• vom 02.03.2012, 07:30 Uhr

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Update: 02.03.2012, 14:26 Uhr

Zeitreisen

Ein Hosenmatz in der k.u.k. Welt




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Von Alfred Schiemer

  • NACHGELESEN - Nicht nur 90 Jahre zurückgeblättert
  • Alphons Petzold, der auch Autor der "WZ" war, zeichnete Familienelend auf.

Wie sah der stets zu Streichen aufgelegte Tyras wohl aus? Es hieß, der kaum erzogene Hund sei ein Neufundländer, doch manches sprach für Promenadenmischung. Des Vierbeiners liebster Freund war ein etwa dreijähriger Bub, dem der Schalk im Nacken saß.

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Und so geschah es Mitte der 1880er-Jahre im Hof eines Wohnhauses in Szeged (Ungarn), dass der Knirps und Tyras beim als Spiel gedachten Kampf um einen Stofffetzen immer mehr in Hitze gerieten. Beide zappelten, zogen, zerrten - und plötzlich lag das Kind in der mit Abwasser und Kot gefüllten Senkgrube.

Einen der Kontrahenten sollte das Unglück das Leben kosten. Denn während der kleine Zweibeiner im letzten Moment vor dem Ertrinken im metertiefen Unrat bewahrt werden konnte, brachte man den angeblich allein schuldigen Hund sofort zum Schlächter.

Der gerettete Dreikäsehoch bekam einen Weinkrampf, als er das Schicksal des von ihm ins Herz geschlossenen Tieres erfuhr.

Die Eltern begriffen diesen Schmerz nicht. Der Vater, der Tyras ans Messer geliefert hatte, drohte dem verzweifelten Sohn mit einer Tracht Prügel. Die Mutter glaubte, ein in Aussicht gestelltes Honigbrot würde alles vergessen machen...

Der Bub aber schluchzte und schluchzte. Irgendwann muss er eingeschlummert sein und die Tränen konnten im Schlaf trocknen.

An Verständnis für den Nachwuchs fehlte es einst oft - in armen wie in reichen Familien; man setzte auf Härte. Die Kinderherzen hingegen sehnten sich nach mehr Geborgenheit.

Materiell ging es dem um den Hund trauernden Kleinen übrigens gut: Vater Petzold wirkte als eine Art Erfinder, er entwickelte ein Spezialmittel gegen Kesselstein. Dieses "Paralithikon Minerale" fand in Ungarn anfangs viel Absatz, daher waren die Petzolds samt dem oft kranken Söhnchen Alphons vom Wiener Vorort Penzing in den Osten der Donaumonarchie gezogen.

Das dort gemietete zweistöckige Haus bot zwar keinen Luxus, doch ließ es sich darin einigermaßen bequem wohnen. Freilich befand sich der Ernährer der Familie meist für Monate auswärts auf Verkaufstour. Die Mutter wirtschaftete zu diesen Zeiten daheim nur mit zurückgelegtem Geld, das zuweilen knapp wurde.

Solange die Geschäftsreisen über Land reiche Ernte einbrachten, machte das nicht viel. Offensichtlich schrumpfte jedoch bald der "Paralithikon Minerale"-Absatz. Die Familie kehrte im Sommer 1887 - Sohn Alphons zählte an die fünf Lenze - in den Raum Wien zurück; ab Budapest erfolgte die Heimfahrt per Dampfer.

Die erste neue Bleibe im Vorort Ober St. Veit (der 1892 Teil der Donaumetropole werden sollte) schien noch etwas Glück zu verheißen. Dann ging es Schritt für Schritt bergab und man zog in ärmere Gegenden bzw. Unterkünfte.

Jahrzehnte später hielt Alphons Petzold als Arbeiterschriftsteller in seiner Autobiographie "Das rauhe Leben" (Erstauflage 1920) diese Tragödie fest. Das Werk ist aber weit mehr als eine persönliche Schilderung, denn das bewegende Buch steht für die Geschichte tausender und abertausender kleiner Leute in der k.u.k. Ära sowie für die begrabenen Hoffnungen der Kinder dieser Menschen.

Konkret verlor der seit der Geburt gesundheitlich angeschlagene Petzold mit der Verarmung seiner Eltern jede Chance, in einem Beruf Fuß zu fassen.

Die Schule enttäuschte den bildungshungrigen Buben; auf dem Stundenplan standen nur Zucht und Ordnung. Die Erlernung eines Handwerks scheiterte - der Vater starb, es galt die kranke Mutter zu erhalten. Alphons Petzold verrichtete Hilfsarbeiten aller Art. So schleppte er in Holzbutten für eine Wäscherei Wasser und holte sich dabei im Winter eine Lungenentzündung.

Wie durch ein Wunder überlebte er. Er überstand noch anderes: Zeitweise obdachlos, übernachtete er im Sammelkanal am Wienfluss!

Selbst als er von Tuberkulose befallen wurde, erlosch sein Lebenswille nicht, besaß er doch ein doppeltes Elixier: Er strebte nach Wissen, lief von einem der damals neuen Volksbildungskurse zum anderen; und er schrieb - er dichtete. 1910 erschien sein erster Lyrikband "Trotz alledem!". Langsam entdeckte man sein Talent. Er publizierte weitere Bücher, jährlich mindestens eines. Das sicherte ihm ein bescheidenes Auskommen, das ihm in seinen letzten Lebensjahren die "Wiener Zeitung" aufbesserte, indem sie ihn 1919 zum ständigen freien Mitarbeiter machte. Der Dichter verfasste für das Traditionsblatt u.a. Literaturkritiken (ganz unten Teilfaksimile aus dem am 11. März 1922 abgedruckten Beitrag Neue Lyrikbücher).

Alphons (auch: Alfons) Petzold starb 1923 im 41. Lebensjahr in Kitzbühel, wohin er wegen seiner Tbc-Erkrankung gezogen war.

Kopfnuss: Wann begann der große Kampf gegen die "Wiener Krankheit" Tbc?

Die Lösung finden Sie auf der nächsten Seite.

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Zeitreisen, Nachgelesen

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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2014
Dokument erstellt am 2012-03-01 15:09:19
Letzte Änderung am 2012-03-02 14:26:16


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