• vom 05.10.2017, 16:30 Uhr

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Lebensmittel-Konservierung vor Kühlschrank-Ära

Vom Surfleisch zu Blechbüchsen




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Das rettete Leben, denn Schiffsbesatzungen litten oft unter fatalen Mangelerscheinungen und starben aufgrund der einseitigen Speisepläne u.a. an Skorbut.

Kunst des Patentierens

Apperts Methode rief Begeisterung hervor. Es hieß: Er habe, das Geheimnis entdeckt, die Jahreszeiten anzuhalten und Frühling, Sommer und Herbst in der Flasche weiterleben zu lassen.

Ein Patent erhielt er allerdings nicht, denn er musste, um den Preis einheimsen zu können, sein Verfahren offenlegen. 1810 erschien seine Schrift "Die Kunst des Konservierens jeglicher tierischer und pflanzlicher Substanzen . . ."

Philippe de Girard , wahrscheinlich verkannter Erfinder der Konservendose.

Philippe de Girard , wahrscheinlich verkannter Erfinder der Konservendose.© Bild: Archiv Philippe de Girard , wahrscheinlich verkannter Erfinder der Konservendose.© Bild: Archiv

Das war der Auftakt für die Weiterentwicklung der Konservierung. Dem britischen Lebensmittelwissenschafter Norman Cowell zufolge verfeinerte der Erfinder Philippe de Girard (1775-1845) die Methode Apperts und setzte Blechbehälter ein. Bald führten ihn seine Wege nach London. Doch der Franzose durfte "das Patent in England nicht anmelden, da zu dieser Zeit die beiden Länder miteinander im Krieg waren", wie Brigitte Schlesinger, Wien 12 (Chapeau für tiefgehende Recherchen!), konstatiert. Daher wandte er sich an den britischen Händler französischer Abstammung Peter (Pierre) Durand (1766-1822).

Der Kaufmann begann den Marsch durch die Ämter. Mit Erfolg, so Herbert Beer, Wolfpassing: Er "erhielt am 25. August 1810 ein Patent auf die Konservendose" - vom Erfinder Girard war keine Rede mehr.

Richter i.R. Mag. Peter Michael Rath, Wien 7, zum weiteren Verlauf: Durand verhökerte "das Patent an die Briten Bryan Donkin und John Hall, die daraufhin eine Konservenfabrik gründeten und ihre (bis dahin) einzigartigen Produkte an die britische Armee verkauften" und zwar ab 1818.

Tödliche Verpflegung

Donkin, der sich einen Namen mit der Produktion von Papier gemacht hatte, gründete mit Hall und einem gewissen John Gamble das Unternehmen "Donkin, Hall & Gamble".

Einen Vorteil "dieser Blechkanister" erwähnt Mag. Margaretha Husek, Wien 23: Sie gingen "im Gegensatz zu den Glasflaschen ... auf Feldzügen nicht zu Bruch". Die Zeitreisende erwähnt aber auch eine tödliche Zutat aus der frühen Produktionszeit: "Soldaten, Expeditionsteilnehmer und Robbenjäger, die auf die Dosennahrung angewiesen waren, litten an schleichenden Bleivergiftungen ..., weil die Blechbehälter anfangs noch mit ... Blei verlötet wurden."

Bryan Donkin produzierte ab 1813 haltbare Lebensmittel in großen Mengen.

Bryan Donkin produzierte ab 1813 haltbare Lebensmittel in großen Mengen.© Bild: Archiv Bryan Donkin produzierte ab 1813 haltbare Lebensmittel in großen Mengen.© Bild: Archiv

In der Mitte des 19. Jahrhunderts kam es schließlich zu Fleischskandalen, die den Ruf der Konservenindustrie nachhaltig beschädigten. Verantwortlich dafür waren u.a. Unternehmer, die billig und rasch erzeugen ließen. Unzählige Produkte waren verdorben.

Fertigprodukte für alle

Bald aber fand man in Blech gehüllte Speisen in den Regalen der Läden. Maria Thiel, Breitenfurt: In Mitteleuropa erfolgte "der Durchbruch für konservierte Nahrung ... durch die Warenhäuser, die Konserven seit 1892 einem Massenpublikum anboten." Dennoch setzte sich diese Art der Verpflegung "in Deutschland nicht so stark durch wie z.B. in Großbritannien oder den USA". Grund dafür, so die Zeitreisende, waren höhere Preise, bedingt durch geringere Produktionsmengen. Zudem waren die Erinnerungen an Bleivergiftungen noch lebhaft.

Einer, der früh in das Konserven-Geschäft einstieg, war der in Hessen gebürtige Justus von Liebig (1803-1873). 1847 publizierte er eine Methode zur Gewinnung von Fleischextrakt. Der Chemiker, so Christine Sigmund, Wien 23, "verstand es, aus seinen Erfindungen auch finanziellen Nutzen zu ziehen." Eine großindustrielle Produktion entstand 1863 in Uruguay - qualitativ hochwertiges, aber wegen geringer Arbeiterlöhne billiges, südamerikanisches Rindfleisch kam so auf den europäischen Markt. In wohlhabenden Häusern landete der Fleischextrakt v.a. in Suppen.

Zu einem Konkurrenten mit sozialer Ader kommt Dr. Edwin Chlaupek, Wien 3: "Den Schweizer Mühlenbesitzer Julius Maggi (1846-1912, Anm.) bedrückte die miserable Ernährungslage der Arbeiter ... Nach einigen Experimenten gelang es ihm 1884, aus Leguminosen (Hülsenfrüchten)" Mehl für "Suppen herzustellen, das 1885 dann in großem Stil erzeugt auf den Markt kam. 1886 folgte die Suppenwürze". Der Tüftler zählt weiteres "soziales Engagement" des Unternehmers auf: Kantine, Krankenkasse, Arbeiterwohnungen, Witwen- und Waisenrenten sowie eine Art Betriebsrat.

Auch die weitreichende Produktpalette der Firma Knorr wurde fixer Bestandteil in den Geschäften. Dr. Karl Beck, Purkersdorf, zu den Anfängen: 1838 wurde "von Carl Heinrich Theodor Knorr (1800- 1875) in Heilbronn" ein Gemischtwarenladen eröffnet.

In diesem Jahr, so Ing. Helmut Penz, Hohenau/ March, "erhielt er die Konzession für den Bau einer ... Fabrik für die Herstellung von Kaffeeersatz aus der Wurzel der Zichorie", eine v.a. im Mittelmeerraum verbreitete Pflanze. Gerhard Toifl, Wien 17, setzt fort: "1873 begann die Produktion von Suppenpräparaten aus Hülsenfrüchten, Gemüse und Gewürzen."

P.S. Tüfteleien zur Zusatzorchidee der Nro. 374 zu Frauen auf Fahrrädern folgen u.a. von Prof. Brigitte Sokop, Wien 17, in der nächsten Ausgabe.

Zusammenstellung dieser Seite: Christina Krakovsky


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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-10-05 10:51:13
Letzte nderung am 2017-10-05 11:12:24



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