• vom 04.05.2017, 15:30 Uhr

Gemeine


Zur Geschichte Istanbuls

Blutvergießen am Goldenen Horn




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  • Konstantinopel 1203/1204 von Kreuzrittern, 1453 von den Osmanen geplündert.
  • Atatürk verlegte Hauptstadt 1923 nach Ankara.

Panorama der Stadt, die nun Istanbul heißt; r.: türkische Damen; beides 19. Jh. - © Bilder: Views in the Ottoman... (1810)/Archiv

Panorama der Stadt, die nun Istanbul heißt; r.: türkische Damen; beides 19. Jh. © Bilder: Views in the Ottoman... (1810)/Archiv

Sie hätten es sich nicht träumen lassen, dass es in der ganzen Welt eine so reiche Stadt gebe, als sie die hohen Mauern, die reichen Türme und Paläste und die hohen Kirchen erblickten . . ." So beschrieb ein Augenzeuge einst das Erstaunen der Eroberer, als ihr Ziel vor ihnen auftauchte. Und ein anderer berichtete: "Unter Trompetengeschmetter und mit gezogenen Säbeln gingen sie daran, Häuser und Kirchen auszuplündern . . . Die ganze Stadt war nichts als Verzweiflung, Tränen, Geschrei und Gestöhn."

Die Rede ist von Konstantinopel, das 1203 und erneut 1204 durch Kreuzfahrer eingenommen wurde. Diesem sowie weiteren Einschnitten in der Geschichte der Metropole, die seit 1930 Istanbul heißt, ging die Gemeine anlässlich einer Spezialnuss nach (KARTEN GELESEN, Nro. 367). Eine Einführung zur "Stadt mit den vielen Namen an der Schnittstelle zwischen europäischem Balkan und Kleinasien" gibt Mag. Hermann Hayn, Maria Enzersdorf: Einst war es "eine von hunderten griechisch dominierten Städten rund um Mittelmeer, Ägäis und Schwarzes Meer". Im 4. Jh. fiel Konstantin (röm. Kaiser 306- 337) "die strategisch unschlagbare Lage . . . auf." In der Folge wurde das ehemalige Byzanz als Konstantinopel "neue Reichshauptstadt" und "massiv ausgebaut".

Christen gegen Christen

Zur bereits erwähnten Einnahme der Metropole am Beginn des 13. Jh.s kommt Dr. Harald Jilke, Wien 3: Das eigentliche Ziel des Kreuzzuges war "die Eroberung Ägyptens", damals Zentrum der islamischen Macht; stattdessen wandte man sich aber - "gänzlich dem Kreuzzugsgedanken zuwider" - gegen "das christliche Konstantinopel". Dies sollte zu einer noch stärkeren "Spaltung von griechisch-orthodoxem Osten und römisch-katholischem Westen" führen.

Eroberung Konstantinopels 1204.

Eroberung Konstantinopels 1204.© Gemälde (Ausschn.): Tintoretto, um 1600 Eroberung Konstantinopels 1204.© Gemälde (Ausschn.): Tintoretto, um 1600

Wie konnte es dazu kommen? "Der 4. Kreuzzug sollte das 1187 . . . untergegangene Kreuzfahrerkönigreich Jerusalem wieder gewinnen, aber man hatte Probleme mit der Anreise", merkt augenzwinkernd Nussknacker Mag. Hayn an; "Treffpunkt der Teilnehmer" war Venedig. "Die Venezianer waren bereit, die Kreuzfahrer nach Ägypten zu bringen (dort wollte man eine Basis schaffen, um . . . auf Palästina vorzurücken), aber nur gegen Bares. Daran fehlte es den Rittern."

Auf Initiative der Venezianer zogen die Kreuzfahrer Richtung Konstantinopel und überfielen auf dem Weg zunächst das christliche Zara (heute Zadar). Venedig hatte ein Interesse daran, Konstantinopel als Mitbewerber im Orienthandel zu schwächen.

Brigitte Schlesinger, Wien 12: Die Plünderung Konstantinopels "dauerte drei Tage. Viele Einwohner wurden getötet, Kunstwerke vernichtet oder . . . über ganz Europa zerstreut, Bibliotheken niedergebrannt." Klaus-Peter Josef, Tulln: Nach der Eroberung kam es "zur Errichtung des Lateinischen Kaiserreichs (1204)." Dessen Ende, so MedR DDr. Othmar Hartl, Linz, brach jedoch schon 1261 herein, als Michael VIII. (Byzantinerkaiser 1259-1282) Konstantinopel eroberte.

