• vom 03.03.2017, 11:30 Uhr

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17. Bezirk

Wie Hernals einst leibte und lebte




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Von Alfred Schiemer

  • An der Als braute sich früher Wiens Wetter zusammen - meteorologisch wie staatspolitisch.
  • Nicht nur 130 Jahre zurückgeblättert.

Ein verkanntes Genie (Bild eingeschnitten) schaut auf den alten Hernalser Kalvarienberg mit Markt und auf das Rathaus des Orts. - © Alle Bilder: Hernals. Ein Heimatbuch ..., Wien 1924 (mit Gemälden von A. S. Kronstein, 1850-1921, und G. Zafaurek, 1841-1908)/J. Wimmer, Wegweiser für Dornbach, Wien 1866/Archiv

Ein verkanntes Genie (Bild eingeschnitten) schaut auf den alten Hernalser Kalvarienberg mit Markt und auf das Rathaus des Orts. © Alle Bilder: Hernals. Ein Heimatbuch ..., Wien 1924 (mit Gemälden von A. S. Kronstein, 1850-1921, und G. Zafaurek, 1841-1908)/J. Wimmer, Wegweiser für Dornbach, Wien 1866/Archiv



Die Seele des alten Hernals war tief gespalten. In dem Ort, der 1892 dem neuen 17. Bezirk Wiens den Namen gab, ging es oft lustig zu, aber zu lachen hatten die Bewohner nicht so viel.

Ein Mann, der im Dorf an der Als 1854 der Cholera erlag, steht für diesen Zwiespalt. "Immer lustig" nannte sich der rechts abgebildete Dichter, der nicht selten sehr traurig war. "Alles, was er hat, verhaut er, / Wie ein Vogel Strauß verdaut er", sagte der Literat in ironischen Versen über sich selbst. Und: "Schöne Mädchen gerne schaut er, / Wie ein Kater dann miaut er, / Leider aber schon ergraut er, / Immer mehr und mehr - versaut er..." Die letzten zwei Silben ergeben den Namen des Poeten: Sauter.

Elterleinplatz mit dem noch nicht eingewölbten Alsbach.

Elterleinplatz mit dem noch nicht eingewölbten Alsbach. Elterleinplatz mit dem noch nicht eingewölbten Alsbach.

Die Gedichte des 1804 in Werfen/Salzburg geborenen Ferdinand Sauter wurden erst nach dessen Tod breiter publiziert; ziemlich spät konstatierte die Öffentlichkeit im Gefolge davon, dass der Wahl-Hernalser ein verkanntes Genie war.

Ein anderer Literat, ein Ortsfremder, machte das Gebiet um Hernals schon zu seinen Lebzeiten recht bekannt. Mit Spott. Sauer über den Wiener Regen sah der Autor, der in Graz starb, den Heuwinkel (Höhen bei Hernals, vor allem Heuberg) 1833 in seiner Zauberposse "Robert der Teuxel" als Hort aller Gewitter. Sein Patent gegen die Misere: Eine Doppeltür für die Wetterküche; J. N. Nestroy (1801-1862) erhielt viel Beifall für die Idee.

Hätte der Theaterdichter bereits die seinerzeit kaum beachteten "Fugger-Zeitungen" (handgeschriebene Privatnachrichten an das Augsburger Handelshaus) gekannt, wäre ihm noch ganz anderes eingefallen. Denn laut einem dieser Informationsbriefe regnete es am 18. Juli 1597 in Hernals und Umgebung Blut.

Wiens erste Pferdetramway fuhr ins alte Dorf an der Als.

Wiens erste Pferdetramway fuhr ins alte Dorf an der Als. Wiens erste Pferdetramway fuhr ins alte Dorf an der Als.

Wohlgemerkt: Das geschah kurz vor der Wende zum 17. Jahrhundert.

