zunächst noch Herzöge von Bayern", nicht von Österreich.
Probleme in Bayern
Leopolds IV. Bruder Otto von Freising sollte in diesem Zusammenhang später vom "Ungemach für das ganze Reich und vor allem für das arme Bayern" schreiben.
Herbert Beer, Wolfpassing, dazu: "Die bayerische Herrschaft . . . Leopolds stand unter keinem guten Stern. Bei der Belagerung einer gegnerischen Adelsfeste wurde er überraschend von Welf VI., dem Bruder Heinrichs des Stolzen (der mittlerweile verstorben war, Anm.) . . . geschlagen. Dann brach in Regensburg . . . ein Aufstand los." Zeitreisender Beer zitiert in diesem Zusammenhang den Bischof von Freising: "Von allen Seiten rottete sich das Volk zusammen, der Herzog griff mit seinen Leuten zu den Waffen und steckte einige Stadtviertel in Brand".
Dr. Alfred Komaz, Wien 19: "Die reiche Stadt unterwarf sich und zahlte dem Herzog eine hohe Kontribution (sodass er leicht "freigebig" sein konnte)." Er verwüstete das Land, auch dann noch, "als er in Richtung Wien zurückkehrte, ohne Rücksicht darauf, dass dies ja eigentlich sein eigenes Land war bzw. zur Diözese seines Bruders Otto von Freising gehörte." Dieser berichtete nüchtern über Leopolds weiteres Schicksal: "Bald darauf erkrankte er in Regensburg und starb im Gebiet von Passau" 1141.
Klaus-Peter Josef, Tulln: "Sein um ein Jahr älterer Bruder Heinrich II. Jasomirgott (gest. 1177, Anm.) war sein Nachfolger als Markgraf von Österreich 1141-56, Herzog von Bayern 1143-56". Durch das "Privilegium minus" verlor er zwar die Herzogwürde in Bayern, erlangte aber auch einen wichtigen neuen Titel, den Leopold "eben noch nicht hatte": Herzog von Österreich, das nunmehr von Bayern getrennt war. Als Tullner fügt Tüftler Josef ein Zitat aus einem Werk über die Geschichte dieser Stadt hinzu: "Als Heinrich Jasomirgott seine Residenz nach Wien verlegte, war das für Tulln (das längere Zeit eine Art Hauptstadt gewesen war, Anm.) der Beginn eines langsamen Niederganges."
Historiograph Otto
Dem bereits mehrmals zitierten jüngeren Bruder Leopolds, Otto, wendet sich Dr. Manfred Kremser, Wien 18, zu. Von Anfang an war der Ordensmann für eine geistliche Laufbahn vorgesehen: "Im Chorherrenstift von Klosterneuburg, das sein Vater 1114 gegründet hatte, erhielt er seine erste Ausbildung und wurde hier 1126 zum Propst ernannt." Er ging um 1130 zum Studium nach Paris, ins "geistige Zentrum des Abendlandes. Otto konnte sich hier . . . bis 1132 . . . mit den modernsten Aspekten der Philosophie und Theologie vertraut machen: Hier dominierte . . . die Lehre der Scholastik. Peter Abaelard (ein berühmter Häretiker . . ., der auch durch seine Affäre mit Heloise aufhorchen ließ) und seine Schüler wie Petrus Lombardus oder Arnold von Brescia . . . hatten Einfluss auf den jungen Studenten".

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