• vom 02.04.2015, 14:00 Uhr

Gemeine


Eine Leopoldstädter Kreuzung

Der Admiral im Verkehrsmeer




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  • Sieben Wege führten schon im 18. Jh. zum Wiener Praterstern.
  • Tegetthoff-Statue stand einst in der Mitte des Platzes.

Begegnungszone Praterstern mit Tegetthoff-Säule um 1937 (l.), ganz links wohl das Busch-Kino im Gebäude des ehemaligen Panoramas; rechts: Plan aus 1909, in Blau die Straßenbahnlinien. - © Foto: Wiener Linien. Kartenausschnitt: Archiv. Repros: M. Ziegler

Begegnungszone Praterstern mit Tegetthoff-Säule um 1937 (l.), ganz links wohl das Busch-Kino im Gebäude des ehemaligen Panoramas; rechts: Plan aus 1909, in Blau die Straßenbahnlinien. © Foto: Wiener Linien. Kartenausschnitt: Archiv. Repros: M. Ziegler

Wo heute Tag und Nacht der Verkehr rauscht, hörte man einst wohl nur das Rauschen der Auwälder. Die Metamorphose der kaiserlichen Jagdgründe vor den Toren der Residenz zum Verkehrsknoten mitten in Wien beschäftigte die Gemeine im Rahmen einer Spezialnuss (KARTEN GELESEN Nro. 343). Auf die Frage, wie sich der Praterstern im heutigen 2. Bezirk entwickelte, antwortet Rudolf Freiler, Kirchschlag, lapidar: "fürchterlich". Doch alles der Reihe nach: "1537/ 38 ließ . . . Ferdinand I. den langen Gang durch den Prater schlagen, die heutige Hauptallee." Unter Maximilian II. wurde "von der Schlagbrücke (Schwedenbrücke) bis zur Hauptallee eine Straße angelegt, an der er seine Jäger und Förster" ansiedelte - daher der einstige Name Jägerzeile (nun Praterstraße). Die Kreuzung "war der Kristallisationspunkt, an dem später der Praterstern" entstand.

Tramway-Knoten

Wiesen und Wälder grenzten um 1830 an die Kreuzung.

Wiesen und Wälder grenzten um 1830 an die Kreuzung.© Ausschnitt aus Vasquez-Plan/Archiv Wiesen und Wälder grenzten um 1830 an die Kreuzung.© Ausschnitt aus Vasquez-Plan/Archiv

"Nachdem Joseph II. 1766 den Prater der Allgemeinheit geöffnet hatte, wandelte sich der Platz 1782 zu einem Sternplatz", so Ing. Alfred Kaiser, Purkersdorf. Die offizielle "Benennung des Pratersterns erfolgte 1879 aufgrund der damals sternförmig zusammenlaufenden sieben Straßen". Deren heutige Namen nennt Herbert Beer, Wolfpassing: Franzensbrücken-, Prater-, Heine-, Nordbahn-, Lassalle- und Ausstellungsstraße sowie Hauptallee.

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Manfred Höbart, Wien 15, entdeckte, dass die jetzige Lassallestraße einst "Schwimmschulallee" hieß. Brigitte Schlesinger, Wien 12 (fand den Druckfehler in Nro. 343: Lassallestraße natürlich, danke!): Schwimmschulallee hieß die Straße ab ca. 1813 "nach der im selben Jahr erbauten . . . k.k. Militär- und Zivil-Schwimmschule an der unregulierten Donau". Neben Militärs stand sie "auch männlichen Zivilisten zur Verfügung." Frauen durften lediglich zusehen, und selbst das nur sonntags gegen Eintritt. Mit der Donauregulierung verschwand das Bad 1874. Herbert Ambrozy, Wien 7, ergänzt: Später wurde die Allee Kronprinz-Rudolfstraße benannt. 1919-1934 hieß sie Lassallestraße (nach dem deutschen Sozialisten Ferdinand Lassalle), 1934-1949 Reichsbrückenstraße, danach wieder Lassallestraße.

