
Vor langer Zeit lebte in Ottakring der Schlossherr Andre Gwalt mit seiner Frau in völliger Zurückgezogenheit. Nie hatte er Gäste; nie verließ er sein Anwesen, mit einer Ausnahme: Stets besuchten er und seine Gattin die Messe in der Kirche beim Friedhof. Eines Sonntags lauerten ihm Bewaffnete vor dem Gotteshaus auf und entführten ihn. Später, in einer Sturmnacht, sollen Ottakringer am Himmel einen spukhaften Leichenzug ohne Trauernde, aber samt Kutsche mit totem Schlossherrn, erblickt haben. Vom weiteren Schicksal Gwalts hörte man nichts mehr...
Soweit die kurze Wiedergabe einer Sage aus dem Wiener Raum.
Wer wagt den Schluss, der sagenhafte Text sei fast pure Historie? Forscher Richard Perger lieferte 1985 in den "Wiener Geschichtsblättern" Beweise:
- Andre Gwalt kämpfte als Söldner für den Deutschen Ritterorden gegen die Polen. Als kein Sold kam, nahm er mit Komplizen Geld vom Feind und übergab diesem 1457 die Feste Marienburg.
- Gwalt heiratete dann in Wien die Witwe Gundorfer. Bürgerrecht erhielt er nicht.
- Weit vor der Stadt, in Ottakring, kaufte er 1459 den nicht dem Grundherrn des Orts unterstehenden Freihof (Schottenhof, nach 1960 demoliert) und befestigte ihn.

- 1460 saß Gwalt im Verlies von Schloss Rohrau a. d. Leitha; dem Deutschen Orden meldete man, der Verräter harre der Aburteilung.
- 1467 trug man Erben des Freihofs ein - Gwalt war tot!
Man kann sich durchaus noch seinen Reim auf diese Tatsachen machen.
Dass Andre Gwalt in der Donaumetropole nicht zum vollberechtigten Einheimischen erklärt wurde, mag mit Gerüchten über sein Verhalten anno 1457 zusammenhängen. Überdies muss der (notabene vermutlich aus Waidhofen a. d. Thaya stammende) Zuwanderer, der sein schlossartiges Domizil gegen Überfälle rüstete und sich dort verschanzte, wohl gewusst haben, welche Gefahr ihm als einem Verfemten drohte. Auch kann man erahnen, wer dem Treubrüchigen auf den Fersen war - offensichtlich einstige Kameraden, die im Krieg nicht die Seiten gewechselt hatten. Und dass die Führung des Deutschen Ordens dem Vorhaben dieser Haudegen nicht gerade abgeneigt gewesen sein dürfte, liegt auf der Hand.
Die alte Schilderung aus Ottakring ist somit ein Musterbeispiel für eine historisch gut zu belegende wie zu erläuternde Sage. Der Hintergrund etlicher anderer Überlieferungen lässt sich nicht so leicht eruieren.
So stellt der zu Weltliteratur-Ehren gelangte Dr. Faust Wiener Geschichtsforscher vor Rätsel. Das nach ihm benannte Haus in der Floßgasse 7 in der Leopoldstadt, in dem er 1538 gelebt haben soll und das angeblich sein Famulus erbaute, fehlt in Grundbüchern der Zeit. Das Grundstück scheint als unbebaut auf!
Noch größere Geheimnisse ranken sich um andere Sagenfiguren. Nehmen wir das Donauweibchen. Wie ist etwa die Geschichte zu interpretieren, in der die im Strom hausende holde Jungfrau ein Kind beschenkt, das den Vater, einen Schiffer, im Strudengau verlor?

Kenner des Sagenschatzes haben vor allem seit dem 19. Jahrhundert vieles geklärt, für die klare Einteilung der überlieferten Volkserzählungen gesorgt und auf Veränderungen der Texte von Generation zu Generation verwiesen.
Fundament all dieser Arbeiten ist, dass - im Gegensatz zum Märchen - stets effektive Begebenheiten den ersten Anstoß zu den Schilderungen gaben. Genau dieses Faktum macht bis heute den Reiz des Genres aus, in dem einerseits Wunder geschehen, andererseits aber das Historische seinen festen Platz hat. Zauber und Realität mischen sich...
Wie solche Mixtur die Jugend anzieht, wusste man auch vor 50 Jahren, als die Wiener Firma "Werbena" ein Taschenbuch herausbrachte. Titel: "Der Sagenfürst zieht durch das Land". Unter- bzw. Rücktitel: "Österreichischer Kinderkalender". Der imaginäre Fürst schwebte vom Neusiedler See zum Bodensee. U.a. sichtete er im Burgenland ein im See versunkenes Dorf, in Vorarlberg "Fenken" (brave, helfende Wesen) und in Wien im "Schwarzen Adler" den Arzt Paracelsus.
Abschluss des Kalenders: "Die große Überraschung", ein Preisausschreiben, das Urlaube an Stätten der zitierten Sagen in Aussicht stellte. Weiter hieß es, die Gewinner könnten "ihre Namen in (...) der WIENER ZEITUNG vom 17. Februar 1962" erfahren. In dieser "WZ"-Nummer findet man auf Seite 5 eine Anzeige mit dem Vermerk Wir gratulieren!, aus der hervorgeht: Fortuna lächelte einem kleinen Gänserndorfer, einer kleinen Mödlingerin und einen Dritten im Bunde zu, der in Pischelsdorf (Orte dieses Namens gibt es in der Steiermark, in NÖ, OÖ, Salzburg) wohnte.
Ob sich die heute wohl ca. 60 Jahre alten Glückspilze noch an 1962 erinnern?
Man darf es mit Fug und Recht annehmen. Schließlich wird Sagenhaftes nicht so schnell vergessen. Der über Jahrhunderte im Volk weitergegebene Kranz von Sagen beweist es - die uralte Erbschaft wird bis in unsere Tage hochgehalten.
Kopfnuss: Apropos 1457 - wo liegt die Marienburg?
Die Lösung finden Sie auf der nächsten Seite.