
Das Bühnenbild ist der eigentliche Star. Für die Uraufführung von Dea Lohers jüngstem Stück "Diebe" hat Regisseur und Bühnenbildner Andreas Kriegenburg eine die gesamte Spielfläche einnehmende Apparatur in Form eines Mühlrads entworfen, das sich bei jedem Szenenwechsel dreht; die langsam rotierenden Flächen des gigantischen Räderwerks werden dabei zum Spielort - und ermöglichen spektakuläre Auf- und Abtritte. So schaufelt der Drehmechanismus die Protagonisten bisweilen in die Szene, hebt sie empor und lässt sie niedersinken; mitunter kommen die Schauspieler auf der schiefen Ebene ins Rutschen und Balancieren. Als Metapher für das Hamsterrad der menschlichen Existenz ist dieses Bühnenbild nicht unbedingt subtil, aber ungemein wirkungsvoll. | Kriegenburg bringt seit Jahren jedes neue Stück von Dea Loher zur Erstaufführung. Das Auftragswerk "Diebe" feierte Anfang 2010 im Deutschen Theater Berlin Premiere und wurde von vielen Kritikern mit Recht als Höhepunkt der Zusammenarbeit bezeichnet. Nun gastiert die Aufführung, die zum Berliner Theatertreffen geladen war, im Rahmen der Festwochen in Wien.
Überraschend heiter
Aus dem Schaffen von Loher, einer der renommiertesten Dramatikerinnen des deutschen Gegenwartstheaters, ragt das Stück hervor. Gemeinhin gilt die Autorin als Virtuosin auswegloser Bühnensituationen und pechschwarzer Monologe. "Diebe" dagegen wirkt überraschend humorvoll, vereinzelt gelingen Loher geradezu absurde Miniaturen. In 37 lose aneinander gereihten Szenen entwirft sie das Schicksal von zwölf Figuren. Wie in Robert Altmans Episodenfilm "Shortcuts" begegnen sich die Protagonisten zufällig, ihre Lebensläufe werden beiläufig verwoben, wobei so besonders der zweite Teil an Intensität gewinnt.
Da ist etwa der Polizist Thomas Tomason (Daniel Hoevels). Anfangs trägt er seine Frau Monika auf Händen: Barbara Heynen als Ehefrau springt ihm buchstäblich in die Arme. Wenige Szenen darauf schnippt er ihr Erdnüsse ins Gesicht, während sie ihm von einem erhofften Karrieresprung als Supermarktleiterin berichtet. Schließlich wird sie entlassen, die Ehe geschieden, und er schießt seiner Ex-Frau eine Kugel in den Kopf.Linda (Judith Hofmann) wiederum deckt allabendlich den Tisch für ihre Familie - Mann und Kind sind jedoch Produkte ihrer Fantasie. Ira Davidoff (Heidrun Perdelwitz) schließlich harrt, einer modernen Penelope gleich, 43 Jahre lang der Rückkehr ihres Ehemanns, der sie bereits in den Flitterwochen verlassen hat.
Die einzelnen Episoden besitzen also durchaus beklemmenden Charakter - es kommt überdies zu einem bestialischen Mord und einem Suizid. Dennoch wird das Geschehen vom bravourösen Ensemble überwiegend komisch, geradezu slapstickartig dargestellt. Die Kostüme (Barbara Drosihn) wirken dabei wie ein kurios-pastellfarbenes Echo auf die Wirtschaftswunder-Mode der 50er Jahre; gruselige Idylle erzeugt zudem die Bühnenmusik, etwa wenn Frank Sinatra "Cheek To Cheek" singt. "Diebe" ist eine düstere Parabel vom gestohlenen Leben, beschwingt in Szene gesetzt, inspiriert von jener Heiterkeit, die mitunter im Tragischen mitschwingt.
Theater
Diebe
Von Dea Loher
MQ, Halle E
Wh.: bis 21. Mai
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