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Update: 04.08.2017, 10:01 Uhr

Geschichte des Velocipeds

Das Rad wurde nicht neu erfunden




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Von Barbara Ottawa

  • Sonderformen des Drahtesels sind heute oft Kuriosa.
  • Nicht nur 125 Jahre zurückgeblättert.

Alternative Antriebsarten wie jene beim Cynofère (gr. Bild) setzten sich ebenso wenig durch wie das Tricycle (r.o.) und das Wasserrad (darunter). - © Bilder rechts: Allg. Sport-Zeitung (o.), Das Interessante Blatt (u.), links: Neue Illustrirte Zeitung. Spezial-Reprographie, Kolorierung der s/w-Vorlage: Philipp Aufner

Alternative Antriebsarten wie jene beim Cynofère (gr. Bild) setzten sich ebenso wenig durch wie das Tricycle (r.o.) und das Wasserrad (darunter). © Bilder rechts: Allg. Sport-Zeitung (o.), Das Interessante Blatt (u.), links: Neue Illustrirte Zeitung. Spezial-Reprographie, Kolorierung der s/w-Vorlage: Philipp Aufner



Wenn man die "Wiener Zeitung" vom Samstag, den 6. August 1892, von hinten zu lesen beginnt, stößt man zunächst - wie auch heute noch - auf das Amtsblatt, das damals den Central-Anzeiger für Handel und Gewerbe beinhaltete. In diesem Abschnitt fanden sich Firma-Protokollirungen, also etwa das heutige "Firmenbuch", Licitationen (Versteigerungen) und Kundmachungen, die auch Ausschließende Privilegien betrafen. Das waren Patente auf Erfindungen oder Ideen, die das cisleithanische k.k. Handelsministerium und das kön. ung. Handelsministerium erteilten.

Unter den Privilegien entdeckt man neu vergebene und bestehende. Für beide wurden Taxannuität-Einzahlungen geleistet. Diese jährlichen Abgaben stellten sicher, dass das Privileg bzw. dessen Schutz weiter Bestand hatte.

Die Listen, die im Blatt vom 6. August elf neue Patente und 93 Verlängerungen enthielten, geben Einblick in den Einfallsreichtum heller Köpfe in der k.u.k. Monarchie.

Die Erfindungen umfassten Fleckenreinigungsmittel oder eine pneumatische Stoß- und Tragfeder - beide mit dem Vermerk: Beschreibung geheim. Weiters gab es Privilegien auf Pappenfalzmaschinen, eine Conservenbüchse, einen verstellbaren Stuhl, eine Additionsmaschine und einen Leierkasten für durchlochte Notenblätter.

Die Innovationen deckten diverse Lebensbereiche ab (z.B. durch einen Stock mit Leuchtvorrichtung oder die Herstellung kohlensäurehaltiger Badewässer), aber auch den Tod: Ein Privileg war auf eine Neuerung in der Erzeugung von Metallsärgen erteilt worden.

Als bekannter Name tauchte Julius Maggi & Co. auf, mit einem Patent auf eine Schutzverpackung für Kapseln (...) aus Gelatine.

Auch Polichinelle , eine komische Gestalt u.a. aus dem französischen Marionettentheater, bekam im 19. Jh. ein Laufrad.

Auch Polichinelle , eine komische Gestalt u.a. aus dem französischen Marionettentheater, bekam im 19. Jh. ein Laufrad.© R. Allemagne, Histoire des jouets 1902 Auch Polichinelle , eine komische Gestalt u.a. aus dem französischen Marionettentheater, bekam im 19. Jh. ein Laufrad.© R. Allemagne, Histoire des jouets 1902

Auffallend viele Neuentwicklungen betrafen den Bereich der Mobilität, sei es Eisenbahn oder Fahrrad - oder einer Kombination aus beidem:

Bereits mit 24. Jänner 1892 wurde dem Marcus Klein in Sillein (heute Žilina in der Slowakei) ein Privileg auf ein Eisenbahn-Velociped erteilt. Beschreibung offen. Wohl ein Drahtesel auf Schienen (Bilder links aus späterer Zeit). Noch heute werden diese auch als Fahrrad-Draisinen bekannten Fahrzeuge eingesetzt. Auf wen die tatsächliche Erfindung zurückgeht, lässt sich kaum feststellen.