Heute würde man bei rötlichem Regen Beimischung von Sahara-Staub (wie er alle paar Jahrzehnte über die Alpen fliegt) vermuten. In Zeiten des Aberglaubens, der Glaubenskämpfe und der damit langsam aufziehenden Katastrophe des 30-jährigen Krieges jagten seltene Naturphänomene jedoch Angst und Schrecken ein. Was man an der Als in den blutroten Niederschlag hineininterpretierte, ist nicht überliefert. Dafür kennen wir die Fakten, die Unsicherheit wachsen ließen.

Bekanntlich war Hernals Hochburg des Luthertums. Nach 1576 (Tod des toleranten Maximilian II.) und vor allem nach 1619 (Regierungsantritt Ferdinands II.), ging das Haus Habsburg massiv gegen "Ketzer" vor. Dem "Auslaufen" der Wiener ins Dorf zum dort noch möglichen reformierten Gottesdienst folgten staatspolitische Gewitter. Die Obrigkeit waltete rücksichtslos; zum neuen Glauben durfte sich niemand mehr bekennen.

Die Hernalser sollten übrigens im 19. Jh. wiederum mit habsburgischer Macht in Konflikt geraten. Diesmal bewaffnet: 1848 kämpften die Bewohner verzweifelt an ihrem Linientor gegen die anrückende k.k. Armee.

In den hundert Jahren bis zur 1848er-Revolution hatte die Siedlung am Alserbach gravierende Änderungen durchgemacht.

Mitte des 18. Jh.s entdeckten Adlige, Hofbeamte sowie andere Wohlhabende aus dem noch ummauerten Wien die Vorzüge des Hernalser Lebens in der schönen Jahreszeit. Der Ort, in dem statt Weinkultur inzwischen Ackerbau dominierte, wurde Sommerfrische. Ein Viertel der 140 Häuser gehörte bald Wienern.

Kurz nach 1800 brach dann die Ära der Manufakturen und Fabriken an. Als erste Betriebe entstanden 1807 u.a. Jakob Hofmanns Seidenbanderzeugung und Josef Febers Tuchfabrik.

Die Industrie stürzte viel um. 1820 wirkte Hernals bereits wie ein Städtchen. Die soziale Struktur verschob sich. Neue Firmen zogen Scharen von Arbeitern an. Markante Zeichen der Modernisierung waren 1865ff Wiens erste Pferdetramway, die anfangs vom Schottentor nur bis Hernals (Fahrzeit: 20 Minuten) fuhr, und die danach begonnene Einwölbung des Alsbaches.

In den letzten Jahrzehnten vor dem Aufgehen in der Großstadt Wien (wirksam ab 1. Jänner 1892; dabei kamen auch Dornbach und Neuwaldegg zum Bezirk Hernals) spitzten sich die Widersprüche zu. Das Alte stritt mit dem Neuen. Während die in den Fabriken Beschäftigten darbten und elend hausten, mutierte die Siedlung an der Als zum Vergnügungszentrum (das Lokal Nro. 1 hieß Stalehner).

Daneben gab es noch alteingesessene Hausbesitzer. Einer von ihnen, Herr Alois Beer, über den die "Wiener Zeitung"-Spätausgabe "Wiener Abendpost" am 31. März 1887 berichtete, dürfte recht beschaulich gelebt und oft "gegartelt" haben. Jedenfalls grub er auf seinem Grund eine bisher unbekannte Silbermünze (...) mit dem Bildnisse des römischen Kaisers Septimus Severus aus. Und setzte als Finder eine großzügige Geste: Er schenkte das Artefakt dem kaiserlichen Münzcabinet - wohl wünschend, man möge noch in Jahrhunderten darüber staunen, was im Hernalser Boden steckt!

Kopfnuss:  Ist die 1887 geborgene Münze der einzige Römerfund in Hernals?
(Die geknackte Kopfnuss finden Sie auf der nächsten Seite.)

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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-03-03 10:24:10
Letzte Änderung am 2017-03-03 10:50:28



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