• vom 02.04.2015, 16:00 Uhr

Gemeine


Familienforschung

Was uns Tote erzählen können




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Von Andrea Reisner

  • Das "Diarium" listete 1703ff Wiens Verstorbene auf.
  • Genealogen erfassten über Jahre hunderttausende Namen und Daten.

Der Allererste auf der "Diarium"-Totenliste war Matthias Placht; er starb am "ersten Augusti" 1703 im Alter von 40 Jahren "am hitzigen Fieber". - © Faksimile: Iris Friedenberger

Der Allererste auf der "Diarium"-Totenliste war Matthias Placht; er starb am "ersten Augusti" 1703 im Alter von 40 Jahren "am hitzigen Fieber". © Faksimile: Iris Friedenberger

Auf diese Ehre hätte Matthias Placht wohl gerne verzichtet: Der Angehörige der Wiener Stadtguardia, der im Hochsommer 1703 in einem kleinen Häuschen am Salzgries mit nur 40 Jahren sein Leben aushauchte, ist der Allererste, dessen Name in Numero 1 unseres Blattes vom 8. August 1703 in der Totenliste abgedruckt wurde. Damit steht er am Beginn einer langen Tradition.

Von Verstorbenen bleiben Jahrhunderte später oft nur karge Aufzeichnungen wie etwa Einträge in Totenlisten.

Von Verstorbenen bleiben Jahrhunderte später oft nur karge Aufzeichnungen wie etwa Einträge in Totenlisten.© Gemälde (Ausschnitt, farblich bearbeitet) von A. Tidemand (Mitte 19. Jh.). Repro: Philipp Aufner Von Verstorbenen bleiben Jahrhunderte später oft nur karge Aufzeichnungen wie etwa Einträge in Totenlisten.© Gemälde (Ausschnitt, farblich bearbeitet) von A. Tidemand (Mitte 19. Jh.). Repro: Philipp Aufner

Denn in unserer Zeitung wurden ab Gründung 1703 regelmäßig die in der Stadt (nun 1. Bezirk) und ab 1705 auch innerhalb des Linienwalls (heutiger Gürtel) Verstorbenen bekanntgegeben. Ausgenommen waren davon nur kleinere Bevölkerungsgruppen wie z.B. Hingerichtete und ausländische Botschafter. Auch den Tod von Säuglingen verzeichnete man meist nicht eigens. Starb ein Mitglied des Herrscherhauses, wurde dies an anderer Stelle im Blatt gewürdigt.

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Wie kamen die Informationen über die Toten ins "Wien(n)erische Diarium" bzw. nach der Umbenennung 1780 in die "Wiener Zeitung"? Die Listen der Verstorbenen wurden vom Wiener Magistrat erstellt, der auch für die Totenbeschau zuständig war. Wenn jemand gestorben war, inspizierte ein Beschauer den Leichnam und stellte einen Totenschein aus. Dieser wurde ins Totenbeschreibamt gebracht und dort ins Totenprotokoll eingetragen. Darauf basierte die Liste im "Diarium".

Systematisch erfasst
Da die riesige Menge an Namen, die auf diese Art veröffentlicht wurde, besonders für Familienforscher interessant ist, kam eine Gruppe engagierter Genealogen 2007 auf die Idee, die Totenlisten systematisch zu erfassen. Ehrenamtliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus aller Welt - mit der Zeit stieg ihre Zahl auf etwa hundert - halfen fleißig beim Transkribieren. Möglich war dies erst, weil ein großer Teil der historischen Ausgaben unserer Zeitung von der Österreichischen Nationalbibliothek durch das Projekt ANNO online zugänglich gemacht wurde.

Aus dem Totenlisten-Projekt entstand schließlich der Verein "FAMILIA AUSTRIA Österreichische Gesellschaft für Genealogie und Geschichte", der inzwischen auch etliche andere interessante Projekte betreibt.

Als Vereinspräsident Günter Ofner 2010 in den Zeitreisen von dem Vorhaben berichtete (vgl. Nro. 290 B), waren bereits 550.000 Datensätze (also Verstorbene) bearbeitet. Mittlerweile stehen die "Diarium"-Forscher kurz vor Fertigstellung des Projekts.

Die "Lista deren Verstorbenen zu Wien", wie sie später hieß, enthält neben Namen und Sterbedatum auch Beruf und Todesursache der Verblichenen. Sie bildet so eine (auch abseits der Ahnenforschung) ungemein ergiebige historische Quelle, mit der sich ein Bild einer Zeit zeichnen lässt, die heute kaum mehr greifbar ist.

Im Fall unseres eingangs erwähnten ersten Toten lautete der Eintrag konkret: "Der Matthias Placht / Guardi-Soldat in einem Guardir Häußl am Saltz-Grieß: ist am hitzigen Fieber beschaut / alt 40. Jahr."

Zur Erklärung: Mit der Berufsbezeichnung "Guardi-Soldat" ist gemeint, dass Placht zur Stadtguardia gehörte, einer im 16. Jahrhundert gegründeten Sicherheitswache, die unter anderem für das Öffnen und Schließen der Stadttore verantwortlich war. Die Angehörigen dieser Einheit wohnten damals in eigens errichteten kleinen Häuschen auf den Basteien. Ein solches dürfte unter dem angegebenen "Guardir Häußl" zu verstehen sein.

Was genau mit dem Begriff "hitziges Fieber" gemeint war, bleibt unklar. Unter anderem bezeichnete man damit Typhus - angesichts der einst schlechten Wasserqualität in Wien keine unwahrscheinliche Todesursache. Mitunter war es gesünder, statt Wasser Alkohol zu trinken. Apropos: Um ihren Sold ein wenig aufzubessern, betrieben die Männer der Stadtguardia oft nebenbei eine Ausschank. Wegen der Konkurrenz waren sie bei der Bevölkerung daher nicht allzu beliebt.

Datenbank
Das 100-köpfige Team von FAMILIA AUSTRIA rund um Günter Ofner, Ernst Ambros, Michael Ambrosch, Renate Fennes, DI Erich Schadner und Claudia Weck hat mittlerweile mehr als 1,5 Millionen Datensätze angelegt, die online durchsuchbar sind. Allgemein zugänglich sind Namen und Sterbejahre. Für angemeldete Mitglieder scheinen zusätzliche Angaben wie das genaue Todesdatum oder der Beruf auf.

Kontakt: FAMILIA AUSTRIA, per Adresse Günter Ofner, Gentzgasse 59/9, 1180 Wien. E-Mail: kontakt@familia-austria.at; www.familia-austria.at.

Das ANNO-Projekt der Nationalbibliothek mit historischen Ausgaben unseres Blattes (und vieler anderer): www.anno.onb.ac.at.




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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2016
Dokument erstellt am 2015-04-01 16:02:12
Letzte nderung am 2015-04-01 16:25:48



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