• vom 06.10.2017, 06:30 Uhr

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Albions Weg zur Weltmacht

Ein feuriger Drache für die Queen




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  • Als England im 16. Jahrhundert verloren schien, fing sein Aufstieg an.

Lachende und Weinende im alten England. - Zuletzt lachen konnte die rechts abgebildete Armada-Besiegerin Elisabeth I. - © Bilder: Karikaturen (Teile) von Th. Rowlandson (1756-1827)/Archiv. Repros: Irma Tulek

Lachende und Weinende im alten England. - Zuletzt lachen konnte die rechts abgebildete Armada-Besiegerin Elisabeth I. © Bilder: Karikaturen (Teile) von Th. Rowlandson (1756-1827)/Archiv. Repros: Irma Tulek



El Draque! El Draque! Dieser gellende Ruf erscholl einst auf Kriegsschiffen der mächtigsten Nation Europas, wenn am Horizont ein gefürchtetes See-Ungeheuer auftauchte: ein Monstrum, das feuerspeiend auch der größten Galeere Spaniens den Garaus machte.

Der Tierwelt gehörte das todbringende Scheusal freilich nicht an, wenngleich in "El Draque" bis heute das spanische Wort dragón mitklingt, das Drache bedeutet.

Mit "El Draque" war vielmehr ein Engländer gemeint, der über kanonenbestückte Breitseiten der Sonderklasse verfügte - Francis Drake, für den Kriegsschiffe als mobile Artillerie-Einheiten auf dem Wasser agierten. Öffnungen in den Seitenwänden mit Platz für moderne Geschützrohre gaben Albion, wie die Insel seit Urzeiten hieß, strategischen Vorsprung. Die für Enter-Taktik gebauten iberischen Fahrzeuge sanken in Minutenschnelle auf den Meeresgrund, bildeten doch die nicht ganz leicht manövrierbaren spanischen Ruderkolosse ideale Zielscheiben.

Fehlende rasche Beweglichkeit brachte bekanntlich auch anno 1588 der Armada schwerste Verluste; Stürme besorgten dann den Rest.

Hinter jeder Technik steht der Mensch, stehen gesellschaftliche Entwicklungen. Dass Spaniens Philipp II. (1556-1598 König) auf überlebte Methoden setzte, während Englands Elisabeth I. (1558-1603 Königin) Wagnisse einging, passierte nicht zufällig.

Philipps Imperium, das das Gold der Neuen Welt einsackte, war versteinert; die Inquisition machte Denken lebensgefährlich. Elisabeths wackeliges Reich, dem die Degradierung zu Madrids Filiale drohte, war offen für Experimente; ideenreichen und risikobereiten Köpfen boten sich Chancen.

Aber was Francis Drake (ca. 1540-1596) tat, fiel in die Kategorie Abenteurertum. Einfach auf hoher See dem Feind Schätze aus dem Goldland rauben? Vor über 400 Jahren gab es kein modernes Völkerrecht, jedoch althergebrachte Gebräuche auf dem Meer - und Piraterie galt als Verbrechen.

Albions Aufstieg im Zeitraffer (v. l.): Kampf mit Armada; Francis Drake; Marlborough (= John Churchill); Horatio Nelson; William Pitt der Jüngere; Sozialstatistik aus 1834; James Watt. 

Albions Aufstieg im Zeitraffer (v. l.): Kampf mit Armada; Francis Drake; Marlborough (= John Churchill); Horatio Nelson; William Pitt der Jüngere; Sozialstatistik aus 1834; James Watt. © Bilder: Gestalten der Weltgeschichte, Hamburg-Bahrenfeld 1936/G. Phillips u. G. Görres (Hrsg.), Historisch-politische Blätter f. d. katholische Deutschland, Bd. 1 (Jahrg. 1838), 2. Aufl., München 1844/Archiv Albions Aufstieg im Zeitraffer (v. l.): Kampf mit Armada; Francis Drake; Marlborough (= John Churchill); Horatio Nelson; William Pitt der Jüngere; Sozialstatistik aus 1834; James Watt. © Bilder: Gestalten der Weltgeschichte, Hamburg-Bahrenfeld 1936/G. Phillips u. G. Görres (Hrsg.), Historisch-politische Blätter f. d. katholische Deutschland, Bd. 1 (Jahrg. 1838), 2. Aufl., München 1844/Archiv

