• vom 03.02.2017, 09:00 Uhr

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Kanalprojekte

Lauter Wasserstraßen für Alt-Wien




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Von Alfred Schiemer

  • Zu Schiff ging es einst zur Kaiserstadt und in ihr Weichbild ganz praktisch, rein theoretisch - sowie äußerst kurios.
  • Nicht nur 205 Jahre zurückgeblättert.

Der Wiener Neustädter Kanal (ob.) half 1803ff bei Wiens Versorgung, der Donaukanal (unt.) machte bis 1875 Probleme. R.: Schiffer mit Paraderuder. - © Alle Bilder dieses Artikels: M. Bermann, Maria Theresia und .. Josef II. .., Wien etc. 1881/Aquarelle (Teile) von Josef Wohlmuth (1876), Emil Hütter (1859), Rudolf Haase (19. Jh.)

Der Wiener Neustädter Kanal (ob.) half 1803ff bei Wiens Versorgung, der Donaukanal (unt.) machte bis 1875 Probleme. R.: Schiffer mit Paraderuder. © Alle Bilder dieses Artikels: M. Bermann, Maria Theresia und .. Josef II. .., Wien etc. 1881/Aquarelle (Teile) von Josef Wohlmuth (1876), Emil Hütter (1859), Rudolf Haase (19. Jh.)



Am 12. Februar 1812 wandte sich die "Wiener Zeitung" auf der Titelseite dem Fallen des Wassers in der Donau in den vorangegangenen Wochen zu. Das Sinken hat bis zum 2. d. M. angehalten, hieß es mit Verweis darauf, dass der Wasserspiegel des zwischen der Stadt und der Vorstadt fliessenden Donau-Armes sogar 1 Schuh (=31,6cm) unter dem kleinsten Wasserstand bei der Franzensbrücke lag.

Außerdem schrieb unser Blatt: Ungeachtet der eingetretenen starken Kälte dieses Winters, ist die Donau in der Gegend von Wien, mit Ausnahme des Donau-Kanals, nie ganz mit Eise belegt gewesen. Tief eingefroren war aber auch der Kanal nicht und nach dem nun eingetretenen Thauwetter hob sich auch der Wasserstand.

Das war schade für Spektakel erwartende Wienerinnen und Wiener: Hätte das Eis bis zum Grund des Donaukanals gereicht, wäre nämlich ein Schiff durchdie (Innere) Stadt gefahren!

Wie eine solche Sensation etwa in der Herrengasse oder im Inneren Burghof bewerkstelligt wurde, lässt das blau eingefärbte Bild unten erahnen. Die Darstellung zeigt die "Landfahrt der Schiffknechte" am 26. Januar 1767. Ihr Wasserfahrzeug bewältigte den Weg durch Roßau, Schottentor und Stadt sowie retour.

Skurril, aber wahr: Seeschlacht 1716 bei der Favoritenstraße (l.), Schiff 1767 auf Route durch Stadt und Vorstadt.

Skurril, aber wahr: Seeschlacht 1716 bei der Favoritenstraße (l.), Schiff 1767 auf Route durch Stadt und Vorstadt. Skurril, aber wahr: Seeschlacht 1716 bei der Favoritenstraße (l.), Schiff 1767 auf Route durch Stadt und Vorstadt.

Auf Kufen.

Das seltene Volksfest basierte auf altem Recht, einer "Freiheit" der Schifferzunft: Wenn der Donau-Arm bei der Stadt bis auf den Grund einfror (was vielleicht alle 100 Jahre passierte), durften die Bootsleute ihre Lustfahrt durch die kaiserliche Kapitale antreten.

Wie vor einem Vierteljahrtausend ein Schiff das Schottentor (es stand 1656- 1840 zwischen den heutigen Hausfronten Schottengasse 4 und 5) passierte, ist allerdings längst nicht mehr restlos zu klären; offensichtlich legte man die Masten um. Immerhin wissen wir, wie man einst feierte: Die das Wasserfahrzeug ziehenden Pferde trugen Schellen und Bänder, Spielleute sorgten für Musik und von Bord bekamen Passanten Schmausereien.

