• vom 03.12.2015, 14:00 Uhr

Gemeine


Zeitungswissenschaft unter dem NS-Regime

Hetze im Auftrag der Alma mater




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  • Manipulation der Öffentlichkeit in Wien ab 1936 institutionalisiert.
  • Die Emanzipation der Wissenschaft ließ sich Zeit.

Die Freiheit in Ketten : Diese Karikatur (1842) galt der Zensur in Preußen. 100 Jahre später war die Wiener Zeitungswissenschaft Handlanger der Nazis.

Die Freiheit in Ketten : Diese Karikatur (1842) galt der Zensur in Preußen. 100 Jahre später war die Wiener Zeitungswissenschaft Handlanger der Nazis.© Bild (kol.): Archiv Die Freiheit in Ketten : Diese Karikatur (1842) galt der Zensur in Preußen. 100 Jahre später war die Wiener Zeitungswissenschaft Handlanger der Nazis.© Bild (kol.): Archiv

Die Wissenschaft und ihre Lehre ist frei. So steht es seit 21. Dezember 1867 im Staatsgrundgesetz. Die Vorläufer der Wiener Publizistik- und Kommunikationswissenschaft waren allerdings nicht frei.

Die Geburtsstunde der neuen Forschungseinrichtung schlug 1936, als in unserem Land bereits das Ständestaatregime etabliert war. Denn in eben diesem Jahr eröffnete man die Pressekammer feierlich und bereitete die Kammerkurse für Zeitungswesen vor. Zum Oberhaupt wurde Eduard Ludwig auserkoren, auch Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Zeitungskunde sowie Leiter des Bundespressedienstes.


Beinahe eine volle Seite der "Wiener Zeitung" füllte der Bericht am 2. März 1937 dazu. Zitat aus einer Eröffnungsrede: "Wir müssen das Wort "Pressefreiheit" (...) in die Kategorie der abgestorbenen Schlagwörter einreihen. Auch auf dem Gebiete der Presse muß schließlich das Gemeinwohl höher bewertet werden als die individuelle Freiheit".

Diese Aussage war ganz im Sinne von Ludwig. In einem Vortrag erklärte er: Zeitungen wären das geeignete Mittel, um "Meinungen in bestimmte Richtungen zu lenken." Diese Linie plante er wohl auch für die Kammerkurse. Der "Anschluss" Österreichs im März 1938 setzte dem Vorhaben ein jähes Ende: Leitende Funktionäre der Pressekammer, darunter auch Ludwig, wurden verhaftet und mit anderen, v.a. prominenten Nazi-Gegnern, in das Konzentrationslager Dachau deportiert.

Falsches "Diarium"
Wochen später kam der Impuls zur Gründung eines Instituts für Zeitungswissenschaft an der Universität Wien. Joseph Goebbels, Propagandaminister sowie enger Vertrauter Hitlers, und Otto Dietrich, Pressechef der Nazis, unterstützten das Vorhaben: Eine ansehnliche Summe stand bereit.

Am 7. Mai 1942 eröffnete man das Institut und ernannte Karl O. Kurth zum Leiter. Er stellte die Zeitungswissenschaft völlig in den Dienst der NS-Ideologie. Die Presse sollte zwei Ziele verfolgen: Verkündung der "deutschen Leistung im Aufbau des Reiches und im Kampfe um dessen Bestand" sowie "Abwehr feindlicher Hetzpropaganda (...) zum Schutz des deutschen Volkes". Wissenschaft zählte nicht. Vielmehr ging es um die Ausbildung im Sinne der "Propagandaschmiede".

1943 gründete Kurth ein Mitteilungsblatt des Instituts, das "Wienerische Diarum". Eine dreiste Benennung, denn vor 1780 war dies der Name der "Wiener Zeitung" (anfangs "Wiennerisches Diarium", das später ein "n" verlor). Das österreichische Traditionsblatt wurde 1940 auf Befehl aus Berlin eingestellt.

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Dokument erstellt am 2015-12-03 10:50:05
Letzte ─nderung am 2015-12-03 11:35:20



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