• vom 01.12.2017, 15:00 Uhr

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Update: 01.12.2017, 15:19 Uhr

Poesie im Biedermeier

"Gedenke Mein!" im Lichterglanz




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  • Ein Almanach passte 1847 gut als Weihnachtspräsent.

Noch viele Jahrzehnte nach der Biedermeierzeit lagen gedruckte Jahresgaben unterm Christbaum. - © Gemälde (Teil), signiert von F. B. (?) Daubek, gedruckt 1910 bei W. Vobach & Co. in Wien

Noch viele Jahrzehnte nach der Biedermeierzeit lagen gedruckte Jahresgaben unterm Christbaum. © Gemälde (Teil), signiert von F. B. (?) Daubek, gedruckt 1910 bei W. Vobach & Co. in Wien

Jede Zeit hat ihre Nöte, ihre Vorlieben, ihren Stil. Das Biedermeier liebte derlei Poesie: "Gedenke mein!" so ruft wohl aus der Ferne / Ein Jeder seinen theuren Lieben zu, / Wenn hell am Himmel steh’n die Silbersterne, / Und um der Menschen Stätte herrscht die Ruh’. Es kommen noch Blumen, Berge etc. ins Spiel; schließlich endet das Gedicht so: Und also spricht, obgleich mit leisem Zagen, / Auch dieses Buch zu Dir: "Gedenke mein!"

Das Werk, das einleitend diese Verse enthält, wurde am Montag, den 6. December 1847, rechtzeitig vor dem großen Fest in der "Wiener Zeitung" beworben. Pfautsch & Voß, Buchhändler in Wien, Seitzergasse (. . .), pries das ca. 11cm breite und 16cm hohe Bändchen Gedenke Mein! Taschenbuch für 1848 in der Inseratenrubrik Literarische Anzeigen stolz an: Mit sechs prachtvollen Stahlstichen, darunter das sprechend ähnliche Porträt von Anastasius Grün. Elegant geb. (= gebunden) mit Goldschnitt u. Etuis (= Schuber).Preis: 3 fl. (= Gulden) 12 kr. (= Kreuzer; der Gulden hatte damals noch 60 Kreuzer.)

Eine schöne Summe, wenn man bedenkt, dass einst Haushalte kleiner Leute mit vielleicht 30 Gulden im Monat wirtschaften mussten. Es ging aber noch teurer: Nicht weniger als 5 fl. kostete die Prachtausgabe in Seidenband.

Schon vor Beginn des angegebenen Jahres erschien der Band, in dem zwei Frauen vorkommen, nämlich . . .

Schon vor Beginn des angegebenen Jahres erschien der Band, in dem zwei Frauen vorkommen, nämlich . . . Schon vor Beginn des angegebenen Jahres erschien der Band, in dem zwei Frauen vorkommen, nämlich . . .

Wir sehen, in welchen Kreisen wir uns bewegen.

Ein ungenannter Künstler führt uns das im Taschenbuch, einem ab 1832 jährlich erscheinenden Almanach, auch mit zwei Frauenporträts vor Augen. Das Geschichtsfeuilleton druckt in der Spalte rechts Ausschnitte aus prachtvollen Stahlstichen mit Konterfeis der jungen Damen Hermine und Anna nach, die als Figuren in einer den Vorderabschnitt des Bandes füllenden Novelle auftreten. Diese Hinter den Coulissen betitelte Erzählung wirkt ein bisschen wie eine Weihnachtsgeschichte. Doch davon später.

. . . Hermine (l.) und Anna.

. . . Hermine (l.) und Anna. . . . Hermine (l.) und Anna.

Bleiben wir vorerst bei den zwei recht mädchenhaft wirkenden Gestalten. Gelang es dem unbekannten Illustrator, die Grundzüge der beiden Personen herauszuarbeiten? Wie schätzen Sie, liebe Zeitreisende, aufgrund der Porträts diese Hermine und diese Anna ein?

Um niemanden lange auf die Folter zu spannen, hier stichwortartig die Skizzierung, die der Novellenautor wählte: Die zwei Frauen haben ziemlich verschiedene Lebenswege vor sich. Hermine ist ruhig und überlegend, Anna hingegen sprunghaft und leichtlebig.

Kein Bild bietet das Buch von dem patriarchalisch-biedermeierlichen Protagonisten in Hinter den Coulissen: Der äußerst erfolgreiche Literat Heinrich steht zwischen der 17-jährigen Schaupielerin Anna und der 18-jährigen Ban-kierstochter Hermine, mit der er sich verloben soll.

Es zieht ihn zur quirligen Bühnenkünstlerin und er beendet die alte Beziehung. Mit der lebenslustigen Anna hat er freilich kein Glück, die Geliebte hält wenig von dauerhafter Bindung. Der Verirrte kehrt zurück zu Hermine. Sie heiraten.

Doch damit endet die Geschichte nicht, sondern erst zwölf Jahre später.

Heinrich bewohnt mit der Gattin ein Landhaus. In den Ort zieht eine arme Theatertruppe ein. Anna, inzwischen völlig heruntergekommen, ist mit dabei. Samt ihrer sechsjährigen Tochter.

Aber es gibt keine Vorstellung. Darstellerin Anna ist todkrank. Heinrich sucht sie auf und kann der Sterbenden nur noch eines versprechen: Seine Frau und er werden Annas Kind in ihre Familie aufnehmen.

Der Novellist vermied Angaben zur Jahreszeit, in der das geschah. War Weihnachten nicht fern? Die Rettung einer Waise würde als Akt der Nächstenliebe jedenfalls gut zum Christfest passen.

Damit vom Erzähler zu einem Poeten, der ebenfalls mit Bitterem in den Almanach Eingang fand. Im Gedicht Drei Rosen betrachtet er deren zwei, die gerade erblüht sind, und eine dritte, deren Ende naht. Dann heißt es: Die Nacht war stürmisch, und als der Morgen gegraut, / Hab’ schnell ich nach den Rosen geschaut: / Die alte verwelkte Rose blieb stehn, / Und die lieblichen Röschen mußten vergehn.

Im Band für 1848 war das Prophetie! Viele Junge fielen im Kampf gegen Habsburgs Regime; bettlägrige alte Revolutionäre überlebten.

Als nach Jahrzehnten harter Zensur in den 1860ern freiere Worte erlaubt waren, blickte eine Gedenke Mein!- Ausgabe auf im Taschenbuch einst versteckte Förderung freiheitsliebender Autoren. Zu ihnen gehörten der genannte Erzähler wie der zitierte Poet. Aufmerksame Zeitreisende kennen beide. Der Erzähler war der Volksschriftsteller Anton Langer (1824-1879), der Poet der spätere "Wiener Zeitung"-Chef und Strindberg-Schwiegervater Friedrich Uhl (1825-1906).

Kopfnuss: Wie hieß Autor Anastasius Grün wirklich?




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Dokument erstellt am 2017-12-01 12:41:11
Letzte ─nderung am 2017-12-01 15:19:47



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