François Joseph Maire (1738-1788), Lothringer Ingenieur, präsentierte 21 Jahre nach dem Spaß-Umzug ernsthafte Vorschläge für mehr Schifffahrtsrouten.

Er bewarb 1788 per gedruckter Karte Kanalprojekte. Eine Wasserstraße führte laut Plan von Hietzing bis Laxenburg (von k.k. Schloss zu k.k. Schloss). Eine andere von Purkersdorf (hier neben dem Wienfluss) bis vor das Burgtor und zur Donau - sie hätte Wiens Stadtbild von heute ihren Stempel aufdrücken können: Mit Hafen beim jetzigen Westbahnhof (ab 1859 Umsteigen auf die Schiene!), mit Durchquerung des heutigen 7. Bezirks (Motto: Fahr Boot statt Rad!), mit Hafenbecken beim nunmehrigen Museumsquartier (Durchsage an Bord: Alle MQ-Besucher aussteigen!).

Leider aber waren die alten Wiener nicht mit allen Wassern gewaschen. Ja, sie mieden über Jahrhunderte die Nähe zum Donau-Hauptarm und Schiffskanäle interessierten sie nicht sonderlich. Aus Monsieur Maires Idee wurde nichts.

Ebenso versandete die 1873 angepeilte Kanalisierung der Wien von Purkersdorf bis zur heutigen Urania. Altgediente Mitglieder der Zeitreisen-Gemeine kennen das Projekt ("Meidling, Penzing, Auhof: Schiff ahoi!" titelte das Geschichtsfeuilleton im Juni 2009). Obwohl das k.k. Handelsministerium dem Kanalvorhaben sogar mit einer Konzession für Vorarbeiten entgegenkam, fuhr nie eines der vorgesehenen Schiffe mit 24m Länge, 4m Breite und 1¼m Tiefgang auf der Wien.

Eine nagelneue Wasserstraße gab es allerdings im 19. Jh.; sie erfüllte für Jahrzehnte wichtige wirtschaftliche Funktionen. Der von 1803 bis 1879 befahrene Wiener Neustädter Kanal brachte regen Warenverkehr zwischen Wien und dem südlichen Niederösterreich sowie ab 1810 (Kanalerweiterung bis Pöttsching) auch dem westungarischen Gebiet (jetzt Burgenland).

Im bis 1857 existenten Hafenbassin beim heutigen Bahnhof Wien Mitte lud man vielerlei Produkte aus, die über die Stubenbrücke und durchs Stubentor den Weg ins alte Wien fanden (dem man erst 1850 die Vorstädte angliederte).

Fast eine neue Wasserstraße entstand 1875: Die Donauregulierung wertete den Donaukanal ungeheuer auf - die Nußdorfer Schleuse gewährleistete geregelten Wasserstand. Der Stadtkern grenzte somit selbst nach der Auflassung des Wiener Neustädter Kanals an einen sicheren, für die Lebensmittelzufuhr wichtigen Wasserweg.

P.S. Zu guter Letzt augenzwinkernd zu den Fluten, auf denen bei der inneren Favoritenstraße anno 1716 eine Seeschlacht (siehe Bild in der ersten Spalte) stattfand. Wo fuhren die Schiffe? Erraten: Alles war natürlich ein Spektakel. Im Garten des kaiserlichen Schlosses Favorita gab man eine Oper mit Seekampf im dafür hergestellten Gewässer. Eine angesehene Wien-Besucherin schaute zu und schrieb darüber...

Kopfnuss: 1716 sah welche prominente Britin Kriegsschiffe bei der Favorita (nunmehr Theresianum)? (Die geknackte Kopfnuss finden Sie auf der nächsten Seite.)

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-02-01 16:41:08
Letzte nderung am 2017-02-01 17:03:47



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