
Mit Geiz kennt sich PeterLicht aus. Der Dichter und Songwriter geizt nämlich selbst - mit seinem Gesicht. Er lässt sich nicht fotografieren. Eine CD von PeterLicht heißt "Lieder vom Ende des Kapitalismus", nicht nur deshalb erscheint er als ideal, Molières "Der Geizige" in unsere heutige "Geiz ist geil"-Epoche zu übertragen.
Im Wiener Schauspielhaus hatte nun diese Variation auf Molière Premiere: PeterLicht hat das Stück in seine Einzelthemen aufgespalten und diese Ideen-Atome neu geordnet. Harpagon ist bei ihm kein gieriger Widerling mehr, obwohl er von Sohn Cléante zu Beginn als "So ein Unsympi, so ein Uääh" vorgestellt wird. Die Kinder Cléante und Elise sprechen die Sprache der "Republic of Jugendkultur", also "Ich so, er so, ich so hä?". Die Liebeshandlung hat PeterLicht ziemlich ausgespart, sie macht aber mit einem Running Gag beharrlich auf sich aufmerksam.
Irrlichternde Satzschrauben
Die jüngere Generation revoltiert dagegen, dass Harpagon sich weigert, in den Kreislauf des Kapitalismus einzusteigen. Dabei stört sie hauptsächlich, dass der Kreislauf sein Geld nicht zu ihnen trägt - wo sie doch dereinst für ihn aufkommen müssen, als "Demenzomat" und "Pflegeranski". In einer Zeit, in der keine Anlage mehr sicher oder überhaupt sinnvoll scheint, wird der Geldblockierer Harpagon auf einer neuen Ebene verständlich. Bei PeterLicht bekommt sein Geiz gar eine esoterische Facette: Für ihn ist Geld "das Reinste, was es gibt". Kapital und Zinsen werden philosophisch überhöht und bekommen ihren poetisch-klangmalerischen Ausdruck in dem Satz "Die Idee plitscht auf mein Konto".
Johannes Zeiler, erst kürzlich hochgelobt für seine "Faust"-Darstellung im Kino, spielt diesen Harpagon, dessen Geiz sich nicht nur auf sein Geld erstreckt, sondern auch auf die Zahnpasta und auf Müll und auf die ganze Menschheit - das sind nun einmal viel zu viele: "Überall rennt wer rum mit seiner Existenz!" Zeiler ist der Mittelpunkt eines fantastischen Ensembles, das den irrlichternden Satzschrauben mit hinterrücks einfallenden Pointen mehr als gewachsen ist. Da ist der schrill-komische Cléante mit der Angst vor weiblichen Hormonen ("Ich so: Nerv!": Vincent Glander), die puppenhafte Elise, die auch geizt, und zwar mit Wissen (Veronika Glatzner), der schlau-gierige Valère (Max Mayer), dessen Geiz sich auf das Tiefblau seiner Jeans bezieht, und die patente Allzwecknebenfigur Onkeltante Jakob in gelbem Latex (Katja Jung).
Natürlich hat PeterLichts Ozean der Textwogen trotz allem Humor und aller überraschenden Denkrichtungen auch seine Längen - mit dem Ensemble übersieht man sie fast. Die frisch-leichthändige Inszenierung von Bastian Kraft und das originelle Bühnenbild mit dem dankenswert unverkopften Einsatz von Projektionen tun das Ihre, dass dieser"Geizige"einevielleicht neonfarbene, aber nicht nur oberflächlich leuchtende Version geworden ist. Dazwischen spielt man Pachelbel - für alle, die vergessen, dass all das schon viel früher Thema war.
Theater
Der Geizige
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