
Gerade ist Frankfurt fertig mit seinem Nibelungen-Ring, da geht es in München los. Wo freilich auch schon im Juni die "Götterdämmerung" auf dem Programm steht. Vor allem an diesen beiden "frischen" Projekten wird sich dann wohl Bayreuth messen lassen müssen, wenn dort im Wagner-Jubeljahr 2013 Frank Castorfs Deutung über die Bühne geht.
In München spielt Regisseur Andreas Kriegenburg sogar selbst mit. Zumindest taucht er zwischen seinen unzähligen Statisten auf, die sich auf der Bühne versammeln, wenn sich der Zuschauerraum füllt. Wenn Kent Nagano dann den Taktstock hebt, werden sie ziemlich überzeugend zum wogenden Rhein. Oder im Hintergrund von Harald B. Thors schlichtem Bühnenkasten mit den beweglichen Seitenwänden, zur Mauer von Walhall. In Nibelheim, für das die Boden- und Deckenplatte beklemmend schräg aufeinander zulaufen, um nur einen schmalen Stollen freizulassen, gibts diesmal keine Kinder(ballett)arbeit. Doch immer, wenn dort hinten einer von den dreckverschmierten Nibelungen unterm Peitschenschwung oder den geschleppten Lasten zusammenbricht, wird er einfach in einer Bodenluke entsorgt und jedes Mal gibt es kurz danach eine kleine Stichflamme. Ausbeutung und Menschenverachtung pur als zynischer Hintergrund.
Kapitalismuskritische Klartext-Bilder
Auch die Riesen in ihrer arbeitsblauen Kluft sind nicht allzu weit davon entfernt. Sie werden auf großen Würfeln aus gepressten Menschen hereingeschoben und können sich bei Bedarf ziemlich aufplustern. Zu diesen verblüffend schlichten kapitalismuskritischen Klartext-Bildern kommt eine durchwegs kammerspielartige Präzision bei der Figurenzeichnung. Kriegenburg hüpft obendrein auch noch ziemlich leichtfüßig über die (meisten) szenischen Rheingold-Klippen. Mit personifiziertem (weiblichen) Rheingold oder beim Tarnhelmzauber in Nibelheim durch Blendscheinwerfer Richtung Publikum. Als Drache freilich bringts Alberich nur zum lodernden Wurm. Am Ende kann Wotan (Johan Reuter) nur noch mit letzter Kraft seine Götterpose wahren. Er bricht immer wieder zusammen oder droht gar in das gähnende metaphorische Loch zu stürzen, das der Container mit den Lösegeld-Goldbarren für Freia hinterlassen hat, als Wotan samt totem Riesen in der Versenkung verschwand. Im Grunde ist diese Sippschaft schon jetzt am Ende.
Kriegenburg versucht der Geschichte vor allem mit Menschen-Bildern auf einer Tabula-Rasa-Bühne Herr zu werden. Ob es im Ganzen gelingt, wird man im Juni wissen. Die vokalen Stars im durchwegs überzeugenden Ensemble sind der Alberich-Einspringer Johannes Martin Kränzle und der Loge-Entertainer im roten Anzug Stefan Margita. Aus der überzeugenden Götterfraktion ragt die exzellente Freia von Aga Mikolaj heraus.
Kent Nagano geht erstaunlich sinnlich in die Vollen, deckt dabei aber nur ganz selten einen der Sänger zu. Am Ende werden er und die Bayerische Staatskapelle für ein spannendes Rheingold ebenso gefeiert wie die Protagonisten. Bei Kriegenburg und seinem Team wirkt die einhellige Zustimmung obendrein erleichtert über einen vielversprechenden Ring-Auftakt.
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