• vom 06.11.2014, 15:00 Uhr

Gemeine


Zeitungshistorie

Rabenschwarze Mordgeschichten




  • Artikel
  • Lesenswert (3)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Anton Tantner

  • Entdeckungen zu einer Wiener Krawallzeitung aus der Ära Josephs II.

Gevatter Tod (ganz rechts) lieferte der "Schwarzen Zeitung" reichlich blutrünstigen Stoff.

Gevatter Tod (ganz rechts) lieferte der "Schwarzen Zeitung" reichlich blutrünstigen Stoff.© Bild aus: Emblems of Mortality, London 1789. Repro: Ph. Aufner Gevatter Tod (ganz rechts) lieferte der "Schwarzen Zeitung" reichlich blutrünstigen Stoff.© Bild aus: Emblems of Mortality, London 1789. Repro: Ph. Aufner

Gar grässlich und abstoßend soll sie gewesen sein, ihr Inhalt voller "Unglüksfälle, und Biographien von lauter Selbstmördern", verfasst durch "einige zweideutige Köpfe": So charakterisiert der Schriftsteller Johann Pezzl im vierten Heft seiner berühmten Skizze von Wien aus dem Jahr 1787 die berüchtigte "Schwarze Zeitung". Seit "einigen Monaten" suchte letztere zweimal in der Woche die Wiener Bevölkerung heim, war in einer volkstümlichen Sprache geschrieben und so gedruckt, dass die Blätter zu einem "Hauslesebuch" zusammengebunden werden konnten. Das Verdikt Pezzls ist eindeutig: "Und diese nichtswürdige Zeitung wird vom gemeinen Volk stark gelesen. - Wäre ihre Schuld auch nur diese, daß sie das geringe Publikum wieder an den abscheulichen Geschmak für Mordgeschichten gewöhnt, so verdiente sie schon verdammt zu werden."

Not aus aller Welt
Die "Schwarze Zeitung" mag von den publizistischen Hervorbringungen der "erweiterten Preßfreiheit" (so nannte man die gelockerte Zensur unter Joseph II., Anm.) der spektakulärsten, grausamsten eine gewesen sein, reich an blutigen Splatterstories und gruseligen Schauer bei ihren Leserinnen und Lesern provozierend; die sonst so rationale und vom Licht der Aufklärung durchflutete "erste Wiener Moderne" (Historiker Christian Ehalt) zeigte damit auch ihre abgründige, dunkle Seite. Und doch, trotz des Aufsehens, das sie erregte, und trotz des literarischen Denkmals, das Hugo von Hofmannsthal ihr in seinem Libretto zum Rosenkavalier setzte: Bislang ist kein erhaltenes Exemplar der "Schwarzen Zeitung" bekannt und detailliertere Informationen über sie fließen nur spärlich. Um drei Kreuzer war sie zu haben, Reiseberichte machten gelegentlich von ihr Erwähnung, und 1845 behauptete Franz Gräffer in seinen Wiener Memoiren, dass ein gewisser Johann Anton Liebenstein Mitarbeiter des anrüchigen Blatts gewesen sein soll. Besagter Liebenstein war ein ehemaliger Kartäuser, 1752 in Graz geboren und am 16. Juli 1833 in Wien, Landskrongasse 552, an Altersschwäche verstorben, wie es die "Wiener Zeitung" drei Tage nach seinem Tod vermeldete.

Werbung

Während diese Eckdaten weitgehend bekannt sind, sind viele weitere Fragen zur "Schwarzen Zeitung" bislang unbeantwortet. Aufgrund von einem kleinen Zufallsfund im Niederösterreichischen Landesarchiv und einem dank Google Book Search erzielten Treffer in der "Oberdeutschen Staatszeitung" können jetzt einige wenige Mosaiksteinchen zur Geschichte dieses frühen Krawallblatts hinzugefügt werden:


© Bild: A. a Sancta Clara, Todten-Capelle, Nürnberg 1710. Repro: Ph. Aufner © Bild: A. a Sancta Clara, Todten-Capelle, Nürnberg 1710. Repro: Ph. Aufner

So ist nun gesichert, dass ein Gesuch um "die Erlaubnis ein Zeitungsblatt unter dem Titul die Schwarze Zeitung für Menschenfreunde, und Menschenhasser herauszugeben" von einem gewissen Robert Klinger im Oktober 1786 der Niederösterreichischen Regierung vorgelegt wurde. Letztere verlangte von diesem noch Erläuterungen, "was er in seiner herauszugebenden Zeitung unter den Geschichten des menschlichen Elendes für den Tag und den Urkunden höherer Art verstehe" und erledigte - nach der Lieferung des gewünschten "Probauszug" durch Klinger - das Ansuchen per 21. November 1786 mit positivem Entscheid; am 4. Dezember desselben Jahres wurde diese Bewilligung expediert. Zwei Monate später, am 8. Februar 1787, konnte die von Lorenz Hübner in Salzburg herausgegebene "Oberdeutsche Staatszeitung" vom Resultat aus Wien berichten: "Seit einigen Tagen kam hier eine sogenannte schwarze Zeitung für Menschenfreunde und Menschenhasser unter der Aufschrift: "Allgemeine Geschichte des menschlichen Elends in allen Welttheilen" zum Vorschein, die eben so schauerlich aussah, als das Titelblatt des bekannten Nürnbergischen "Kriegs-Mord und Tod- auch Jammer- und Noth-Kalender"". Die "Schwarze Zeitung" hatte nämlich, "welches bey Zeitungen doch etwas seltenes ist, ein Todtengerippe, an einer schwarzen Tafel angelehnt, mit den übrigen Todesgeschmeiden stattlich ausgerüstet, statt einer Vignette".

40.000 Verbrecher
Letztere Angabe über das Titelblatt deckt sich mit Pezzls Bemerkung, dass an "der Fronte der Tod" stehe, und es ist nur zu wahrscheinlich anzunehmen, dass die erste Ausgabe der "Schwarzen Zeitung" somit im Jänner 1787 herauskam. Die "Oberdeutsche Staatszeitung" vermerkte weiters, dass das neue Blatt "ein Auszug aller europäischen Zeitungen seyn sollte" und darin "die Zahl aller in den Oesterreichischen Staaten dermal vorhandenen Verbrecher angezeigt war, welche sich auf mehr nicht, als - vierzigtausend Köpfe belaufen soll". Und schließlich vermeldete das Salzburger Blatt im selben Beitrag auch die frühe Einstellung der anrüchigen Publikation:

"Allein diese schwarze Zeitung erreichte bald nach ihrem Erscheinen ein seliges Ende; denn kaum waren ein Paar Blätter heraus, als ein Zensurverbot darüber auskam."

weiterlesen auf Seite 2 von 2




Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)


Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2014-11-06 10:56:05
Letzte Änderung am 2014-11-06 14:33:48



Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. Die Kinderwelt von Cisleithanien
  2. Zäh wie k.k. Kaugummi
  3. Blutiges Drama im Schneegestöber
  4. Zeitreisen-Nuss Numero 372
  5. Großer Hunger auf "Bramburi"
Meistkommentiert
  1. Wo Karl VI. zu Mittag aß
  2. Glaube, Strafe, Hoffnungslosigkeit
  3. Gute Zeiten, schlechte Zeiten . . .
  4. Wie Hernals einst leibte und lebte
  5. 48.000 Nadeln pro Tag gefertigt

Werbung





Werbung