• vom 05.10.2017, 16:30 Uhr

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Cholera in Wien

Die Angst vor einer neuen Pest




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Einen Teil der Missstände versuchte man ab 1832 zu beseitigen, wie Maria Thiel, Breitenfurt, recherchierte: Zur Regulierung wurden "entlang des Wienflussufers . . . sogenannte Cholerakanäle gebaut. 1841 konnte die Kaiser-Ferdinands-Wasserleitung zum Teil in Betrieb" gehen. "Allerdings war die Anlage dem rapid ansteigenden Verbrauch nicht gewachsen, sodass es neuerlich . . . Erkrankungen gab."

Eine weitere Seuchenwelle erreichte Wien 1866. Zwei Jahre zuvor war der "Bau der Ersten Hochquellwasserleitung" für die Stadt beschlossen worden, ergänzt Tüftlerin Thiel. Sie sollte jedoch erst im Oktober 1873 einsatzfähig sein.

Herbert Beer, Wolfpassing: "Bei den Epidemien von 1866 und 1873 starben . .. zunehmend nur noch Personen . . . in Stadtteilen mit schlechter Trinkwasserversorgung und Abwasserbeseitigung". MedR DDr. Othmar Hartl, Linz, liefert Statistik: "Insgesamt kosteten . . . 1831 bis 1873 Cholera-Epidemien ca. 18.000 Wienern das Leben." Weitere Hygienemaßnahmen notieren Mag. Luise & Ing. Konrad Gerstendorfer, Deutsch-Wagram: "Die Wiener Gesundheitsbehörden setzten ab den 1860ern verstärkt auf chemische . . . Mittel." Ing. Helmut Penz, Hohenau/March, ergänzt: "Desinfektion öffentlicher WC-Anlagen und Kanäle mit roher Karbolsäure, schwefelsaurem Kalk, Eisenvitriol."

Einen Nebenpfad zu Justus von Liebig (siehe auch Seite III) fand DI Wolfgang Klein, Wien 21: Liebig verabreichte 1853 seinen "konzentrierten Fleischtrank" einem an Cholera erkrankten Mädchen. Dieses erholte sich bald. "Liebig veröffentlichte das Rezept . . . unter dem Titel "Eine neue Fleischbrühe für Kranke"."

Tourismus-Debakel
Neben der menschlichen Tragödie hatten die Cholera-Epidemien immer auch weitreichende wirtschaftliche Auswirkungen. Besonders jedoch im Jahr 1873.

Prof. Brigitte Sokop, Wien 17, mit Details: Ab Mai "war Wien . . . Mittelpunkt der Welt". Grund war die Weltausstellung im Prater. "Der Fremdenverkehr nahm einen ungeahnten Aufschwung. Schon deshalb musste die im Juli ausgebrochene Cholera-Epidemie bagatellisiert werden . . . Zeitungen berichteten zwar regelmäßig, aber nie in großer Aufmachung".

Die liberale "Morgen-Post" echauffierte sich im Juli 1873: "Man dürfe nicht über die Cholera sprechen, damit die Weltausstellung nicht Schaden erleide."

Christine Sigmund, Wien 23, gibt zu bedenken: Für die Errichtung der Rotunde und anderer Gebäude für die Ausstellung "gab es viele Massenquartiere . . ., Zimmer wurden ... doppelt vermietet, so konnten die Tag- und Nachtschichtler einen Schlafplatz finden. Von Sauberkeit keine Spur." Die ersten Cholera-Fälle traten 1873 jedoch an einer nobleren Adresse auf, so Gerhard Toifl, Wien 17: im Weltausstellungshotel "Donau". Daraufhin "verließen viele Besucher fluchtartig die Stadt, . . . andere stornierten ihre Buchung." Von 13 Erkrankten starben acht. Das eigens für die Schau errichtete Hotel war eines der größten der Monarchie. Heute ist das Gebäude (Nordbahnstraße 50, Wien 2) Sitz der Bundesbahndirektion.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-10-05 10:46:08
Letzte ńnderung am 2017-10-05 11:06:26



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