Osmanen auf Vormarsch

Wie bereits erwähnte Zeitreisende Schlesinger feststellt, folgten "nun etwa 200 Jahre, die man als Atempause vor dem endgültigen Niedergang des Reiches . . . bezeichnen kann."

Zum unaufhaltsamen Vorstoß der Osmanen informiert Tüftler DDr. Hartl: Auf dem Gebiet der heutigen Türkei eroberten sie "1326 Bursa und 1330 Nikäa (jetzt Iznik, Anm.), setzten 1354 nach Europa über und machten Adrianopel (nun Edirne, Anm.) 1365 zu ihrer Hauptstadt."

"Mehmet II., später "der Eroberer"" (1432-1481) ging "an die Zerstörung Konstantinopels, "der längst wankenden Vormauer Europas"", so Dr. Alfred Komaz, Wien 19; er rückte mit einer "zahlenmäßig weit überlegenen Armee" an. "Die Belagerung begann am 6. April 1453." Die Mauern, die vor "Erfindung des Schießpulvers als uneinnehmbar gegolten hatten, hielten der türkischen Artillerie stand". Außerdem "konnten die türkischen Schiffe wegen der Absperrung des Goldenen Horns", also einer Bucht des Bosporus, durch gewaltige Eisenketten nicht einfahren. Doch "das Schicksal der Stadt war . . . besiegelt", als Mehmet die "Schiffe auf hölzernen Rollen über einen Hügelzug . . . ziehen und . . . die dortigen Mauern beschießen" ließ. "Am 53. Tag der Belagerung, also dem 29. Mai 1453", wurde die Stadt "erstürmt und . . . geplündert."

Herbert Beer, Wolfpassing: "Die Eroberung Konstantinopels besiegelte den Untergang des Byzantinischen Reiches und markiert zugleich den endgültigen Aufstieg des Osmanischen Reiches zur Großmacht."

Atatürks Reformen

Einen Sprung ins 20. Jh. und damit zum Ende des Osmanischen Reichs macht Neo-Zeitreisender DI Karl Zlabinger, Höflein/Donau (willkommen im Tüftlerkreis!); er nennt das Jahr, in dem Konstantinopel seinen Status als Hauptstadt abgeben musste: 1923, dem Jahr, in dem die Republik ausgerufen und Mustafa Kemal Pascha (1881-1938), später Atatürk genannt, deren Präsident wurde. Seitdem, so Ernst W. Wegerth, Mödling, ist "Angora . . . Hauptstadt" des Landes. Die anatolische Metropole, die bis 1930 als Engürije bekannt war, heißt heute Ankara.

Auf einige der Reformen Atatürks geht Christine Sigmund, Wien 23, ein: "Abschaffung der Polygamie, . . . Befreiung der Frau von den sozialen Fesseln, Unterdrückung der religiösen Orden, . . . Einführung des lateinischen Alphabets anstelle des arabischen."

Volkmar Mitterhuber, Baden, fährt fort: "Die islamische Kleiderordnung wurde aufgehoben, das Tragen des Fez verboten und der Schleier verpönt. Eine neue Gesetzgebung löste das islamische Recht ab und übernahm weitgehend Vorschriften aus dem Schweizer Zivil-, dem italienischen Straf- und dem deutschen Handelsrecht."

"Trotz aller positiven . . . Maßnahmen" möchte Gesandter i.R. Dr. Josef Litschauer, Wien 10, auch das "autokratische Vorgehen Atatürks und seine harte Haltung gegenüber Oppositionellen (zahlreiche Todesurteile . . .)" erwähnen. "Ein funktionierender Parteienpluralismus entwickelte sich erst nach seinem Ableben."

Einen Blick in die Gegenwart wirft zuletzt Gerhard Toifl, Wien 17, der eine "Rücknahme der Reformen durch Erdogan" sieht.

P.S. Der Buchpreis geht an Ernst W. Wegerth - herzlichen Glückwunsch!

Zusammenstellung dieser Seite: Andrea Reisner





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-05-03 16:57:09
Letzte nderung am 2017-05-03 17:35:01



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