• vom 04.04.2013, 15:15 Uhr

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Update: 04.04.2013, 15:41 Uhr

Suchmaschinen

Strenges Auge, helfende Hand




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Von Anton Tantner

  • Fährten gelesen - Informationsbeschaffung & Datenschutz in Alt-Wien - Nachforschungen
  • Einst boten Lohnlakaien & Co. ihre Dienste an.
  • 1819 eröffnete ein "Anfrage- und Auskunftscomptoir".

Am 1. Juli 1819 kündigte das Intelligenzblatt, eine Beilage der "Wiener Zeitung", die Eröffnung einer besonderen Einrichtung an: Ein allgemeines Anfrage- und Auskunftscomptoir war es, das die Herren Baron Karl von Steinau und Josef Jüttner gegründet hatten und das nun seine Dienste der Wiener Öffentlichkeit anpries. Es wollte Informationen über Behörden und Sehenswürdigkeiten für In- und Ausländer geben sowie Wohnungen, Arbeit und Warenverkäufe vermitteln und übernahm damit Aufgaben, die das zehn Jahre zuvor verschwundene Fragamt (siehe Zeitreisen Nro. 307) angeboten hatte.

Wenig schmeichelhaftes Bild eines Wiener Hausmeister-Paares in seinem Wirkungsbereich. Unentbehrlich: Schlüssel und Glocke.

Wenig schmeichelhaftes Bild eines Wiener Hausmeister-Paares in seinem Wirkungsbereich. Unentbehrlich: Schlüssel und Glocke.© Bild: Archiv/Stich v. W. Böhm (aus: Wien u. die Wiener, 1844). Repro: Moritz Ziegler Wenig schmeichelhaftes Bild eines Wiener Hausmeister-Paares in seinem Wirkungsbereich. Unentbehrlich: Schlüssel und Glocke.© Bild: Archiv/Stich v. W. Böhm (aus: Wien u. die Wiener, 1844). Repro: Moritz Ziegler

Immer wieder erschienen in den folgenden Jahren in der "Wiener Zeitung" Inserate dieses Auskunftscomptoirs, in denen freie Stellen, Mitreisegelegenheiten oder zu vermietende Wohnungen offeriert wurden.

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Die Einrichtung wechselte wiederholt ihre Adresse, war zuerst Am Hof untergebracht, dann am Michaelerplatz, später am Kohlmarkt und schließlich auf der Freyung. Einheimische wie Reisende erhielten hier Antworten auf vielfältige Fragen - insofern kann diese Stelle mit den heutigen Internet-Suchmaschinen verglichen werden.

Als Spitzel verdächtigt
Doch schon im Jahrhundert zuvor gab es - neben dem zumeist im Dornröschenschlaf dahindämmernden Fragamt - Einrichtungen und Personen, die u. a. die Funktionen von Suchmaschinen erfüllten. So konnten Wien-Reisende die Dienste von Lohn- bzw. Lehnlakaien in Anspruch nehmen, die sich in den Gasthäusern aufhielten, dort auf Auftraggeber warteten und zu mieten waren. Ein Reiseführer für Wien aus 1792 gibt an, dass sie pro Tag zwischen 34 und 45 Kreuzer verlangten.

Aufgabe dieser menschlichen Suchmaschinen war es, ihre temporären Dienstherren zu freien Unterkünften, gelehrten Einrichtungen und sonstigen Sehenswürdigkeiten zu leiten. Die Reiseschriftsteller, die um 1800 Wien besuchten, waren unterschiedlich zufrieden mit diesen Fremdenführern, manche bezeichneten sie als grob und gewinnsüchtig, verdächtigten sie, als Spione und Spitzel der Geheimpolizei zuzuarbeiten; andere wiederum betonten, dass die Wiener Lohnlakaien im Gegensatz zu ihren Berliner Pendants höflich und ehrlich seien.

"Hallo Dienstmann!"

Gehörten einst zum Straßenbild: Dienstmänner.

