
"Perseveration" nennt die Wahrnehmungspsychologie das Phänomen, wenn man gewisse musikalische Wendungen nicht mehr aus dem Kopf bekommt. Normalerweise hält so etwas nur einen Tag lang an (sodass man einen in der Früh gehörtes Stück dann den ganzen Tag über vor sich hin summt), mitunter aber auch ein Leben. Dann bleiben Refrains, Rhythmen und oft ganze Lieder, die man als Kind oder Jugendlicher gehört hat, ungelöscht im Gedächtnis haften - und ziehen dort ihre Schleifen. Wieder und wieder.
Nat King Coles Mikro
Mir geht es mit Paul McCartney so, den ich mir - zusammen mit seiner Zweitformation, The Wings - irgendwann zu Weihnachten einmal in den Gehörgang eingetreten habe, und von dort vor allem um diese Zeit nicht mehr herausbekomme. Trotzdem käme ich nicht auf die Idee, nun selbst McCartney- und Wings-Songs anzustimmen. Beim zum Sir geadelten Liverpooler ist das naturgemäß anders. Klein Paul hat sich aus der großen Gershwin-, Cole Porter- und Fred Alert-Ära allerlei Jazz-Standards, die sein Vater bei Familien- und Neujahrsfesten zur eigenen Klavierbegleitung trällerte, eingetreten. Und die gibt er, dessen 70er heuer Mitte Juni ansteht, nun im reifen Alter zum - na ja - Besten.
Sein neues, soeben erschienenes Album, "Kisses On The Bottom" (nach einer Stelle im eröffnenden, von Fats Waller berühmt gemachten Alert-Song "Im Gonna Sit Right Down And Write Myself A Letter" betitelt), besteht aus zwölf solcher Standards - und zwei in deren Stil von McCartney nachempfundenen Songs, bei welchen ihn Eric Clapton an der Gitarre und Stevie Wonder an der Harmonika begleiten.
Es sind darunter All-Time-Klassiker wie "Its Only A Paper Moon" oder "Bye Bye Blackbird", aber auch weniger oft gehörte und somit abgespielte Lieder, wie etwa "More I Cannot Wish You" oder "The Inch Worm" (beide von Frank Loesser), die auch am weitaus interessantesten klingen.
Aufgenommen großteils in den legendären Capitol Studios in L.A., wo McCartney ins patinierte Originalmikro von Nat King Cole schmachtete, wurde die Platte von dem legendären US-Jazz-Produzenten (und dreifachen Grammy Award-Preisträger) Tommy LiPuma supervidiert - und von Diana Krall am Klavier mit Musikern ihrer Band eingespielt. Vom London Symphony Orchestra stammen die in diesen Arrangements unvermeidlichen Streicherpassagen.
Der Ex-Beatle steuert zu dem Ganzen buchstäblich nur seine Stimme bei. Das ist ein Vor- und Nachteil zugleich. So kann er, der schon grauenhafte Klassik-Kompositionen und -Adaptionen hervorbrachte, hier nicht viel verderben. Wie schnell er ins allzu Geschmäcklerische abgleitet, ist in der von ihm geschriebenen Schlussnummer "Only Our Hearts" zu hören (die auch von Stevie Wonders virtuos geblasenem Harmonika-Solo nicht mehr gerettet wird).
Selten zuvor waren sich die Mitarbeiter dieser Seite so einig wie heuer, welches Album das herausragende im Jahr 2011 war: nämlich "Let England Shake"...
weiter
(dawa) Die Legende lebt. Eine Aussage, die im Falle von Marta Eggerth wörtlich genommen werden darf. Anlässlich ihres erst kürzlich gefeierten 100...
weiter
(dawa) Ein gemeinsames Verständnis von Kreativität ließ aus der Zusammenarbeit von Bedrich Smetana und Librettistin Elika Krásnohorská etwas...
weiter
(dawa) Wieder einmal hat Pierre Boulez zugeschlagen. Und wie. Mit dem Gustav Mahler Jugendorchester ist seit Gründung des Ausnahmeensembles vor mehr...
weiter