• vom 03.11.2017, 06:00 Uhr

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Raucherdebatte anno 1847

Das Paradies - höllisch verqualmt?




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  • Anno 1847 griff unser Blatt in den Streit um Tabak ein.

Paff, paff, paff! L.: Paar, 19. Jh.; r. ob.: Tabak-Allegorie (eingeschnitten: Gesandter J. N., mehr zu ihm im Text); r. unt.: Maler Jan Steen, 17. Jh.  - © Bilder: Meister der Farbe, Jg.4/5, Leipzig (E.A. Seemann) 1907f/Sonderdruck aus Kunstbeilagen der "Oest. Familien- und Moden-Zeitung", Wien (Vobach & Co.) o.J. (um 1905?)/Gemälde (Teil) aus 1896 von F. Myrbach (1853-1940)/Archiv. Repros: M. Hackenberg

Paff, paff, paff! L.: Paar, 19. Jh.; r. ob.: Tabak-Allegorie (eingeschnitten: Gesandter J. N., mehr zu ihm im Text); r. unt.: Maler Jan Steen, 17. Jh.  © Bilder: Meister der Farbe, Jg.4/5, Leipzig (E.A. Seemann) 1907f/Sonderdruck aus Kunstbeilagen der "Oest. Familien- und Moden-Zeitung", Wien (Vobach & Co.) o.J. (um 1905?)/Gemälde (Teil) aus 1896 von F. Myrbach (1853-1940)/Archiv. Repros: M. Hackenberg



Hand aufs Herz, liebe Zeitreisende: Können Sie aus dem Stegreif jenen frühneuzeitlichen Sprachgelehrten und Diplomaten nennen, der das Pech hatte, dass nach ihm ein tödliches Gift benannt wurde?

Der auf diese Weise seit Jahrhunderten gezeichnete Mann, der den folgenreichen Fehler beging, auf dem ihm fremden Gebiet der Botanik zu dilettieren, war im 16. Jahrhundert Frankreichs Gesandter in Portugal. Bei irgendeiner Dienstobliegenheit in dem Land am Atlantik bekam er eine ihm unbekannte Pflanze in die Hand, die ihm Rätsel aufgab. Zuerst hielt er die Novität für ein Ziergewächs, nach einigem Abwägen aber für ein Heilkraut.

Irren ist menschlich. Überdies kam dem Hobby-Pflanzenforscher anno 1560 noch die Idee, Samen zum Anbau der Wunderarznei nach Paris zu schicken. An die Regentin Katharina von Medici, die damals für ihren minderjährigen Sohn Karl IX. die Staatsgeschäfte führte. Die Post aus Lissabon faszinierte sie.

Bereits 1570 bezeichnete ein Ackerbau-Buch das aus der Neuen Welt nach Portugal und letztlich an die Seine gelangte Kraut als "Nicotiana"; zu Nicotin/Nikotin, dem Hauptalkaloid der Pflanze, war es nicht weit.

Fazit: Jean Nicot (1530- 1600) machte sich mit dem Präsent für den französischen Hof unsterblich. Zum Glück erfuhr der Namensgeber bis zu seinem Tod nicht, dass er für einen problematischen Stoff firmieren würde. Einen Stoff, über den bis in die Gegenwart heftig debattiert wurde und wird.

Spottbilder gegen Raucher um 1650. 

Spottbilder gegen Raucher um 1650. © Flugblatt (kol. Stich) der Zeit Spottbilder gegen Raucher um 1650. © Flugblatt (kol. Stich) der Zeit

Auch vor 170 Jahren verhielt es sich so. Die "Wiener Zeitung" vom 18. November 1847 liefert ein beredtes Beispiel dafür. Denn sie stürzte sich ins Getümmel, in dem Raucher und Nichtraucher stritten - und ergriff eindeutig Partei.

Der um Nachsicht bittende Zeitreisenschreiber kann ob dieser Rauchbombe nicht widerstehen, dem Nicot-Test eine Scherzfrage an die Gemeine des Geschichtsfeuilletons anzufügen: Liebe Tüftlerin, lieber Tüftler, was tippen Sie? Ging die "WZ" unter die Raucher oder unter die Nichtraucher?