Gehörten einst zum Straßenbild: Dienstmänner.© Bild: Archiv Repro: Moritz Ziegler Gehörten einst zum Straßenbild: Dienstmänner.© Bild: Archiv Repro: Moritz Ziegler

In der zweiten Hälfte des 19. Jh.s machte dann die Gewerbeordnung die Tätigkeit der Lohnlakaien zu einem konzessionierten "Platzgewerbe". Von diesem Zeitpunkt an gab es die so genannten Dienstmänner-Institute und mit ihnen die Figur des Dienstmannes, die vor allem aus dem Film "Hallo Dienstmann!" (1952) mit Paul Hörbiger und Hans Moser bekannt ist. Die Dienstmänner trugen als eine Art Uniform graue Hosen und blaue Blusen, auf ihrer Kappe befand sich ein Metallschild mit der Aufschrift "Commissionär"; weiters bekamen sie eine Nummer, die in ein großes Blechschild eingestanzt war und an der Brust getragen werden musste.

Zu ihren Aufgaben zählte nicht nur Koffertragen: Jeder sollte ein Häuserschema von Wien mit sich führen, sie erklärten den Reisenden die Stadt und tranken manch ein Viertel Wein mit ihnen. Auch dienten sie als obrigkeitliche Kontrollorgane, wie unter anderem Mark Twain (1835-1910) feststellen musste, der bei seinem Wien-Aufenthalt Ende der 1890er-Jahre wegen simplen Herumstehens in der Gegend einem Dienstmann verdächtig erschien und sich in der Folge gegenüber einem Wachmann auszuweisen hatte.

1872 gab es in Wien, wie Fritz Keller, Historiker und Chronist dieses Gewerbes, berichtet (u. a. in den Wiener Geschichtsblättern, Heft 4/2007), 2300 solcher konzessionierten Dienstmänner, 1934 noch 180, nach dem Zweiten Weltkrieg nur mehr 17, in den Jahren darauf ging die Tradition zu Ende.

Kontrollorgan im Haus
Ebenfalls als Suchmaschinen können in Wien - aber nicht nur dort, man denke an den Pariser "Concierge" oder den nationalsozialistischen "Blockwart" - die Hausmeister betrachtet werden; in dem berühmten Reisebericht Friedrich Nicolais (1733-1811) über die Donaumetropole der 1780er-Jahre heißt es: "Wer also in einem grossen Haus jemand zu suchen hat, muß nur nach dem Hausmeister fragen, welcher alle Miethsleute kennet, die sich oft untereinander nicht kennen." - In Zeiten, in denen es noch keine Klingelbretter bei den Hauseingängen gab, waren es also die Hausmeister, die über die Mieter und Mieterinnen Bescheid wussten, und zwar manchmal mehr, als den Bewohnern lieb war.

Die Hausmeister konnten auch bei der Immobilienvermittlung wichtig sein, da sie untereinander in Kontakt standen und über leerstehende Wohnungen Bescheid wussten, wodurch sie zu bevorzugten Ansprechpersonen für Wohnungssuchende wurden.

Der Beruf des Hausmeisters, den unter anderem der Historiker Peter Payer beschrieben hat (ein Beitrag erschien in den Wiener Geschichtsblättern, Beiheft 4/ 1996), entstand in einer Zeit, in der der Hausherr durch den Bau der Zinskasernen oft nicht mehr im eigenen Haus wohnte und somit ein Bindeglied zwischen diesem und den Mietern benötigt wurde. Der neu installierte Hausmeister sammelte die Miete ein, kannte die Einwohner persönlich, erstattete zuweilen dem Hausherren über sie Bericht und kannte, oft schon bevor eine Familie neu einzog, deren Vermögens- und sonstige Verhältnisse.

Finsterer Türhüter an vornehmer Adresse.

Finsterer Türhüter an vornehmer Adresse.© Bild: Archiv Repro: Moritz Ziegler Finsterer Türhüter an vornehmer Adresse.© Bild: Archiv Repro: Moritz Ziegler

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Dokument erstellt am 2013-04-04 12:02:13
Letzte Änderung am 2013-04-04 15:41:33



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