Einen literarischen Nebenpfad beschreitet Neotüftler Dr. Gerhard Jungmayer, Wien 22 (willkommen in der Gemeine!): Die spätere Lassallestraße ist Schauplatz einer Novelle Arthur Schnitzlers. ""Die Toten schweigen" (1897) handelt von der Frau eines Professors", die mit ihrem Geliebten per Kutsche, vorbei am Praterstern, "über die "Reichsstraße" (damals offiziell Kronprinz-Rudolfstr., Anm.) und die "Reichsbrücke" (Kronprinz-Rudolfbrücke) fährt, wo . . . der Wagen umkippt und der Liebhaber getötet wird."

Besagte Brücke wurde, so Dr. Karl Beck, Purkersdorf, "1876 eröffnet". Nachfolgerin war jene 1937 fertiggestellte Kettenbrücke, die 1976 einstürzte.

Wie der sternförmige Platz zum "größten Kreisverkehr in Wien" wurde, beschäftigte auch Gerhard Toifl, Wien 17, der den Bau des Nordbahnhofs 1838 für entscheidend hält.

Poststempel zur feierlichen Eröffnung der Reichsbrücke 1937.

Poststempel zur feierlichen Eröffnung der Reichsbrücke 1937.© Archiv Dr. G. Jungmayer (danke!) Poststempel zur feierlichen Eröffnung der Reichsbrücke 1937.© Archiv Dr. G. Jungmayer (danke!)

1859 legte man "das Viadukt der Verbindungsbahn in Form eines Kreissegments um den Platz", so Mag. Luise & Ing. Konrad Gerstendorfer, Deutsch-Wagram; 1868 fuhr "die erste Pferdebahnlinie des 2. Bezirks über den Prater-stern (Schottentor - Ring - Praterstraße - Praterstern - Schwimmschulallee)". MedR DDr. Othmar Hartl, Linz: "Gänzlich umgestaltet" und erweitert wurde er 1954/55. "Innerhalb des Kreisverkehrs wurde eine Schnellbahnstation installiert."

Tegetthoff verrückt?
Bis heute prägt ein imposantes Denkmal den Praterstern. Dr. Manfred Kremser, Wien 18: In 16m Höhe (5m Sockel, 11m Säule) prangt eine "3,5m hohe Bronzefigur". Mathilde Lewandowski, Payerbach: Es handelt sich dabei um "den berühmtesten . . . Admiral der österreichisch-ungarischen Kriegsmarine, Wilhelm von Tegetthoff (1827- 1871)". Architekt war Carl von Hasenauer, "die bronzenen Figuren schuf Carl Kundmann." Die Säule ist "seitlich von . . . Schiffsschnäbeln gerahmt".

Diese "für Wien ungewohnte Art des Denkmals beschäftigte" das Volk, so Elisabeth Somogyi, Wien 11: "Meine Vorfahren bezeichneten es als "Kleiderständer". Und dann gab es noch die Scherzfrage: Warum blickt Tegetthoff in die Novaragasse? Er schaut, ob eine "Flotte" daherkommt." (Die beim Praterstern in die Praterstraße mündende Novaragasse war bekannt als Kern des Rotlichtbezirks.)

Obwohl ein Denkmal für den Helden der Seeschlacht von Lissa (1866) schon nach dessen Tod 1871 geplant war, ließ die Enthüllung, so Brigitte Weiser, Wien 8, bis 1886 auf sich warten.

Ein Blick auf einen aktuellen Plan zeigt, dass Tegetthoff nicht mehr Mittelpunkt des Pratersterns ist. Dieser scheint sich "nach Norden/ Nordwesten ausgedehnt zu haben", so Dr. Martin Zedlacher, Wien 12 (willkommen in der Runde der Nussknacker!); "vielleicht ist das der Grund für die Behauptung, dass in den späten 1890ern" das Denkmal versetzt wurde, "obwohl es immer auf der Achse Praterstraße-Lassallestraße stand".

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2015-04-01 16:14:09
Letzte ─nderung am 2015-04-01 16:36:56



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