• vom 03.03.2017, 13:00 Uhr

Gemeine

Update: 03.03.2017, 13:15 Uhr

Nadelburg

48.000 Nadeln pro Tag gefertigt




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  • Maria Theresias Fabrikssiedlung bei Lichtenwörth.
  • 1760 Dekret gegen Importe.

Fabriksgelände nach 1817. - © Bild: Nadelburgmuseum Lichtenwörth (danke!)

Fabriksgelände nach 1817. © Bild: Nadelburgmuseum Lichtenwörth (danke!)

Mit einigen Gemeine-Mitgliedern begeben wir uns auf den interessanten "Nadelburg"-Nebenpfad. Dieser wurde im Februar bei der Beantwortung der Orchidee der Nro. 366 zum Steinfeld bei Wiener Neustadt nur gestreift.

Maria Amalie (l.), Tochter Maria Theresias, griff zu Nadel und Faden, um Konventionen zu erfüllen, nicht aus Not wie die junge Näherin rechts.

Maria Amalie (l.), Tochter Maria Theresias, griff zu Nadel und Faden, um Konventionen zu erfüllen, nicht aus Not wie die junge Näherin rechts.© Bilder: Archiv/Neue Ill. Ztg. 1877. Repro: M. Szalapek Maria Amalie (l.), Tochter Maria Theresias, griff zu Nadel und Faden, um Konventionen zu erfüllen, nicht aus Not wie die junge Näherin rechts.© Bilder: Archiv/Neue Ill. Ztg. 1877. Repro: M. Szalapek

Rund 6km südöstlich des von Maria Theresia 1763 gegründeten Ortes Theresienfeld war unter der Herrscherin bereits Jahre zuvor eine der ersten staatlichen Fabrikssiedlungen der Monarchie errichtet worden.

Dazu Gesandter i.R. Dr. Josef Litschauer, Wien 10: Die Regentin rief Mitte des 18. Jahrhunderts "die "Nadelburg" in Lichtenwörth ins Leben, eine "Fabric-Colonie" mit Wohnhauseinheiten". Die "Metallwaren- und Messingnadelfabrik umfasste . . . auch einen "Drahtzug" (kleines Eisenwerk zum Ziehen von Draht) und eine Dosenerzeugung."

Fachkräftemangel

Details zur Entstehungsgeschichte und zum weiteren Schicksal der Fabrik holte Christine Sigmund, Wien 23, direkt an der Quelle ein: Beim Nadelburgmuseum in Lichtenwörth bzw. bei dessen Kurator Robert Bachtrögl. Er verfasste 2010 auch das historische Werk "Die Nadelburg".

Tüftlerin Sigmund trug folgende Informationen zusammen: "1747 trat Johann Christian Zug aus Lichtenwörth" mit der Bitte um ein "landesfürstliches Privilegium" an Maria Theresia heran. "Sein Plan war es, eine Nähnadelfabrik samt Drahtzug zu errichten." Der Hammerwerkbesitzer "Zug bekam die Bewilligung. Um den Bau zu ermöglichen, erhielt er einen Staatskredit von 10.000 Gulden. Zug kaufte die in der Nähe des Hofgartens . . . gelegene Winkelmühle." Wasser war ja - anders als auf dem Steinfeld - in Lichtenwörth "genügend vorhanden, um . . . Maschinen anzutreiben".

Auf dem Gelände stand früher eine Burg, woraus sich in der Folge der Name "Nadelburg" ableitete.

Damals wurden viele Nähnadeln aus Deutschland und östlichen Nachbarregionen importiert. In England hatte man Anfang des 18. Jahrhunderts mit der industriellen Fertigung des Produktes begonnen.

Geschichtsfreundin Sigmund weiter: "Zug konnte einen Fabrikmeister aus Aachen gewinnen. Zwanzig Knaben, die aus einem Bürgerspital kamen, wurden zu Gesellen für die Nadelerzeugung ausgebildet." Später wurden zusätzliche Facharbeiter aus den Erblanden und der Schweiz geholt. Einige schmuggelte man regelrecht ins Land, z.B. aus Nürnberg. Handwerker unterlagen dort nämlich strengen Bestimmungen, dazu gehörten Ausreiseverbote.