Unter Umständen hilft beim Knacken der Rate-Nuss ein Blick in die Biedermeierzeit: Rauchen war in k.k. Landen bis etwa 1830 eine ungern gesehene (auf der Straße verbotene) Angelegenheit. Dann schwächte sich das ab, ja die Behörden gestatteten explizit Erleichterungen für Freunde des Schmauchens. Eindeutig für eine Seite schlug das Pendel allerdings nicht aus.

Alles unklar? Unser Blatt fand das offensichtlich nicht, es positionierte sich ohne Wenn und Aber. Es votierte für den Gebrauch des Krauts aus Amerika.

In ihrem Artikel Ueber den Tabak griff die "WZ" sogar die seit Jahren mit ihr kooperierende "Allgemeine Theaterzeitung" wegen deren Ablehnung des Rauchens und Tabakschnupfens an. Eigentlich zielte der bissige Beitrag in unserem Blatt aber auf eine Publikation mit dem sinnigen Titel "Weg zum Paradies". Der Verfasser dieser Schrift, ein gewisser Zimmermann, warnte ungeschminkt vor der Gefährlichkeit der Produkte aus der Pflanze, die in der Neuen Welt ihren Ursprung hat, jedoch 1847 längst auch in der Alten Welt wuchs und gedieh. 

Die "Wiener Zeitung" monierte, derlei Ausführungen suggerierten, es gäbe kein giftigeres Kraut mehr als den Tabak. Nicht von ungefähr deutete Autor Zimmermann ja auch an, Raucher würden in Massen früh ins - auf diese Weise verqualmte? - Paradies eingehen...

Alles Humbug, so der Tenor in der "WZ". Zum Nikotin heißt es, dass zwar schon (. . .) ein Tropfen einen Hund tödtet, wenn er unverdünnt in den Magen käme, aber im Rauchtabakblatte seien nur 2 Percente vom Stoffe und die landeten nicht im Magen. Erfahrung beweise die Unschädlichkeit von Tabak, ebenso das hohe Lebensalter der Arbeiter in den Tabakfabriken. Vor allem singt der "WZ"-Beitrag jedoch das Hohelied der ärarischen (sprich: k.k. verwalteten) Tabakfabriken.

Weiße sahen Tabakhandel einst so. Rassismus und Ausbeutung waren dabei lange Zeit die Norm.

Weiße sahen Tabakhandel einst so. Rassismus und Ausbeutung waren dabei lange Zeit die Norm.© Werbesujet (Ausschnitt), u.a. 1942 geschaltet Weiße sahen Tabakhandel einst so. Rassismus und Ausbeutung waren dabei lange Zeit die Norm.© Werbesujet (Ausschnitt), u.a. 1942 geschaltet

Bleibt am Ende ein wohl unlösbares Rätsel: Von wem ist die Raucher-Laudatio?

Der seit über 30 Jahren in vergilbten Exemplaren unseres Blattes wühlende Zeitreisenschreiber kann eine kleine Spekulation nicht lassen: Direkt unter den den "WZ"-Text abschließenden Worten Von einem Freunde des Tabaks findet sich als Teil des Impressums der Haupt-Redacteur J. C. Bernard. Zufall? Joseph Carl B. (ca. 1781-1850) war Beethovens Freund sowie langjähriger "WZ"-Chef. Er kündigte im Dezember 1847 wegen Metternichs Zensur. Seine Aufmüpfigkeit sowie Sympathie für die Boheme sprechen dafür, dass er einst gern rauchte. Und mit dem Artikel den Zensoren, die Polemik in politischen Blättern nicht duldeten, einen Streich spielte - wer von ihnen hätte es gewagt, einen Lobgesang auf kaiserlich-königliche Tabakfabriken zu eliminieren?

Kopfnuss: Warum machten die k.k. Behörden den Rauchern nach 1830 gewisse Zugeständnisse?


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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-10-31 14:56:12
Letzte nderung am 2017-10-31 17:09:14



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