• vom 04.08.2017, 12:00 Uhr

Gemeine


Frauenbildung

Furcht vor weiblicher Concurrenz




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  • Ab 1868 gab es Mittelschulen auch für Mädchen.
  • Die Uni Wien öffnete erst 1897 die Tore für Frauen.
  • Zur Orchidee der Nro. 372.

Chemieunterricht im Frauen-Erwerb-Verein. Mitgründerin Marianne Hainisch (1839-1936). - © Foto: Wr. Stadt- und Landesarchiv

Chemieunterricht im Frauen-Erwerb-Verein. Mitgründerin Marianne Hainisch (1839-1936). © Foto: Wr. Stadt- und Landesarchiv



Schülerinnen aus allen Bildungsschichten konnten erst ab 1869 Lehrerinnen werden.

Schülerinnen aus allen Bildungsschichten konnten erst ab 1869 Lehrerinnen werden.© Bild: Archiv. Repros und Kolorierung: Philipp Aufner Schülerinnen aus allen Bildungsschichten konnten erst ab 1869 Lehrerinnen werden.© Bild: Archiv. Repros und Kolorierung: Philipp Aufner

Am 21. Dezember 1867 wurde im Staatsgrundgesetz das Recht auf Bildungsfreiheit verankert. Christine Sigmund, Wien 23, zitiert daraus: "Es steht Jedermann frei, seinen Beruf zu wählen und sich für denselben auszubilden, wie und wo er will." Doch die Umsetzung stockte - vor allem für Frauen. Das Grundgesetz wurde "einfach ignoriert", so die Tüftlerin.

Den steinigen Weg, den Frauen zurücklegen mussten, um ihren Wissensdurst zu stillen, verfolgte die Gemeine anlässlich der Orchidee der Nro. 372.

Mit einem "Sprung über mehr als zwei Jahrhunderte" startet Dr. Helmut Zemann, Kaisersdorf, indem er die 1774 erlassene "Maria-Theresianische Schulordnung" anspricht.

Bekanntlich handelte es sich dabei um die "Allgemeine Schulordnung" für sämtliche k.k. Erblande. Drei Arten von Unterrichtsstätten wurden festgelegt: Trivialschulen (ein- oder zweiklassig, v.a. in Pfarrorten), Hauptschulen (dreiklassig, in größeren Städten und an Klöstern) und Normalschulen (vierklassig, eine pro Provinzhauptstadt zur Lehrer-Ausbildung).

Lehrerin mit Eheverbot

Der Zugang zu höheren Bildungseinrichtungen blieb Frauen hierzulande lange Zeit verwehrt.

Der Zugang zu höheren Bildungseinrichtungen blieb Frauen hierzulande lange Zeit verwehrt.© Bild: Archiv Der Zugang zu höheren Bildungseinrichtungen blieb Frauen hierzulande lange Zeit verwehrt.© Bild: Archiv

Geschichtsfreund Dr. Zemann schlug nach: Eine für "Mädchen weiterführende Bildung war nur in der bürgerlichen Oberschicht möglich." Erziehung kam jungen Frauen "lange Zeit fast ausschließlich in privaten Höhere-Töchter-Schulen" zu. "1838 existierten in Wien 13 Privaterziehungsinstitute." Im Gegensatz dazu gab es bis "1869 ... im Bereich des öffentlich-weltlichen Schulwesens nur zwei Anstalten, in denen Mädchen nach dem 12. Lebensjahr noch Unterricht erhalten konnten": das "1775 gegründete k.k. Offizierstöchter-Erziehungs-Institut in Hernals sowie das von Kaiser Joseph II. 1786 eingerichtete k.k. Zivil-Mädchen-Pensionat". Absolventinnen dieser Schulen konnten Erzieherinnen werden, wobei "nur Töchter von Staatsbeamten bzw. Offizieren aufgenommen wurden ... Erst 1812 begründete die "Gesellschaft adliger Frauen zur Beförderung des Guten und Nützlichen" in Wien eine "Kunst- und Industrieschule für Arbeiterinnen"".