Die Queen zögerte in ihrer Not, den Seeräuber (Pardon: Freibeuter!) offen zu stützen. Doch die Breitseiten wirkten durchschlagend; riesige Werte langten in London an. Elisabeth konnte bald lachen. Sie ließ Drake zum Ritter schlagen. Der machtlose Philipp schäumte.

Das geschah 1581. Sieben Jahre später erlitt die Armada ihr Fiasko; die europäische Geschichte erreichte einen Wendepunkt: Madrids Abstieg begann und ebenso Londons Aufstieg, der dem Inselreich schließlich im 19. Jahrhundert den Rang der größten Weltmacht bescheren sollte.

Es ging nicht geradlinig zum Gipfel. Nach Elisabeths Ära war der erste Markstein auf dem Weg der 1714 endende Spanische Erbfolgekrieg, in dem der Engländer Marlborough (ein Vorfahre Winston Churchills) gemeinsam mit dem Wahlösterreicher Prinz Eugen kämpfte.

Gibraltar zählte zur Beute des Ringens um Spaniens Thron; später wurde es Felsentor der Wasserstraße nach Britisch-Indien.

Im Siebenjährigen Krieg (1756-1763; Anlass: Kampf um Schlesien) verloren die Franzosen Kanada an England und büßten ihre indische Machtposition ein. Bald darauf kamen den Briten freilich durch Starrsinn ihres Königs Georg III. in Amerika 13 Kolonien abhanden - die USA entstanden.

Unter Premier Pitt d. J. gelang allerdings 1805 Admiral Nelson bei Trafalgar der gewaltige Seesieg über Napoleons Kriegsmarine.

Das zeigte, wer die Meere beherrscht. Albion wurde mit Waterloo und des Korsen Abgang die Macht. Vorrangig geht das aber auf die frühe Industrialisierung der Insel zurück, nicht zuletzt auf Dampf-Pionier Ja- mes Watt (1736-1819). Was brachte der große Aufstieg den Briten? Bittere Wahrheit: Mehr Armut. In Paris publizierte Ökonom Alban de Villeneuve-Bargemon(t) anno 1834 Zahlen. England mit Schottland hatte die meisten Bedürftigen Europas: Bei 23,4 Millionen Bewohnern jeder Sechste!

P.S. Die "WZ" blickt seit 1703 auf die Insel. Vor 155 Jahren bot sie den Essay Buckle’s Geschichte der Civilisation in England und die Aufgabe der Geschichtswissenschaft. Möglich machte die am 4., 11. und 18. Okt. 1862 abgedruckte Serie, die sechs Seiten füllte, die "WZ"- Beilage Wochenschrift für Wissenschaft, Kunst und öffentliches Leben. Henry Thomas Buckle (1821-1862) bzw. sein Torso gebliebenes Werk würdigte man im Text mit eigenen Worten des im Mai zuvor verstorbenen Historikers über die Strafe, die jeden unermüdlichen Geschichtsforscher trifft: Er mag den Grund legen, seine Nachfolger werden das Gebäude aufführen.

P.P.S. zum Thema Bedürftige: In der langen Bildleiste ist eine (Teil-)Tabelle mit V.-Bargemon(t)s Zahlen (nach deutschem Blatt 1838, Näheres im Bildnachweis)!

 

Englisch-Kopfnuss: Was heißt DRAKE auf Deutsch?

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-10-05 10:43:08
Letzte nderung am 2017-10-05 11:37:04



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