• vom 01.09.2017, 08:30 Uhr

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Altertum

Nur Vereinsmeier in der Antike?




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  • Wie die Hellenen ihr geselliges Leben führten und lenkten.

Altertum ideal ( l. ob. Diskussion, l. u. Familienleben) und realistisch: Vor 2400 Jahren gemaltes "Fensterln" (M.) sowie (r. v. ob.) Satyrspiel, Kochkunst, Weingott mit Helferin.  - © Bilder: H. Muzik und F. Perschinka, Kunst und Leben im Altertum, Wien 1909/W. Christian, Allg. Weltgesch., Fürth (1898). Weitere Bilder: Spamers Ill. Weltgeschichte, 3. Aufl., Band II, Leipzig 1896. Repros: Martina Hackenberg

Altertum ideal ( l. ob. Diskussion, l. u. Familienleben) und realistisch: Vor 2400 Jahren gemaltes "Fensterln" (M.) sowie (r. v. ob.) Satyrspiel, Kochkunst, Weingott mit Helferin.  © Bilder: H. Muzik und F. Perschinka, Kunst und Leben im Altertum, Wien 1909/W. Christian, Allg. Weltgesch., Fürth (1898). Weitere Bilder: Spamers Ill. Weltgeschichte, 3. Aufl., Band II, Leipzig 1896. Repros: Martina Hackenberg



Manche Beilage lässt Feinschmecker mit der Zunge schnalzen - beim Schmausen oder auch beim Zeitunglesen. Schließlich freuen sich Gourmets, wenn sie nicht Alltägliches serviert bekommen. Im Fin de siècle bot unser Blatt Liebhabern der Gazetten fallweise noch als Steigerung die Beilage zur Beilage.

Das merkwürdige Grundrezept dafür: Täglich (außer am Montag) kam in der Früh das dickleibige, eher nüchtern wirkende Morgenblatt der "Wiener Zeitung" heraus. Am Nachmittag (außer am Sonntag) erschien deren dünne, eher locker gestaltete Spätausgabe "Wiener Abendpost", die im Titelkopf ausdrücklich als Beilage zur "WZ" firmierte. Und wenn deren lediglich vier Supplement-Seiten einmal nicht reichten, fügte man z.B. am 24. September 1897 noch zwei Sonderseiten hinzu, die den Übertitel Beilage zu Nr. 219 der "Wiener Abendpost" trugen.

Clou dieser Beilage zu Beilagenblatt Nr. 219: Ihr Feuilleton brachte das Kunststück zuwege, Alltägliches zu schildern, das Leserinnen und Leser alles andere als alltäglich empfanden.

Wie unsere Redaktion das schaffte? Ganz einfach, sie unternahm eine Zeitreise in die Antike.

Dass dieser vor 120 Jahren zum Druck beförderte Leckerbissen Ihnen, liebe stets zu Ausflügen in die Vergangenheit geneigte Gemeine-Mitglieder, nicht vorenthalten werden darf, versteht sich von selbst.

Nur eines vorweg: Der trockene Titel Vereinsleben im Alterthum täuscht; anno 1897 schätzte man sachlich-einfache Überschriften.

Nun aber in medias res und zu dem Helden, der sich vor über zwei Jahrtausenden ganz dem Vereinsleben hingab. Der Brave hieß Dionysodorus und stammte aus Alexandria. Er wirkte auf Rhodos unermüdlich für Verbände.

Ging es bei Haliasten-Festen gar so wild zu? 

Ging es bei Haliasten-Festen gar so wild zu? © Bild: Holzstich (Ausschnitt), 19. Jh. Repro: Martina Hackenberg. Ging es bei Haliasten-Festen gar so wild zu? © Bild: Holzstich (Ausschnitt), 19. Jh. Repro: Martina Hackenberg.

Überliefert ist u.a., daß er (...) Vorsitzender des Vereines der Haliasten, d.h. der Verehrer des Sonnengottes, war. Auch den Paniasten saß er als Präses vor. Zudem förderte er noch die Dionysiasten.

Um die Haliasten erwarb er sich solche Verdienste, dass er nach 25 Jahren als Obmann durch die Verleihung eines Kranzes aus Oelzweigen geehrt wurde; ein goldener Kranz und der Ehrentitel "Wohlthäter des Vereines" kamen hinzu.

Der von so viel Dankbarkeit ergriffene Herr Dionysodorus widmete sich weiter intensiv den Haliasten.

Als er dann sein 35jähriges Jubiläum als Mitglied des Vereines beging und zum 28. Male Vorsitzender sein konnte, war es schwer, noch neue Ehren für ihn zu finden - ein Problem, mit dem sich auch heutzutage manche Körperschaft herumschlagen muss. Die findigen alten Griechen wussten jedoch einen Ausweg: Man verlieh dem emsigen Obmann den größten goldenen Kranz, den die Satzungen (...) zuließen, und zwar für ewige Zeiten. Jawohl: für ewige Zeiten!

Nicht nur das war eine komplizierte Angelegenheit, zusätzlich bereitete ddie Beschaffung der dazu nöthigen Gelder Kopfzerbrechen. Letztlich schuf man eine besondere Umlage, die es in sich hatte und eigentlich (ewig!) bis in die Gegenwart haben müsste.

Konkret traf man folgende Regelung: Um aber den verdienten Mann auch nach seinem Tode zu ehren, wird diese (...) Umlage fort und fort eingesammelt, es wird auch (...) ein Kranz und eine Binde besorgt und die Bekränzung feierlich verkündet.

Danachwird der (...) Kranz zum Besten der Vereinscasse versteigert, und der Cassier muß den Erlös alljährlich zum ewigen Angedenken in das Hauptbuch eintragen mit dem Vermerk: "Einnahme aus dem Kranz, mit welchem Dionysodorus für ewige Zeiten gekrönt worden ist."

Das klingt erhebend. Es fragt sich nur: Welche hehre Vereinstätigkeit entfaltete Dionysodorus für die Haliasten? Das Feuilleton aus 1897 gibt Fingerzeige.

Für antike Vereinsbrüder bestand meist die Verpflichtung, dass sie ihre Kollegen samt Gattinnen an freudigen (...) Ereignissen (wie Heirat, Geburt eines Kindes, Erbe) Theil nehmen ließen. Jeder Glückliche hatte einen seiner Stellung entsprechenden Trunk (sprich: ein Fest) zu geben. Fazit: Da konnten (...) Anlässe zum Trinken kaum fehlen, und in kluger Absicht wurde oft gleich der Weingott als Schutzpatron gewählt.

Heureka! Endlich lässt Apollon, der Gott des Lichts, uns ein Licht aufgehen: Das freien Männern (bei Feiern auch Frauen, nie aber Sklaven) sich bietende Vereinsleben war selten vereinsmeierisch. "Es wird ein Wein sein und wir wern nimma sein", singt man in Wien. Die weinseligen Haliasten, Paniasten, Dionysiasten und Konsorten könnten gesungen haben: "Es wird ein Verein sein..."

P.S. Zitierte Details zu Herrn Dionysodorus basieren auf dem erhalten gebliebenen umfangreichen Text seines Grabsteins und wurden in einem wissenschaftlichen Werk wiedergegeben, das vor 120 Jahren in der Redaktion der "WZ" landete.

Kopfnuss: Was brachte der Sonntag ohne Spätausgabe und der Montag ohne Morgenblatt einst "WZ"-Redakteuren und -Druckern?


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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-08-30 16:15:08
Letzte ńnderung am 2017-08-31 11:59:27



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