• vom 12.01.2017, 15:00 Uhr

Gemeine


Werthers Leiden

Liebeskummer in Gelb und Blau




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  • Goethe landete 1774 einen Verkaufserfolg.
  • Lessing zeigte sich besorgt.

Das Schicksal des unglücklichen Werther (hier mit Lotte) entfachte eine regelrechte Lesesucht.

Das Schicksal des unglücklichen Werther (hier mit Lotte) entfachte eine regelrechte Lesesucht.© Bild: Archiv/Repro & Kolorierung: Ph. Aufner Das Schicksal des unglücklichen Werther (hier mit Lotte) entfachte eine regelrechte Lesesucht.© Bild: Archiv/Repro & Kolorierung: Ph. Aufner

Den Zuschriften aus der Gemeine nach zu urteilen, lässt sich leicht sagen, welche Landkarte aus der Zeitreisen-Rubrik KARTEN GELESEN im Jahr 2016 die beliebteste war: Jene Kartographie der Liebe, die in der Oktober-Ausgabe (Nro. 364) präsentiert wurde.

In diesem 1777 publizierten allegorischen Reich, das der deutsche Buchdrucker Johann Gottlob Immanuel Breitkopf geschaffen hatte, liegt auch das "Land der traurenden (sic) Liebe". Folgt man darin dem "Thränenbach", der sich bald zum Fluss ausweitet, Richtung Norden, vorbei an "Grillenburg", so erreicht man den "Werthershain", zwischen dem "Morast des Tiefsinns" und der "Wüste der Schwermuth" gelegen. In diesem Wäldchen, benannt nach Goethes Romanfigur, sah sich der Tüftlerkreis nun etwas näher um.


Wie Volkmar Mitterhuber, Baden, anmerkt, erschien "Johann Wolfgang Goethes Briefroman "Die Leiden des jungen Werthers" . . . 1774", also nur wenige Jahre, bevor die Landkarte der Liebe entstand. Es folgte eine "zweite Fassung 1787", dann unter Weglassung des Genitiv-s im Titel ("Die Leiden des jungen Werther").

Dkfm. Herbert Wöber, Wien 14: Das zweiteilige Werk, dessen Handlung zwischen Mai 1771 und Dezember 1772 spielt, kam "im September 1774 anlässlich der Leipziger Buchmesse" heraus - "wie damals üblich anonym - bei der Weygandschen Buchhandlung in Leipzig."

Goethe (1749-1832) erntete mit "Werther" auch Kritik.

Goethe (1749-1832) erntete mit "Werther" auch Kritik.© Bild: Archiv/farbl. Bearbeitung: I. Friedenberger Goethe (1749-1832) erntete mit "Werther" auch Kritik.© Bild: Archiv/farbl. Bearbeitung: I. Friedenberger

"Emilia Galotti"-Lektüre
"Bei Weygand", beginnt Brigitte Schlesinger, Wien 12, einen kleinen Exkurs zu diesem Verlag, kamen "zwischen 1774 und 1779 fast alle Hauptwerke der "Stürmer und Dränger"" heraus. Der Verleger mit "geschäftlichem Spürsinn" interessierte sich v.a. "aus Verkaufsgründen", weniger "aus inhaltlichen Gründen" für diese Autoren. Zu seiner Strategie gehörte es, sich "nach Sondierung des Marktes" direkt an die Schriftsteller zu wenden und nicht erst auf Manuskripte zu warten. Anfang 1774 kontaktierte er auch den jungen Goethe, "der das Drama "Götz von Berlichingen" . . . im Selbstverlag herausgegeben" und damit "in der literarischen Welt bereits großes Aufsehen erregt hatte." Der Dichter sagte Weygand den "Werther" zu, der dann "Verkaufserfolg über viele Jahre hin" werden sollte.

Der Inhalt ist rasch erzählt. Der junge Rechtspraktikant Werther verliebt sich in die bereits so gut wie verlobte Lotte. Doch die Liebe bleibt unerfüllt. Lotte heiratet schließlich Albert und Werther erkennt, dass er ihrem Glück im Wege steht. Herbert Beer, Wolfpassing, weiter: "Um Mitternacht vor Heiligabend schießt er sich an seinem Schreibtisch . . . in den Kopf" - ausgerechnet mit einer von Albert geliehenen Pistole. Man findet ihn "am nächsten Morgen . . . tödlich verwundet." Aufgeschlagen auf seinem Pult liegt "Gotthold Ephraim Lessings Bürgerliches Trauerspiel "Emilia Galotti"".

Zum erwähnten Stück Lessings führt Gesandter i.R. Dr. Josef Litschauer, Wien 10, aus: Das "Drama hatte am 13. März 1772 in Braunschweig seine Uraufführung erlebt, war also hochaktuell zum Zeitpunkt des Freitodes Werthers". Darin sucht eine junge bürgerliche Frau, die ihre Ehre durch die Avancen eines Prinzen in Gefahr sieht, "den Tod, ihr Vater Odoardo erbarmt sich schließlich und erdolcht sie ("Tötung auf Verlangen" wäre wohl der moderne Begriff)."

Das Wertherfieber erfasste vor allem ein junges Publikum (hier eine Leserin 1794).

Das Wertherfieber erfasste vor allem ein junges Publikum (hier eine Leserin 1794).© Bild: Boehn, Mode, München 1920. Das Wertherfieber erfasste vor allem ein junges Publikum (hier eine Leserin 1794).© Bild: Boehn, Mode, München 1920.

Auf den Index gesetzt
In einem Brief an den Literaturhistoriker Johann Joachim Eschenburg kommt Lessing auf den "Werther" zu sprechen. Dr. Harald Jilke, Wien 3, zitiert aus dem Schreiben von Oktober 1774: "Wenn aber ein so warmes Produkt nicht mehr Unheil als Gutes stiften soll: meynen Sie nicht, daß es noch eine kleine kalte Schlußrede haben müsste? Ein Paar Winke hinterher, wie Werther zu einem so abentheuerlichen Charakter gekommen; wie ein andrer Jüngling, dem die Natur eine ähnliche Anlage gegeben, sich dafür zu bewahren habe." Zum Schluss wendet er sich noch rhetorisch an den Schöpfer des Werther: "Also, lieber Göthe (sic), noch ein Kapitelchen zum Schlusse; und je cynischer, je besser!"

"Von Kritikern", so Mathilde Lewandowski, Payerbach, kam der Vorwurf, dass der Roman "zu einem sprunghaften Anstieg" der Zahl der Selbstmorde geführt hätte. "Auch die Kirche polemisierte gegen das Werk", das "in Leipzig, Bayern und Österreich auf den Index gesetzt" wurde.

Doch die Begeisterung des Lesepublikums konnte das nicht bremsen - im Gegenteil. Spurensucherin Lewandowski erwähnt das vor allem unter jungen Leuten grassierende "Wertherfieber" - es "gab Werther-Porzellanfigürchen, Tassen mit Bildern zum Buch, Werther-Parfum, Fächer mit dem Bild Werthers zu kaufen."

Modischer Protest
Zur später so bezeichneten "Werthertracht" kommt Elisabeth Somogyi, Wien 11 (danke für das Bildchen!): Sie "besteht aus gelber Weste, gelber Hose und meist blauem Rock; Stulpenstiefel und ein . . . Hut gehörten auch dazu."

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-01-11 16:14:10
Letzte ─nderung am 2017-01-11 17:23:27



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