Nicht denkbar wäre sie jedoch ohne die ursprüngliche Idee des Velocipeds sowie jene des Kettenantriebs gewesen. Dieser ermöglichte es, die Beinkraft effizienter zu übertragen. Er kam in den 1870ern auf und wurde bald zum Standard.

Hilfreiche Weiterentwicklungen späterer Jahre waren unter anderem die Gangschaltung und luftgefüllte Reifen, auch Pneus genannt.

Draisinen mit Tretantrieb um 1916, auf ungarischen Schienenstrecken im Einsatz.

Draisinen mit Tretantrieb um 1916, auf ungarischen Schienenstrecken im Einsatz.© Bilder: Ung-Belg. Metall. Fabriks AG/Archiv Draisinen mit Tretantrieb um 1916, auf ungarischen Schienenstrecken im Einsatz.© Bilder: Ung-Belg. Metall. Fabriks AG/Archiv

Der 200. Geburtstag des Fahrrades wird das ganze heurige Jahr lang ausgiebig zelebriert. 1817 legte Karl Freiherr von Drais (um 1785-1851) mit einer selbst konstruierten Laufmaschine 14km zurück.

Drais hatte bereits 1813 einen vierrädrigen, mit den Armen betriebenen Wagen entwickelt, den er wegen schlechter Straßen auf die Schiene verlegte - die noch heute bekannte "Draisine".

Fast könnte man meinen, dass für Velocipede das Rad der Zeit stehengeblieben ist. Noch immer sieht man Stahlrahmen, teilweise wie früher ohne Gangschaltung. Jemand, der z.B. aus 1910 in die Gegenwart reisen würde, könnte das Gefährt sofort benutzen. Mit einem Mobiltelephon täte er sich schwerer. Innovationen im Bereich Fahrrad gab es seit Drais einige - vielfach setzten sie sich nicht durch.

Vor allem Weltausstellungen erwiesen sich als Fundgrube für Neuentwicklungen bei muskelbetriebenen Gefährten. Wobei nicht immer die menschliche Muskelkraft zum Einsatz kam, wie das Cynofère (großes Bild links) beweist.

Der Name weist auf einen hundebetriebenen Wagen hin. Ein Franzose führte ihn bei der Weltausstellung in Philadelphia 1876 vor. Die "Neue Illustrirte Zeitung" berichtete über die "höchst sinnreiche Erfindung". Abgeleitet vom griechischen Vokabel für Hund im Genetiv (kynos) könnte man das Wortspiel vom "kynetischen Antrieb" wagen. Dieser bewegte das 80kg schwere Vehikel mit bis zu 10km/h. In Serie ging es nie.

Auch das Wasser-Velociped, das 1883 in Brüssel präsentiert wurde, blieb ein Unikum. Andere Formen von Rädern, die Flüsse und Seen befahren konnten, gab es aber danach noch öfters.

Im regulären Verkauf fanden sich eine Zeit lang "Tricycles", also Dreiräder. Sie sind neben den "Bicycles" explizit in der "Fahrordnung" für Wien aus dem Jahre 1885 genannt.

Das Bild rechts oben stammt aus einer Anzeige in der "Allgemeinen Sport-Zeitung", erschienen 1887, die über Renn-Erfolge mit dem in England gefertigten "Marlboro-Tricycle" berichtete. Das Ende dieser beinbetriebenen Dreiräder kam, als man ihnen einen Motor einsetzte: Das Auto war geboren.

Kopfnuss: In welcher österr. Stadt waren ab 1885 Fahrradglocken Pflicht? (Die geknackte Kopfnuss finden Sie auf der nächsten Seite.)


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Dokument erstellt am 2017-08-04 09:54:05
Letzte Änderung am 2017-08-04 10:01:43



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