• vom 03.01.2013, 17:00 Uhr

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Zeitreisen

Der Wiener Barometermacher




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Von Anton Tantner

  • Fährten gelesen Aus der Kaiserstadt des 18. Jahrhunderts Nachforschungen
  • Jakob F. Bianchi gründete 1770 sein "Comptoir". Dort bot er auch Skurriles zum Verkauf an.

Am Kohlmarkt (hier 1786) hatte Bianchi in den 1770ern u. a. sein Comptoir; l.: "Perspektivhändler", der auch Barometer und Thermometer feilbot. - © Bild: Archiv/Wr. Kaufruf/Stich C. Schütz. Repro: T. Sternisa

Am Kohlmarkt (hier 1786) hatte Bianchi in den 1770ern u. a. sein Comptoir; l.: "Perspektivhändler", der auch Barometer und Thermometer feilbot. © Bild: Archiv/Wr. Kaufruf/Stich C. Schütz. Repro: T. Sternisa

Am 27. Februar 1771 veröffentlichte das "Wienerische Diarium" eine einseitig bedruckte Annonce eines "Kunst- und Realzeitungs-Comtoir" (sic!), das sich Am Hof, neben der von Josef Lorenz Edlem von Kurzböck eingerichteten Druckerei befand.

Die Einrichtung - sie wurde auch als "Comptoir der Künste, Wissenschaften und Commerzien" bezeichnet - hatte allerlei anzubieten: Modelle von Bergwerksmaschinen, geometrische Instrumente, Waagen, Luftpumpen, Uhren, Barometer konnten dort erstanden werden, genauso wie Magnete, Lampen, Ventilatoren, Kupferstiche und Druckwerke musikalischen und landwirtschaftlichen Inhalts, darunter eine "Lebensordnung für das Rindvieh".

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Ein Mathematicus
Gegründet worden war dieses merkwürdige Comptoir erst wenige Monate zuvor, im Herbst 1770, und zwar von einem Mann, dessen Lebensweg Ferdinand Raimund nicht besser erfinden hätte können: Es handelt sich um Jakob Franz Bianchi, 1732 am Comosee geboren, seines Zeichens Barometermacher, herumvagierender Elektrizitätsdarsteller und klassischer Projektant; er hielt sich seit Anfang der 1760er Jahre in Wien auf und gab Kurse in Experimentalphysik, die unter anderem von Karl Graf von Zinzendorf besucht wurden.

Schnell erwarb sich Bianchi die Gunst des Fürsten Josef Wenzel Liechtenstein, erhielt aus der Privatschatulle des letzteren regelmäßige finanzielle Zuwendungen, residierte mitsamt Frau und Kindern in dessen Stadtpalais und firmierte fortan als "liechtensteinischer Mathematicus".

Mag sein, dass die liechtensteinische Apanage in der Höhe von jährlich 1000 Gulden nicht ausreichte (sie versiegte ohnehin nach dem Tod des Fürsten im Februar 1772), denn in den Jahren um 1770 deckte Bianchi, der sich selbst adelte und zumeist de Bianchi nennen sollte, die habsburgischen Behörden mit einem wahren Feuerwerk an Vorschlägen und Privilegsansuchen ein: Ganz gleich ob es sich um eine Feuerspritze, ein Geographisches Handbuch, das Graben nach Salpeter, ein allgemeines Zeitungscomptoir (das als Alternative zur Post Zeitungen vertreiben sollte) oder eine Stadtpost handelte, Bianchi war dabei, hatte jedoch kaum finanziellen Erfolg.

Er stellte auch Barometer und Thermometer her (eines davon hat sich in den Beständen des Deutschen Museums in München erhalten), beteiligte sich an der landwirtschaftlichen Wochenschrift "Bienenstock" und wurde zum Mitglied der steirischen Ackerbaugesellschaft ernannt.

Längerfristige Wirkung sollte Bianchi mit der "Realzeitung" haben, für die er 1770 ein Privileg erhielt und die zunächst vorwiegend Nachrichten aus dem Bereich der Landwirtschaft, Naturwissenschaften, aber auch aus dem Theater brachte, bevor sie - nach Bianchis Weggang - zu einem der wichtigsten Journale der österreichischen Aufklärung wurde.

Das eingangs erwähnte Comptoir stand in Zusammenhang mit der "Realzeitung", die dort ausgestellten physikalischen und landwirtschaftlichen Modelle wurden in ihr detailliert beschrieben, so zum Beispiel eine Maschine, um Baumstämme mitsamt den Wurzeln aus dem Boden zu reißen, ein Gerät zum Stopfen von Hühnern oder eine "Gehäckmühle" zum Schneiden von Stroh für das Vieh.

Wider die Maulwürfe
Zu haben war auch eine sündteure - 30 Gulden! - Maschine zum Vertreiben der "Ratzen, Maulwürfe, Feldmäuse . . . und Wiesel": Es handelte sich dabei um einen Blasebalg, der eine gleichmäßige Menge von Rauch durch die unterirdischen Höhlen des ungeliebten Getiers verteilen sollte; flugs erkundigte sich die steirische Ackerbaugesellschaft bei ihrem niederösterreichischen Pendant, ob dieses Gerät seinen Zweck erfülle, und bekam eine abschlägige Antwort: Die Schädlinge würden dadurch nur vertrieben, nicht aber vertilgt und der davon ausgehende Schwefeldampf wäre der Saat auf den Feldern abträglich.

Das Comptoir diente weiters als Gratisausgabestelle für eigens aus Leipzig angeschafften Kleesamen, darunter "Turnips oder Dickwurzeln", ein Viehfutter für Melkvieh, dessen Blätter dem Mangold ähnlich seien und das die Milch ungemein vermehren würde. Es war also auch eine wohltätige Einrichtung, die Bianchi geschaffen hatte, und ihr Geschäftsbereich beschränkte sich keineswegs nur auf die Landwirtschaft. So konnten Maler darin ihre Werke ausstellen, es wurden Medaillen angeboten und Setzkästen für Kinder.

Reisenden, die Nachricht über den Aufenthaltsort in Wien ansässiger Gelehrter, die Adressen von Bibliotheken und wissenschaftlichen Sammlungen bekommen wollten, wurde Auskunft versprochen; Studenten, die zur Finanzierung ihrer Studien eine Anstellung als Hauslehrer suchten, konnten ihr Anliegen in der "Realzeitung" veröffentlichen. In ihren Anfängen richtete diese auch eine regelrechte Frageaktion an die Gelehrten in den österreichischen Provinzen und forderte sie auf, Informationen über historische Manuskripte, den Ursprung der freien königlichen Städte in Ungarn sowie über Aufstieg und Fall der Silberbergwerke im böhmischen Joachimsthal (Jáchymov) einzusenden. Pech, dass dieser Aufruf nur auf wenig Resonanz stoßen sollte.

Am 27. Feb. 1771 in unserem Blatt: Bianchis Verzeichniß (Ausschnitt).

Am 27. Feb. 1771 in unserem Blatt: Bianchis Verzeichniß (Ausschnitt).© Bild: Archiv Faksimile: St. Koch Am 27. Feb. 1771 in unserem Blatt: Bianchis Verzeichniß (Ausschnitt).© Bild: Archiv Faksimile: St. Koch

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Dokument erstellt am 2013-01-03 11:53:08
Letzte Änderung am 2013-01-03 15:22:25



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