1848, so Ing. Helmut Penz, Hohenau/March, erfolgte die "Schaffung eines Ministeriums des öffentlichen Unterrichts". Jedoch: "Alle Arten von Fach- oder Mittelschulen waren Mädchen verschlossen." Harry Lang, Wien 12: Erst 20 Jahre später, "ab 1868, . . . gab es Mittelschulen für Mädchen", also Handelsschulen.

Staatliche Lehrerinnen-Bildungsanstalten kamen 1869. Dr. Alfred Komaz, Wien 19, fügt an: "Da diese Schulen kostenlos waren, hatten sie regen Zulauf auch von Frauen, die nicht den Lehrerinnenberuf, sondern "nur" mehr Bildung anstrebten. Im übrigen verdienten Lehrerinnen nur 80% des Gehalts ihrer männlichen Kollegen. Begründung: Sie hatten ja keine Familie zu ernähren."

MedR DDr. Othmar Hartl, Linz, hörte als Kind von weiteren Tücken: "Ich erinnere mich, dass ich als kleiner Bub erstaunt war, als zwei Lehrerinnen ... meine Großeltern" besuchten und meinten, "nicht heiraten zu dürfen." Dazu gibt Geschichtsfreund Dr. Komaz Auskunft: "Im Falle ihrer Verheiratung" mussten sie "aus dem Schuldienst ausscheiden und verloren alle ihre bis dahin erworbenen Rechte (Pension . . .)". Regional wurden diese Vorschriften jedoch unterschiedlich gelebt und bisweilen durch Landesgesetze ergänzt und aufgeweicht.

Verein schreitet zur Tat

1871, so Dr. Albert Axmann, Wien 23, errichtete der Frauen-Erwerb-Verein eine "4-klassige" Höhere Schule für Mädchen. Dass weibliche Bildung nicht nur Anklang fand, verdeutlicht der "Spottname: "Frauenverderbsverein"".

Eine tragende Rolle bekleidete dabei Marianne Heinisch, langjährige Präsidentin des Bundes österreichischer Frauenvereine. Ihr Anliegen war es, bürgerliche Mädchen auf das Erwerbsleben vorzubereiten.

Handlungsbedarf dafür schuf die Wirtschaftskrise. Der "Schwarze Freitag" 1873 führte dazu, dass auch bürgerliche Frauen zum Haushaltskonto beitragen mussten - ein Dilemma, da ihre Erziehung für den Broterwerb wenig nutzte. Zudem waren Frauen seit den 1860er-Jahren in der demographischen Überzahl. Die traditionelle "Versorgungsinstitution" Ehe reichte nicht mehr aus.

Folglich, so Alice Krotky, Wien 20, beschränkte sich der Verein "auf wirtschaftliche Ziele und Vermehrung der Erwerbsmöglichkeiten für Frauen".

Dr. Karl Beck, Purkersdorf: "1873 kaufte der Wiener Frauen-Erwerb-Verein durch Spendengelder das Haus in der Rahlgasse 4" (Wien 6) und verlegte die Schule an diese Adresse. Dabei wurde aber noch nicht die "Angleichung der Mädchenbildung an die Knabenbildung ... angestrebt." Dazu "gründeten Marie Boßhardt von Demerghel, Editha Mautner von Markhof und Marie Schwarz 1888 den "Verein für erweiterte Frauenbildung"". Ziel "war die Errichtung vollwertiger Mädchenmittelschulen sowie die Durchsetzung des Hochschulstudiums für Frauen."

Ing. Alfred Kaiser, Purkersdorf, benennt auch einen Haken an den Lehranstalten des Vereins: "Das Schulgeld war sehr hoch, deshalb war der Unterricht nur Mädchen aus wohlhabenden Kreisen zugänglich." Herbert Beer, Wolfpassing, weiter: Erst "1900 wurden Mädchenmittelschulen in Form von Mädchenlyzeen ermöglicht."


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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-08-03 11:09:14
Letzte ─nderung am 2017-08-03 11:59:19



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