72 Arbeitsschritte

Doch bald stellte sich heraus, dass Zug in wirtschaftlichen Dingen nicht geschickt war. Der gesamte Betrieb wurde Staatseigentum. Bis 1763 stieg die Arbeiterzahl auf 394. In diesem Jahr ging die Fabrik wieder in Privatbesitz über.

Spurensucherin Sigmund recherchierte auch zu damaligen Fertigungstechniken: "Die Herstellung einer Nähnadel geschah in zweiundsiebzig Arbeitsschritten, bevor man sie in Päckchen (à 100 Stück) einsortieren konnte." Pro Tag wurden 48.000 Nadeln gefertigt, zunächst aus Messing, später aus Stahldraht.

Das Produktangebot erweiterte man sukzessive: 1755 wurde die Weißenbacher Messingwarenfabrik in die Nadelburg eingegliedert. Das brachte Fingerhüte, Knöpfe und Feilen auf die Artikelliste. Fünf Jahre später kamen u.a. Kessel, Tabakdosen, Glocken, Mörser, Bügeleisen, Muttern und Schnallen dazu.

Ebenfalls 1760 erließ Maria Theresia ein Hofdekret, um die Einfuhr von ausländischen Steck- und Sticknadeln zu verhindern, es drohte Konfiszierung. Trotz des Verbots kam aber weiterhin billige ausländische Ware nach Österreich. Die Nadelburg sollte letztendlich erst im 19. Jahrhundert profitabel werden.

Häuser, Kirche, Schule

Maria Theresia war um ihre Arbeitskräfte bemüht. Mag. Susanna Michner, Wien 9, zur Werkssiedlung: "Die Struktur war auf Gemeinschaft ausgerichtet: jeweils zwei Familien teilten sich ein Häuschen mit gemeinsamer Küche und Hausgarten, jede Famile hatte dazu zwei eigene Zimmer. Hinsichtlich der Grundversorgung mit Lebensmitteln waren die Bewohner weitgehend unabhängig durch gemeinsam bewirtschaftete Grundstücke".

Bereits erwähnte Intensiv-Zeitreisende Sigmund notiert, dass das Gelände vom Ort "durch eine rote Mauer" getrennt wurde. Die Tore zur Fabrik wurden bewacht. "Besonders schön und imposant war das Adlertor, welches auch noch heute gepflegt wird."

Geschichtsdetektivin Sigmund merkt an, dass die fehlende Unterkellerung der Häuser zu Problemen mit Feuchtigkeit führte, was Erkrankungen auslöste. Ein hartes Los hatte vor allem auch der Nachwuchs. Maria Theresia ließ zwar ein Schulhaus errichten. "Alle hier wohnenden Kinder sollten von einem von der Fabrik bezahlten Schulmeister in Lesen, Schreiben und Rechnen unterrichtet werden." Daneben mussten sie aber arbeiten. Die Regentin war überzeugt, dass dies vor "einem liederlichen Lebenswandel" bewahre, schreibt Gemeine-Mitglied Sigmund.

Die zuvor zitierte Tüftlerin Mag. Michner zur geistlichen Betreuung: "Sogar eine eigene Kirche hat Maria Theresia den Bewohnern bauen lassen". Die Hoffnung war wohl, dass "so ein Prachtstück . . . die eingewanderten Protestanten vielleicht doch noch mit barocker Glaubensfreunde erfüllen" könnte.

Zeitreisende Mag. Michner ergänzt, dass seit dem Jahr 1986 das ehemalige Werksgelände (Betrieb bis 1930) unter Denkmalschutz steht. "Leider sind einige Teile nicht mehr erhalten, so etwa das eigentliche Fabriksgebäude".

P.S. Die noch vorhandenen Strukturen sowie das geistige Erbe werden vom und im Nadelburgmuseum in Lichtenwörth verwaltet. Dieses kann von April bis Oktober nach Voranmeldung (Tel. 02622/21414 od. info@nadelburgmuseum.at) besichtigt werden. Näheres auf nadelburgmuseum.at.

Zusammenstellung dieser Rubrik: Barbara Ottawa

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-03-03 10:27:08
Letzte Änderung am 2017-03-03 13:15:01



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