• vom 04.08.2016, 15:00 Uhr

Gemeine

Update: 04.08.2016, 15:19 Uhr

Budapests Metró

Die U-Bahnfahrt mit dem Kaiser




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  • Im Jahr 1896 wurde die "Földalatti" in Ungarns Hauptstadt eröffnet.
  • Wien schmiedete schon 1858 erste Pläne, musste aber noch lange warten.

Paris bekam erst im Jahre 1900 seine Métro (rechts); U-Bahn-Abgang in Budapest (links). - © Bilder: Ansichtskarte (l.), Reklamebild (beide um 1900)/Archiv

Paris bekam erst im Jahre 1900 seine Métro (rechts); U-Bahn-Abgang in Budapest (links). © Bilder: Ansichtskarte (l.), Reklamebild (beide um 1900)/Archiv

Funken sprühen, dann und wann flammt weißer oder grüner Schein auf, an den Waggonfenstern sausen mächtige Eisenträger vorbei, von oben hallt gedämpft das Rollen der Fuhrwerke auf der Andrássy út (= Straße) herunter - so erlebten Journalisten im April 1896 eine Probefahrt mit der elektrisch betriebenen Budapester Metró. Gut 120 Jahre später begab sich die Gemeine anlässlich der Karten-Spezialnuss aus Nro. 356 auf eine Zeitreise in den Untergrund der ungarischen Metropole, wo "die älteste U-Bahn in Mitteleuropa" unterwegs ist, wie MedR DDr. Othmar Hartl, Linz, feststellt. Und: "Die erste U-Bahn . . . wurde in London gebaut." Ab der Eröffnung 1863 mit Dampfloks befahren, rüstete sie nach der Jahrhundertwende auf elektrischen Betrieb um.

Herbert Beer, Wolfpassing: Die Budapester Metró ist außerdem, "je nachdem ob der Tünel in Istanbul (1875 eröffnete unterirdische Standseilbahn, Anm.) . . . mitgezählt wird, . . . die zweit- oder drittälteste U-Bahn der Welt".


Keine Verschandelung
Zu ihrer Entstehung berichtet Dkfm. Herbert Wöber, Wien 14: "1896 fand zur Tausendjahrfeier der Staatsgründung Ungarns (896) in Budapest im Városliget (Stadtwäldchen) die große Millenniumsausstellung . . . statt. Die Beförderung der zu erwartenden zahlreichen Ausstellungsbesucher und Veranstaltungsgäste dorthin war jedoch 1893 ein noch ungelöstes Problem."

Zu der von 2. Mai bis 31. Oktober 1896 stattfindenden Schau informiert schon erwähnter Tüftler Beer: Im Stadtwäldchen wurde "auch die Burg Vajdahunyad erbaut, die den zentralen historischen Teil der Ausstellung umfasste und etwa 20.000 Kunstgegenstände . . . zeigte."

Man entschied sich schließlich für einen unterirdischen Schienenweg zum Ausstellungsgelände. Dabei spielten auch ästhetische Gründe eine Rolle, gibt Heinz Netuka, Wien 14, zu bedenken: "So wie in Wien bei der Elektrifizierung der Tramway über den Ring, sperrten sich auch die Budapester gegen die Verschandelung durch die Oberleitungsdrähte in der Andrássy út mit ihren Prachtbauten und Alleen . . . Die Tunnel wurden in offener Bauweise . . . errichtet, in der gepölzten (mit Pfosten gestützten, Anm.) Baugrube wurden zuerst die Sohleplatte und Seitenwände betoniert. Auf die Sohleplatte wurden dann die Mittelstützen aufgebaut", darauf wiederum die "Stahlträger für die Tunneldecke . . . Unmittelbar darüber lag bereits der Straßenbelag."

Da die Tunnels "mit einer lichten Höhe von nur 2,85m sehr niedrig" ausfielen, kam bei der Konstruktion der Wagen, so Gerhard Toifl, Wien 17, eine "Niederflurbauweise" zur Anwendung. Dr. Karl Beck, Purkersdorf, ergänzt, "dass die bauausführende Firma Siemens & Halske war".

Im August 1894 wurde die Konzession erteilt. Bis zur Fertigstellung dauerte es nicht einmal zwei Jahre.

Wagen aus der Anfangszeit der "Földalatti".

Wagen aus der Anfangszeit der "Földalatti".© Bild: Archiv Wagen aus der Anfangszeit der "Földalatti".© Bild: Archiv

Allerhöchster Besuch
Anton Teufl, Pielach, merkt an, dass "die U-Bahn in Budapest . . . am 2. Mai 1896 eröffnet wurde". Franz Joseph I. besichtigte "das neue Verkehrsmittel allerdings erst am 8. Mai".

Brigitte Schlesinger, Wien 12: Der Kaiser stieg an der Station Gizella tér (Giselaplatz, heute Vörösmarty tér) ein und "fuhr mit einem eigens für ihn hergerichteten Wagen bis zur Endstation". Zu seinen Ehren erhielt er "von der für den Betrieb zuständigen Verkehrsgesellschaft ein . . . prächtiges U-Bahn-Ansichtsalbum."

Peter Seelmann, Wien 12: "Erst danach ließ er durch Erlass kundtun, dass zukünftig . . . diese neue Verkehrseinrichtung seinen Namen tragen darf: "Ferencz József Földalatti Villamos Vasút", was zu Deutsch so viel wie "Elektrische Untergrundbahn Franz Joseph" heißt."

UNESCO-Kulturerbe
"Die Bezeichnung Földalatti", so Tüftler Seelmann weiter, "setzt sich aus dem ungarischen "föld" (Boden, Erde) und "alatt" (unten) zusammen, was somit Unterboden, Unterirdische" oder auch Untergrundbahn bedeutet.

Die ursprüngliche Länge der Strecke gibt Robert Fallenstein, Wien 21, mit 3689m an. "Bis auf die letzten 463m verlief sie unterirdisch." Geschichtsfreund Fallenstein zählt "die "Földalatti" absolut zu den Sehenswürdigkeiten" Budapests. Denn: "Die Stationen der alten Stammstrecke vom Zentrum bis zum Heldenplatz (Hösök tér, Anm.) sind allesamt sehr schön restauriert worden".

Nun firmiert sie, so Dr. Manfred Kremser, Wien 18, unter der Bezeichnung "Millenium-U-Bahn". Die "noch bestehende erste Strecke (heute M1) wird seit 2002, zusammen mit der Andrássy-Straße, als UNESCO-Weltkulturerbe geführt."

Den Namen des habsburgischen Regenten trug sie übrigens noch Jahre nach dem Ende der Monarchie, so Gesandter i.R. Dr. Josef Litschauer, Wien 10: Sie "wurde erst mit 1. Jänner 1923 . . . umbenannt." Und: "Die Budapester U-Bahn umfasste zunächst nur eine Linie; im 20. Jahrhundert wurde das Netz um zwei Linien erweitert. Der Ausbau ging und geht auch im 21. Jahrhundert weiter".

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Dokument erstellt am 2016-08-03 16:41:14
Letzte ─nderung am 2016-08-04 15:19:33



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