• vom 07.04.2017, 10:30 Uhr

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Südbahn

Fünf Fahrkarten in die Schneehölle




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Von Alfred Schiemer

  • Nahe Triest fuhr 1887 ein Zug in eine weiße Wand, in der eine Dame und vier Herren sechs Tage lang festsaßen.
  • 130 Jahre zurückgeblättert.

Fest im Griff hat der Winter die Lok links, während das Dampfross rechts gerade auf einen weißen Wall stößt - ähnliche Szenen spielten sich einst vor St. Peter ab. - © Bilder: Max Möller (Hrsg.), Der Eisenbahner, Band I und II, Wien o.J. (=1901)/Bahnverkehrskarte der Zeit (Ausschnitt)/Archiv

Fest im Griff hat der Winter die Lok links, während das Dampfross rechts gerade auf einen weißen Wall stößt - ähnliche Szenen spielten sich einst vor St. Peter ab. © Bilder: Max Möller (Hrsg.), Der Eisenbahner, Band I und II, Wien o.J. (=1901)/Bahnverkehrskarte der Zeit (Ausschnitt)/Archiv



Die wahren Abenteuer erlebte man in k.u.k. Landen auf Schienen. Sechs Tage eingeschneit titelte am Donnerstag, dem 14. April 1887, das Feuilleton der "Wiener Zeitung"-Spätausgabe "Wiener Abendpost". Da aber das eng bedruckte untere Drittel (im Journalistenjargon einst: "der Keller") von Seite 1 wie Seite 2 für die eisige Geschichte nicht ausreichte, gab es im Freitag-Blatt noch Nachschlag.

Wobei der Verfasser der Sechs-Tage-Chronik nicht auf Galgenhumor verzichtete. So schrieb er einleitend unter Verweis auf bessere Witterung Mitte April: So lange noch die Wahrscheinlichkeit neuerlicher Schneefälle und Verwehungen bestand, wollte ich niemand die Reiselust durch Schilderung einer strengen "Schneehaft" verderben; nun dürfte aber dieser Abhaltungsgrund wegfallen, und ich ergreife die Feder.

Thema: Der im Süden der Monarchie ab 14. März 1887 etwa eine Woche lang gestörte Bahnverkehr.

Bequemes Reisen, für das diese Lesende steht, endete bei Küllenberg (auf Karte rot markiert). Blaue Schienenwege = Südbahnstrecken.

Bequemes Reisen, für das diese Lesende steht, endete bei Küllenberg (auf Karte rot markiert). Blaue Schienenwege = Südbahnstrecken. Bequemes Reisen, für das diese Lesende steht, endete bei Küllenberg (auf Karte rot markiert). Blaue Schienenwege = Südbahnstrecken.

Denn just an dem Tag fuhr der "WZ"-Feuilletonist im directen Waggon (= Kurswagen) des (...) Nachtzuges von Fiume (heute Rijeka) ab, um über St.-Peter nach Wien zu gelangen; in zwei anderen Coupés (...) befanden sich noch je zwei andere Passagiere, worunter (sic) ein Ehepaar.

Und in höheren Regionen des Karstes wurde der Schneefall immer dichter.

Zudem tobte Sturm, konkret eine (...) heftige Bora; als wir gegen 10 Uhr Abends (...) drei Kilometer von St.-Peter entfernt und beim ersten (...) tiefen Einschnitte angelangt waren (...), verlangsamte sich auffallend der Gang des Zuges, und schließlich blieben wir stille stehen: die Locomotive war im Schnee stecken geblieben.

Die fünf Passagiere, deren Kurswagen auf einer Flügelbahn der Südbahn unterwegs war und in St. Peter an einen Zug auf der Hauptstrecke angehängt werden sollte, gerieten nun von einer Kalamität in die andere. Dazu ein nicht unwichtiges Detail: Die auf drei Coupés 1. oder 2. Klasse aufgeteilten Reisenden waren in ihrem jeweiligen Abteil isoliert - Waggons mit Durchgang gab es 1887 noch nicht; jedes Coupé besaß eine Außentür.

Zu diesen Türen mussten sich die Conducteurs, wie Schaffner damals hießen, durch die Schneemassen kämpfen, um die Fahrgäste zu beruhigen: Es sei bereits nach St.-Peter per Glockensignal die Anforderung einer Hilfsmaschine erfolgt, dieses Dampfross werde den Zug aus den Schneemassen holen.

Die Passagiere warteten, schliefen zuweilen - und spürten gegen 8 Uhr Früh einen starken Ruck, der einen von ihnen sogar zu Boden warf: Nachdem eine Hilfslok nichts bewirkt hatte, war eine zweite zur Verstärkung geholt worden. Viel half das dennoch nicht. Erst später schafften es 40 Arbeiter, den Eisenbahnzug so auszugraben, dass er im Schritttempo - zurückfahren konnte. Zum Stationsgebäude in Küllenberg, das weitab von diesem Ort lag.

Von hier hätten die fünf Pechvögel nach Fiume zurückreisen können. Doch wozu? Sie wollten über St. Peter zum Wiener Südbahnhof. Also entschlossen sie sich, in der Station Küllenberg auf einen Anschlusszug Richtung Norden zu warten. Eine fatale Entscheidung! Die Fahrgäste waren nämlich dem weißen Wall, der ihre Strecke blockierte, nur scheinbar entkommen: Es schneite weiter, die Bora wütete noch. Bald kam weder aus der einen noch aus der anderen Richtung ein Zug zum einsamen Bahnhof Küllenberg durch.

Immerhin begrüßte man das Quintett dort auf das Entgegenkommendste. Stationschef und Gattin traten Wohn- und Schlafzimmer und ein (...) Kämmerlein ab, um selbst zu ebener Erde im Amtslocale zu logieren. Der Essensvorrat war klein, am Folgetag drang ein Mann durch den Schnee bis in die Ortschaft Küllenberg, von wo er Rindfleisch und Wein brachte. Brot buk man im Bahnhaus selbst.

Es fiel weiter Schnee; aus Dienstestelegrammen las man, daß (...) wenig Aussicht auf Erlösung sei. Gegen Depression wurde ein drei Meter hoher Schneemann construirt. Erst am dritten Tage kam Wetterberuhigung; die Verproviantirung besserte sich (...). Aufregend wurde es nach Tag 4: Schneepflug war avisiert. Viele Stunden später hatten etwa 160 Arbeiter Schnee abgetragen, den die Maschine nicht schaffte. Am Tag 6 gegen 10 Uhr Nachts bestiegen die wartenden Reisenden einen Eilzug. Vorher drückten sie noch zwei Hände, wie der mit Q. zeichnende "WZ"-Mitarbeiter notierte: Dankbarst schieden wir vom Stationsvorstande und seiner Frau, die (...)mehr Unbequemlichkeit zu dulden hatten als wir (...).

 Kopfnuss: Wegen 1927 verbrannter Papiere hat die "WZ"-Redaktion zu Autor Q. keine Unterlagen. Was hilft bei Spurensuche? 
(Die geknackte Kopfnuss finden Sie auf der nächsten Seite.)

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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-04-06 11:27:10
Letzte nderung am 2017-04-06 11:41:47



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