• vom 04.06.2015, 15:30 Uhr

Gemeine


Besatzungskinder

Die geächteten Kinder der Feinde




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Von Silke Satjukow und Rainer Gries

  • Das Leben des "Russenbalgs" Michael in Sachsen-Anhalt.

"250.000 Besatzungskinder , aus Liebe, aus Leichtsinn oder durch Vergewaltigung gezeugt, warten auf eine Bestimmung, mit der ihre Väter (...) zur Unterhaltspflicht gezwungen werden können", schrieb eine Illustrierte 1951 zu diesem Bild. Repro: I. Friedenberger - © Archiv der Autoren

"250.000 Besatzungskinder , aus Liebe, aus Leichtsinn oder durch Vergewaltigung gezeugt, warten auf eine Bestimmung, mit der ihre Väter (...) zur Unterhaltspflicht gezwungen werden können", schrieb eine Illustrierte 1951 zu diesem Bild. Repro: I. Friedenberger © Archiv der Autoren

Im Frühsommer 1947 kommt der kleine Michael zur Welt. Seine Mutter Helene war 1945 vor der Roten Armee aus Ostpreußen geflüchtet. Bald nach Ende des Krieges hatte sie seinen Vater kennen und lieben gelernt: Mojssej. Der junge Leutnant der Sowjetarmee war Waise; seine jüdischen Eltern hatten das Massaker von Babyn Jar im September 1941 - bei dem Spezialeinheiten deutscher Truppen über 30.000 Juden ermordeten - nicht überlebt.

Helene wird bald schwanger und die beiden beginnen, von einer gemeinsamen Zukunft zu träumen - doch es sollte schon rasch anders kommen. Wenige Tage vor Michaels Geburt steht Mojssej vor der Tür seiner Geliebten und gesteht ihr, dass er noch in derselben Nacht in die Heimat zurückkehren müsse. Seine Vorgesetzten hätten ihn unter Druck gesetzt und schon gar als Jude habe er keine Wahl, als Folge zu leisten.


Helene bleibt nun nichts anderes übrig, als Michael in einer Zeit des Mangels und des Hungers alleine großzuziehen. Doch bald bricht sie unter der Last zusammen, Michael verbringt die Jahre seiner frühen Kindheit in einem Heim.

Helene mit ihrem Sohn Michael .

Helene mit ihrem Sohn Michael .© Bilder: Archiv der Autoren/Privatbesitz Helene mit ihrem Sohn Michael .© Bilder: Archiv der Autoren/Privatbesitz

Helene teilte das Schicksal von Hunderttausenden Geschlechtsgenossinnen in Deutschland und in Österreich. Im Frühjahr 1945 waren die alliierten Truppen einmarschiert, neun Monate später erblickten die ersten "Besatzungskinder" das Licht der Welt. Im ersten Nachkriegsjahrzehnt wurden mindestens 430.000 Kinder geboren, deren Väter ausländische Soldaten und deren Mütter Einheimische waren.

In den vier deutschen Besatzungszonen erkannten etwa sieben von einhundert Männern ihre Vaterschaft amtlich an. Nur wenige der Soldatenväter zahlten für ihren Nachwuchs dauerhaft Alimente oder sorgten sich um das Aufwachsen ihrer Kinder.

Vor allem in den Jahren unmittelbar nach dem Krieg litten diese Kinder unter einem doppelten Stigma: Sie waren von unehelicher Geburt und Kinder einer Vergewaltigung oder einer freiwilligen Beziehung mit den fremden Besatzern, die in der Regel als feindlich angesehen wurden. Ihr soziales Umfeld grenzte sie daher aus, verhöhnte und misshandelte sie physisch und psychisch. Für die Behörden der Länder und Kommunen sowie für die Menschen in den Zonen galten diese Kinder des Krieges zunächst als unerwünschte Fremdkörper im Fleisch des Gemeinwesens. Erwachsene und Kinder riefen ihnen Schimpfworte wie "Russenbalg", "Amikind" oder gar "Negerbrut" nach; man bezeichnete sie als "Bastarde" oder als "Bankerte" (vom mittelhochdeutschen banchart = auf der Schlafbank der Magd gezeugtes Kind): Sie waren illegitime Nachkommen - und zwar des Feindes, der im eigenen Land stand.

Zum Weiterlesen: S. Satjukow, R. Gries: "Bankerte!" Besatzungskinder in Deutschland nach 1945. Campus 2015, 415 Seiten, ca. 31 Euro.

Zum Weiterlesen: S. Satjukow, R. Gries: "Bankerte!" Besatzungskinder in Deutschland nach 1945. Campus 2015, 415 Seiten, ca. 31 Euro. Zum Weiterlesen: S. Satjukow, R. Gries: "Bankerte!" Besatzungskinder in Deutschland nach 1945. Campus 2015, 415 Seiten, ca. 31 Euro.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2015-06-03 09:56:08
Letzte nderung am 2015-06-03 10:36:03



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