• vom 02.09.2017, 06:00 Uhr

Gemeine


Erste Vatikanische Konzil

Nach seiner Façon selig werden...




  • Artikel
  • Lesenswert (1)
  • Drucken
  • Leserbrief





  • 1870 regte sich Widerstand unter Katholiken.
  • Protestanten und Unitarier kämpften lange Zeit um Anerkennung.

Streng beäugt wurde das Erste Vatikanische Konzil (1869-1870) unter anderem von dem Steyrer Geistlichen und vehementen Kritiker der römisch-katholischen Kirche Alois Anton (r., 1822-1878). - © Bilder: Illustrirtes Wiener Extrablatt 1872 (r.), Archiv. Repros: M. Szalapek

Streng beäugt wurde das Erste Vatikanische Konzil (1869-1870) unter anderem von dem Steyrer Geistlichen und vehementen Kritiker der römisch-katholischen Kirche Alois Anton (r., 1822-1878). © Bilder: Illustrirtes Wiener Extrablatt 1872 (r.), Archiv. Repros: M. Szalapek

In präzisem Latein schallten am 18. Juli 1870 während des Ersten Vatikanischen Konzils folgenreiche Worte durch den Petersdom: "Romanum Pontificem, cum ex Cathedra loquitur ..."; zu deutsch: Wenn der "Römische Papst in Ausübung seines Amtes spricht ...", dann - so heißt es weiter - ist er, aufgrund des göttlichen, ihm durch Petrus "verheißenen Beistandes", unfehlbar. Daher sollen seine "Entscheidungen ... aus sich selbst, nicht aber erst durch die Zustimmung der Kirche, unabänderlich" sein.

Dieses neu beschlossene Dogma rief Diskussionen, Widerspruch, aber auch Zustimmung in den eigenen Reihen hervor. Die Gemeine beschäftigte sich u.a. mit dem Thema anlässlich der Spezialnuss zur "Religionskarte von Österreich" aus ca. 1910, die im Dezember 2016 in der Rubrik KARTEN GELESEN abgedruckt war.

Protest gegen die ausgerufene Unfehlbarkeit des Papstes kam etwa aus München vom Theologen und Historiker Ignaz Ritter von Döllinger (1799-1890), der sich gegen die Beschlüsse des Konzils aussprach. Von der römisch-katholischen Kirche 1871 exkommuniziert, half er das altkatholische Glaubensbekenntnis, das von Rom nicht anerkannt wurde, zu initiieren.

Habsburgische Reaktionen recherchierte Dr. Manfred Kremser, Wien 18: "Am 30. Juli 1870 löste Kaiser Franz Joseph (reg. 1848-1916, Anm.) das 15 Jahre zuvor geschlossene Konkordat mit dem Vatikan auf." Dem zugrunde lag der Beschluss beider Parlamentskammern Cisleithaniens, also Abgeordnetenhaus und Herrenhaus. In dem Vertrag aus 1855 war Rom erheblicher Einfluss auf Unterricht und Eheschließungen zugesichert worden. Begründung für die Auflösung war, "dass einer der Vertragspartner ein anderer, nämlich ein unfehlbarer, geworden sei."

Beichtstuhl vor Gericht

Zeitreisender Dr. Kremser nennt außerdem den Priester Alois Anton (1822-1878), der "auf Reformen der römisch-katholischen Kirche drängte". Der Steyrer und Gesinnungsgenosse Döllingers war u.a. journalistisch tätig. "1869 verzichtete er auf seine geistliche Funktion und ging nach Wien-Penzing ... Anton regte eine "romfreie Kultusgemeinde" in Wien an".

1871 hielt Anton in der ihm zur Verfügung gestellten Salvatorkirche, der Kapelle des damaligen Rathauses (das bis 1883 in der Wipplingerstr., Wien 1, bestand), den ersten altkatholischen Gottesdienst ab.

