• vom 31.08.2017, 09:30 Uhr

Gemeine


Universitäten

Deutsch als Lingua franca gekippt




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  • 1913/14 hatten k.k. Universitäten 28.000 Studierende.
  • Gelehrt wurde auf Deutsch, Polnisch, Tschechisch und auch Ruthenisch.
  • Zur Zusatzorchidee der Nro. 372

Czernowitz war ab 1875 Universitätsstadt (r. o. sowie Stadtansichten unten). Links oben die Wiener Universität um 1900. 

Czernowitz war ab 1875 Universitätsstadt (r. o. sowie Stadtansichten unten). Links oben die Wiener Universität um 1900. © Bilder: Th. Knapp, Czernowitz, 1870/Ansichtskarten ca. 1900. Repros: Moritz Szalapek Czernowitz war ab 1875 Universitätsstadt (r. o. sowie Stadtansichten unten). Links oben die Wiener Universität um 1900. © Bilder: Th. Knapp, Czernowitz, 1870/Ansichtskarten ca. 1900. Repros: Moritz Szalapek

Mit zurechtgerückter Brille und angeknipster Leselampe (oder wie anno dazumal brennendem Kerzenstumpf) vertieft sich der Bücherwurm in die ausgewählte Lektüre. So manchem erscheint dieses Verhalten vielleicht sonderbar, nicht so im Geschichtsfeuilleton - hier gesellt man sich gern dazu und schließt sich Lesefreudigen an. Ganz dem Wälzen von Büchern verschreibt sich auch eine Bildungsstätte, für die die Gemeine ihre Nasen in papierene und digitale Seiten steckte. Grund dafür bot die Zusatzorchidee der Nro. 372 zum Thema Universitäten um 1914 in Cisleithanien, also der Reichshälfte diesseits der Leitha.

Dr. Karl Beck, Purkersdorf, nennt eine damals schon Jahrhunderte bestehende Bildungseinrichtung: 1365 wurde "die Alma mater Rudolphina Vindobonensis", die Universität Wien, gegründet. Volkmar Mitterhuber, Baden, führt fort: Auch in den 1914 "zu Österreich-Ungarn gehörenden Städten Krakau und Lemberg gab es hohe Bildung: In Krakau war dies die 1364 gegründete ... Universität und in Lemberg (Galizien; heute Lwiw, Ukraine) die 1661" eingerichtete hohe Schule. In letzterer war die Universitätssprache lange Zeit Polnisch, dann unter habsburgischer Herrschaft Deutsch. Erst ab ca. 1871 waren Vorlesungen wieder in Polnisch und Ruthenisch (Ukrainisch) vorgesehen.


Als alte Universitätsstädte notiert Franz Kaiser, Wien 11, zudem Graz (Karl-Franzens-Universität, gegr. 1585) und Innsbruck (Leopold-Franzens-Universität, gegr. 1669). Michael Chalupnik, Sieghartskirchen, ergänzt Prag (Karls-Universität, gegr. 1348): Dort wurde in zwei Sprachen gelehrt, nämlich auf Deutsch und Tschechisch. Hintergrund dazu: Vor 1880 gab es Proteste gegen Deutsch als einzige Unterrichtssprache. Dr. Manfred Kremser, Wien 18, erwähnt "nationale Konflikte ... in den letzten Jahren" der Monarchie: In Studentenverbänden waren "Schlägereien so häufig, dass sie fast schon an der Tagesordnung standen. Im Jahr 1882 kam es in Prag zur Trennung der Universität" in eine deutsche und eine tschechische Institution.

Gesandter i.R. Dr. Josef Litschauer, Wien 10, wendet sich einem Spezialfall zu, nämlich einer in der k.u.k. Zeit eigentlich nicht existenten hohen Schule: Die 1622 gegründete Salzburger Universität "war 1810 aufgelöst und erst 1962 wieder errichtet worden". In der Zwischenzeit bestand die Katholisch-Theologische Fakultät.

Ing. Helmut Penz, Hohenau/March, blickt nach Süden: "Bis zur Abtretung der Lombardei (1859) und Venetiens (1866) gab es ... berühmte italienischsprachige Universitäten in der Habsburgermonarchie, z.B. in Padua."

Folgen von Königgrätz
Ein hervorragendes Gedächtnis beweist Dr. Alfred Komaz, Wien 19, der sich an alte Ausgaben der Zeitreisen zum Thema Bildung erinnerte. Der Tüftler blätterte zurück ins Jahr 2012 und wurde in Nro. 313 (Juli) sowie Nro. 316 (Oktober) fündig: Demnach gab es 1913 "in der gesamten Monarchie zehn Universitäten, davon allerdings drei, nämlich Budapest, Klausenburg (Cluj-Napoca, Rumänien, Anm.) und Agram (nun Zagreb, Anm.), in der ungarischen Reichshälfte. An den sieben Universitäten in Cisleithanien" (ab 1882 acht, wenn die beiden Prager Institutionen einzeln gezählt werden) herrschte bis Mitte des 19. Jh.s Deutsch als Unterrichtssprache vor. 1846 wurde Krakau "der Habsburgermonarchie einverleibt". Danach wurde die Uni "germanisiert", dann 1866 (Niederlage der Habsburger gegen Preußen bei Königgrätz) "polonisiert". Ab 1870 sollte dann nur mehr auf Polnisch gelehrt werden. Ausnahme: Vorlesungen über deutsche Sprache und Literatur.

Die jüngste Universität nennt Gerhard Toifl, Wien 17: "Die Nationale Jurij-Fedkowytsch-Universität Czernowitz" (heute Ukraine). Diese entstand "1875 als Franz-Josephs-Universität ... im östlichsten Kronland Österreichs" (Bukowina, seit 1774 Teil der Monarchie). Dazu Brigitte Schlesinger, Wien 12: Nach 1866 "wollte Habsburg seine Macht im Osten zeigen und mit Czernowitz ein Gegengewicht zur Kaiser-Wilhelms-Universität im westlichen Straßburg schaffen." Constantin "Tomaszczuk, erst 35 Jahre alt ..., wurde erster Rektor. ... Um den internationalen Rang "seiner" Universität zu sichern, setzte er Deutsch als Lehrsprache durch".

Nationen und Sprachen
Einen besonderen Schatz hob Dr. Helmut Zemann, Kaisersdorf: Die Schrift "Österreichs Universitäten 1863/4-1902/3" von Ernst Pliwa aus 1908, die reichlich statistisches Material bietet. So lag 1902f an den Universitäten Cisleithaniens der Anteil jener Kommilitonen aus Territorien, in denen nicht überwiegend deutsch gesprochen wurde (Krain, Küstenland, Böhmen, Mähren, Schlesien, Galizien, Bukowina und Dalmatien), bei über 70 Prozent. Wobei an der deutschsprachigen Universität in Czernowitz über 95 Prozent der cisleithanischen Studierenden aus Galizien und der Bukowina kamen. Der Anteil aus anderen Ländern (v.a. Ungarn, Kroatien und Slawonien sowie Russland), lag für alle cisleithanischen Universitäten bei etwa neun Prozent.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-08-30 16:12:18
Letzte ─nderung am 2017-08-30 16:39:50



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