Es folgten Auseinandersetzungen, die etwa das "Illustrirte Wiener Extrablatt" 1872 umfangreich ausbreitete. Anlass für die Berichte war ein Prozess. Die Anklage: Herabwürdigung der Ohrenbeichte (Sündenbekenntnis im Beichtstuhl) durch einen Artikel Antons.

Akribisch wurde über das Verfahren informiert: Anton wird in seiner Verteidigungsrede zum Beichtstuhl, den "in ewiges Geheimniß gehüllten Sündenkasten", fortwährend unterbrochen. Der Angeklagte schlägt sich wacker und betont, sich nicht gegen die Beichte, sondern gegen "Uebelstände und Mißbräuche" zu richten. Darunter: "gewinnsüchtige Ausbeutung", wenn gegen Bares Absolution erteilt werde; "daß der Beichtvater unumschränkt ist in seiner Gewalt, in seinem Urtheile"; zudem haben sich "Beichtstuhl und Kanzel ... als ein Agitationsmittel erwiesen, welches unter dem Deckmantel der Religion politischen Zwecken ... dient".

Überzeugte der Reformer die Geschworenen? Ja. Das Urteil "lautete einstimmig auf: Nichtschuldig!"

Auch die altkatholische Kirchengründung verbuchte Erfolge. Tüftler Dr. Kremser dazu: Nach "Konflikten und Verzicht auf Vermögen der römisch-katholischen Kirche kam es 1877 zur staatlichen Anerkennung der altkatholischen Kirche in Österreich. 1879 wurde bereits die erste Synode (= Kirchenversammlung, Anm.) abgehalten". Die Beschlüsse: Gottesdienste auf Deutsch statt Latein, Bußandachten statt Ohrenbeichte und kein Zölibat.

Gelehrte Protestanten

Szenenwechsel zu einer anderen christlichen Gemeinschaft und ihrem Stand an der Hochschule: Nach der Gründung der Universität Wien 1365 kam 1384 eine theologische Fakultät.

Protestanten fassten dort jedoch erst Jahrhunderte nach Luthers Thesenverkündung 1517 Fuß. Hilfe brachte, so Herbert Beer, Wolfpassing, "die von Ger(h)ard van Swieten im Auftrag Maria Theresias 1749-1757 durchgeführte Universitätsreform ... Protestanten konnten ab 1778 akademische Grade erwerben". Das Prinzip der freien Wissenschaft kam "mit dem Staatsgrundgesetz von 1867" (siehe dazu S. III). Das brachte v.a. der philosophischen Fakultät Vorteile. "1850 wurde eine Evangelisch-Theologische Fakultät" als gesonderte Einrichtung etabliert. Teil der Universität wurde sie erst nach dem Ersten Weltkrieg.

Jahrzehnte verstrichen, bevor weitere Zugeständnisse kamen. Dr. Karl Beck, Purkersdorf, schlug nach: Mit dem sogenannten Protestantengesetz vom 6. Juli 1961 "wurde in § 15 Abs. 1 Folgendes geregelt: Für die wissenschaftliche Ausbildung des geistlichen Nachwuchses sowie zum Zwecke der theologischen Forschung und Lehre ist der Bestand der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien mit mindestens sechs 'Lehrkanzeln'" vom Bund zu sichern.

Werbung
weiterlesen auf Seite 2 von 2




Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)


Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-08-30 16:09:06
Letzte nderung am 2017-08-31 12:07:44



Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. "Morgen kommt der Schwed’. . ."
  2. Rätsel ums Rad und Lob des Autors
  3. Finstere Stunden an der Ostküste
  4. Glaube, Strafe, Hoffnungslosigkeit
  5. Wundersames aus der Brigittenau
Meistkommentiert
  1. Ein Pflanzentrunk statt Aderlass
  2. Glaube, Strafe, Hoffnungslosigkeit
  3. Wo Karl VI. zu Mittag aß
  4. Wundersames aus der Brigittenau
  5. Ein Ross auf Schiene

Werbung





Werbung


Werbung